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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/com.2018.5.456–471
Jan-Heiner Tück
IN FREIHEIT GEBUNDEN
Odysseus am Mastbaum als Modell für den Homo viator
Vom Mythos zum Logos – auf diese griffige Formel hat man lange Zeit die Kritik der Philosophen an der griechischen Mythologie gebracht. Schon Vorsokratiker wie Xenophanes haben an der moralischen Verwerflichkeit und den anthropomorphen Zügen der mythischen Göttergestalte n Anstoß genommen, um einen philosophisch gereinigten Begriff des letzten Ursprungs, der arche, zu entwickeln. Auch Platon hat bekanntlich Dichter wie Hesiod und Homer aus seinem Idealstaat ausgeschlossen, weil die «Lügenmärchen», die sie ersannen, der Erziehung der Jugend abträglich seien. Geschichten, in denen Götter miteinander im Streit liegen, Ehebruch begehen, täuschen und betrügen, widersprechen der Überzeugung, dass Gott gut, gerecht und vollkommen ist. Sie sind unmündigen Kindern nicht zumutbar, die sie später als Vorbilder im Schlechten zur eigenen Rechtfertigung heranziehen könnten.

Bei aller Vorordnung des Logos vor dem Mythos kommt es bei Platon allerdings zugleich zu einer signifikanten Rehabilitierung der mythischen Rede, wenn er das Unsagbare im Modus der Erzählung nahebringt oder dem Mythos die Funktion einer Bebilderung und Erläuterung des Logos zugesteht. Die platonische Kritik an den Mythen als unwahrer Märchen und Lügen, die sich auch bei anderen Autoren der Antike findet, ruft allerdings in Stoa und Neuplatonismus Versuche einer Homer-Allegorese hervor, die hinter der bunten Textoberfläche einen verborgenen Sinn zu eruieren sucht. Entsprechend vielfältig fällt die Resonanz bei den Apologeten des zweiten Jahrhunderts und den folgenden Kirchenvätern aus. Justin sieht bei Platon die Kraft des Logos wirken, weil er die Dichtungen Homers aus seinem Staat ausschließt. Auch das Urteil Tertullians ist abschätzig, wenn er den Dichter der Odyssee als dedecorator deorum bezeichnet, der durch seine menschlich allzu menschliche Darstellung der Götter unfreiwillig deren Masken und Kostüme heruntergerissen habe. Andere wie Clemens oder Hieronymus loben die poetische Qualität und Weisheit Homers. Insgesamt aber haben die Kirchenväter weder die mythische Theologie der Dichter, deren anthropomorphen Charakter sie durchschauten, noch die politische Theologie des Staates aufgenommen, sondern die natürliche Theologie der Philosophen rezipiert, um das Christentum als wahre Religion auszuweisen. Schon im Neuen Testament war wiederholt vor Fabeln und Geschichten gewarnt worden (vgl. 1 Tim 1, 4; 4, 7; Tit 1, 14). So lag die Koalition zwischen der philosophischen Kritik am Götterpantheon Homers und der patristischen Theologie auch aus biblischen Gründen nahe.

Allerdings sollte nicht übersehen werden, dass sich die Kirchenväter bei allen Vorbehalten gegenüber den griechischen Mythen immer wieder mit einzelnen Gestalten auseinandergesetzt und diese in einen christlichen Deutehorizont integriert haben. Dabei haben sie auf gängige Verfahren der paganen Mythen-Allegorese zurückgreifen können, diese aber zugleich transformiert. Neben der physikalischen Allegorese, welche die Götter mit kosmischen Mächten identifizierte, gab es die moralische Allegorese, welche hinter der mythischen Oberfläche einen verborgenen Sinn (hyponoia) freizulegen suchte. In dieser Lesart offenbart der Streit der Götter den sittlichen Grundkonflikt zwischen Gut und Böse, die Aufdeckung der negativen Auswirkungen des Lasters erfolgt in der moralischen Absicht, zu einem tugendhaften Leben anzuhalten. Die Kirchenväter haben die Mythen, die im Bildungskanon selbstverständlich weiter tradiert wurden, partiell aufgenommen, um das Evangelium in die hellenistische Kultur einzuschreiben – wohl auch in der Ahnung, dass im Modus der Erzählung eine bildhafte Vorstellung und lebensweltliche Konkretion erreichbar ist, die im Modus der begrifflichen Durchdringung zurücktreten muss. Anders als die hellenistische Allegorese, welche «einen zeitlosen und apersonalen Charakter» aufwies, haben die Kirchenväter einzelne mythische Gestalten auf das geschichtliche Christusereignis hin bezogen. So hat etwa Clemens von Alexandrien Christus als neuen Orpheus gedeutet. Der Sänger, der in die Unterwelt geht, um seine Gattin Eurydike zu erlösen, erschien ihm als Vorausbild Christi, der auf der Kithara des Heiligen Geistes ein neues Lied sang – andere haben in Herakles nicht nur ein Vorbild biblischer Helden wie Simson, sondern auch eine Präfiguration des österlichen Siegers über Leiden und Tod gesehen. Ein besonders vielfältiges Echo hat der Mythos von Odysseus gefunden, der die Verlockungen der Sirenen bestanden hat, weil er sich auf göttliche Weisung hin freiwillig an den Mastbaum des Schiffes gebunden hat, und so den heimatlichen Hafen Ithakas erreichen konnte.

Die doppelte Gefahr des Odysseus

Rufen wir uns den zwölften Gesang der Odyssee kurz in Erinnerung. Nachdem Odysseus und seine Gefährten dem Totenreich des Hades lebend entronnen sind, steuern sie ihr Schiff zur Insel der Göttin Kirke zurück. Dort gehen sie an Land und bestatten ihren Gefährten Elpenor. Nach der Bestattung gewährt Kirke den Männern ein stärkendes Mahl. Bei Sonnenuntergang, als die Gefährten des Odysseus sich schlafen legen, nimmt Kirke den Sohn des Laertes zur Seite und eröffnet ihm die Gefahren der weiteren Schifffahrt. Zwei Herausforderungen werde er zu bestehen haben, wenn er die Heimkehr antreten wolle: zuerst den berückenden Gesang der Sirenen, dann die Meerenge zwischen Skylla und Charybdis. Wer dem verführerischen Zauber der Sirenen erliege, der kehrt, so warnt Kirke, «nimmer nach Hause. Sein Weib, seine lallenden Kinder / Treten ihm nicht mehr zur Seite in herzlicher Lust» (XII, 42f ). Um der tödlichen Gefahr zu entgehen, empfiehlt die Göttin Odysseus, er möge die Ohren der Gefährten mit geschmolzenem Wachs verstopfen, damit sie den hellen Gesang erst gar nicht hören. Wenn er selbst eine Ausnahme machen wolle, so solle er sich «aufrecht stellen» und «mit Händen und Füßen» an den Mastbaum des Schiffes binden lassen, um der todbringenden Verlockung zu entgehen. Erst wenn das Schiff an der Gefahr vorübergerudert sei, dürften die Fesseln wieder gelöst werden.

Diese mythische Szene des Odysseus und den Sirenen hat schon in der Antike die allegorische Auslegung beflügelt. Der Weg vom Reich des Schattens, dem Hades, zur Sonne der Heimat ist von Gefahren gepflastert, die es zu meistern gilt. In moralisierenden Deutungen hat die Homer-Allegorese die Tugend der Selbstbescheidung als Weg der Überwindung von Risiken dargestellt. Daran konnten die Kirchenväter anknüpfen, die in der Selbstbindung des Odysseus an den Mastbaum des Schiffes einen verbogenen Vorverweis auf das Kreuz erblickten. Diese haben das Meer auf die Welt, das Schiff auf die Kirche und den Mast auf das Kreuz bezogen. «Kirche ist Seefahrt zum portus salutis», schreibt Hugo Rahner, der dem Motiv in seinem Buch «Symbole der Kirche » eine Abhandlung von überbordender Gelehrsamkeit gewidmet hat. Die Schifffahrt, die nicht nur auf die Kirche, sondern auch auf den Lebensweg des Einzelnen hin gedeutet wurde, war in der Antike allerdings hochambivalent: sie galt als schönes Abenteuer, aber auch als lebensgefährliches Risiko – immer war ungewiss, ob man den sicheren Hafen am Ende der Reise wohl erreichen würde. Wellengang, Unwetter und Sturm waren nicht vorhersehbar, Klippen, Sandbänke und seichte Buchten galt es zu vermeiden. Ob man im Falle des Schiffbruchs die rettende Planke erreichen würde, wer konnte das wissen.

Die Selbstbindung an den Mastbaum als Modell der Christen


Es ist deutlich, dass diese Zusammenhänge ohne Schwierigkeiten ins Theologische übertragen werden konnten. Mit der Arche Noahs, die aus der Sintflut rettet (vgl. Gen 6, 5–9, 17), aber auch mit dem Schiff Petri, das im Sturm der Zeiten nicht untergeht, standen Topoi im Hintergrund, die in eine ähnliche Richtung weisen. Den Hafen des Heils kann man nur im Schiff der Kirche erreichen, das den Stürmen von Zeit und Welt standhalten kann. Schon Justin der Märtyrer ergänzt die nautische Symbolik um das Kreuz, das er in Mastbaum und Segelstange sinnenfällig ausgeprägt sieht: «Nicht kann das Meer durchsegelt werden, außer wenn auf dem Schiff das Tropaion des Kreuzes, der Mastbaum unbeschädigt ist.»

An dieser Stelle ist der Einsatzpunkt für allegorische Lesarten im Horizont der hellenistischen Kultur, für die Homers Odyssee ein wichtiges Referenzwerk darstellte. Christen, die mit der griechischen Kultur vertraut waren, beziehen den an den Mast gebundenen Odysseus auf den Christen, der sich mit Christus freiwillig an den Balken des Kreuzes binden lässt, um die Gefährdungen des Säkulums bestehen zu können. Die Klugheit des Odysseus, der den Verlockungen der Sirenen gegenüber Vorsorge trifft, um das Schiff nachhause zu lenken, konnte als Vorbild für einen christlichen Lebensstil angeeignet werden, der angesichts möglicher Irr- und Abwege das Ziel der ewigen Heimat nicht aus den Augen verliert. Neben dem Mastbaum rückt hier der Gesang der Sirenen ins nervöse Zentrum der deutenden Aufmerksamkeit, der unterschiedliche Auslegungen gefunden hat. Der Christ, der als Seefahrer unterwegs zum Hafen der himmlischen Heimat ist, muss mit den Herausforderungen der Welt klug umgehen. Wie aber sind die Sirenen zu verstehen? Kann ihnen auch etwas Positives abgewonnen werden? [...]


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