zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 4/2018 » Leseprobe 3
Titelcover der archivierte Ausgabe 4/2018 - klicken Sie für eine größere Ansicht
Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

Lesen Sie hier
 
Ausgaben-Index 1972 bis heute
Chronologisch- thematische Liste aller Hefte von 1972-heute
Autoren-Index 1972 bis heute
Alphabetische Liste aller Autoren und Ihrer Artikel
<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Leseprobe 3 DOI: 10.14623/com.2018.4.407–416
Sebastian Kleinschmidt
APOLOGIE DER ERBSÜNDE
Versuch, ein Dogma zu verstehen
Obwohl ich einem evangelischen Pfarrhaus entstamme, ist es mir nicht an der Wiege gesungen worden, dereinst einmal, noch dazu in einer katholischen Akademie1, das Wort zur Verteidigung der Erbsünde zu ergreifen. Doch nicht für sie, die Ursünde selbst, will ich eine Lanze brechen, für jene Erstgestalt des Abfalls, welche laut offiziellem Bekenntnis beider christlicher Kirchen von Generation zu Generation, von Geschlecht zu Geschlecht weitergegeben wird, wohl aber für das Mahnende in der Lehre von ihr. Oder doch für beides? Man wird sehen. Ich habe keine festumrissene Position im vorhinein. Ich bin selber gespannt, wohin mich die Gedanken tragen werden.

Die Erbsünde, zugegeben, ist ein schwieriger und für viele auch befremdlicher Gedanke. In der Bibel, sagen die einen, ist von ihr nicht die Rede, jedenfalls nicht kategorial. Sehr wohl ist darin von ihr die Rede, nämlich dem Sinn nach, sagen die anderen. In Beichtgebeten kommt sie nicht vor, im Beichtspiegel auch nicht. Wie sollte sie auch. Man kann Sünden beichten, aber man kann nicht die Erbsünde beichten. Sie ist kein eigener Gottesfrevel der Lebenden, keine persönliche Übertretung, weder eine der Tat noch eine des Unterlassens. Sie ist eine überkommene Verfehlung, Erbe der Voreltern, allerdings eines, das man nicht ausschlagen kann.

Wenn man den Sinn dieser Erbschaft verstehen will, ihn aber nicht im Beten und nicht im Beichten greifen kann, sollte man es im Gesang versuchen. Ich denke da an Monsignore Jaroslav Kubóvec, den Priester des Spätkonvertiten Ernst Jünger, der zu seinem fast hundertjährigen Schützling sagte, einmal Singen sei besser als dreimal Beten.

Und ja, es gibt ein Lied, das von der mysteriösen Sache handelt, es steht zwar nicht im Gesangbuch, weder im katholischen noch im evangelischen, aber manchmal wird es doch gesungen, denn Bach und Buxtehude haben es vertont. Es heißt, horribile dictu, «Lied von der Erbsünde» und stammt von dem Nürnberger Ratsschreiber Lazarus Spengler, geboren 1479, gestorben 1534. Spengler war ein früher Förderer der Reformation und wurde 1520 zusammen mit Luther mit dem päpstlichem Bann belegt. Das jambische Lied ist recht lang, es hat neun Strophen zu jeweils acht Zeilen. Ich kann es nicht komplett vortragen, doch eine Kostprobe in Gestalt der ersten drei und der letzten zwei Strophen will ich geben.

Durch Adams Fall ist ganz verderbt
Menschlich Natur und Wesen,
Dasselb Gift ist auf uns ererbt,
Daß wir nicht mocht’n genesen
Ohn’ Gottes Trost, der uns erlost
Hat von dem großen Schaden,
Darein die Schlang Eva bezwang,
Gotts Zorn auf sich zu laden.

Weil denn die Schlang Eva hat bracht,
Daß sie ist abgefallen
Von Gottes Wort, welchs sie veracht,
Dadurch sie in uns allen
Bracht hat den Tod, so war je Not,
Daß uns auch Gott sollt geben
Sein lieben Sohn, der Gnaden Thron,
In dem wir möchten leben.

Wie uns nun hat ein fremde Schuld
In Adam all verhöhnet,
Also hat uns ein fremde Huld
In Christo all versöhnet;
Und wie wir all durch Adams Fall
Sind ewigs Tods gestorben,
Also hat Gott durch Christi Tod
Verneut, was war verdorben.

[…]

Ich bitt o Herr, aus Herzensgrund,
Du wollst nicht von mir nehmen
Dein heilges Wort aus meinem Mund,
So wird mich nicht beschämen
Mein Sünd und Schuld, denn in dein Huld,
Setz ich all mein Vertrauen;
Wer sich nur fest darauf verläßt,
Der wird den Tod nicht schauen.

Mein Füßen ist dein heilges Wort
Ein brennende Laterne,
Ein Licht, das mir den Weg weist fort;
So dieser Morgensterne
In uns aufgeht, so bald versteht
Der Mensch die hohen Gaben,
Die Gottes Geist den g’wiß verheißt,
Die Hoffnung darein haben.

Spengler war Theologe, er hat sich 1529 in einer Schrift mit Zwinglis Erbsünden- und Tauflehre auseinandergesetzt. In der kurzen Einleitung erklärt er, dass derjenige, der die verdammende Wirkung der Erbsünde verneint, die Heilstat Christi verleugnet. Diese Ansicht spiegelt sich auch im Text seines Liedes wider. Ich will jetzt nicht näher darauf eingehen. Soviel aber darf ich sagen, Spenglers Lied von der Erbsünde ist im Grunde nichts anderes als eine Versifikation des Erbsündendogmas. Das soll kein Einwand gegen das Lied und auch keiner gegen das Dogma sein. Apropos Dogma. Der Begriff hat schlechte Karten heutzutage. Man denkt an das Bonmot von Karl Rahner: «Dogmen sind wie Straßenlaternen. Sie wollen den Weg beleuchten, aber nur Betrunkene halten sich daran fest». Doch haben Dogmen, sachlich betrachtet, nichts Anrüchiges. Sie verkörpern eine durchaus anspruchsvolle Gattung religiösen Erkennens. Sobald der Glaube zur formgebenden Macht des Denkens aufsteigt, zielt er auf begriffliche Klärung und konzentrierte Wahrheit. Der Geist kristallisiert. Das ist der Sinn der Sache. Eine Zeit, die keine Dogmen, sprich keine verbindlichen Lehrsätze mehr hat, ist eine schwache Zeit.

Die Dogmengeschichte der Erbsünde ist lang. Ich kann hier nicht darauf eingehen, nicht auf Paulus, Ambrosius, Pelagius, Augustinus, nicht auf Luther. Nicht auf die vielen anderen. Auf wen ich aber eingehen kann und will, ist Ernst Bloch. Mit ihm möchte ich beginnen. Nicht weil ich eine besondere Schwäche hätte für Ketzer und Häretiker, sondern weil es für das Denken fruchtbar ist, sich nicht nur im eigenen Kreis zu bewegen. In Blochs spätem Buch «Atheismus im Christentum», erschienen 1968 – wann sonst, möchte man meinen – findet sich der Satz: «Die Paradiesschlange ist die Raupe der Göttin Vernunft.»



Anmerkung

1 Vortrag bei einem Studientag zum Thema Erbsünde in der Katholischen Akademie Berlin am 27.
Januar 2018. [...]


Lesen Sie den kompletten Artikel in der Printausgabe.

Zurück zur Startseite
Jahresverzeichnis 2017

Hier erhalten Sie das Jahresverzeichnis 2017

Sie haben die Wahl ...
weitere Infos zu unseren Abonnements

Komfortabler Online-Bereich mit Archiv-, Download- und Suchfunktion sowie komplettem Autorenregister.

Online-Ausgabe einsehen

Online-Ausgabe bestellen
Unsere Autoren
Hier erhalten Sie einen Überblick unserer Autoren.
Newsletter
Unser Newsletter informiert Sie über die Inhalte der neuesten Ausgabe.
Die internationalen Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio finden Sie hier.
Verein der Freunde und Förderer Communio e.V.
Allgemeines zu unserem Verein
Sie wollen unserem Verein beitreten?
Vereinssatzung

Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Communio
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | Sitemap | AGB | Widerruf | Datenschutz | Impressum