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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/com.2018.5.472–481
Peter Walter
ECCLESIA PEREGRINANS
Zur heilsgeschichtlichen Sicht von Kirche im Zweiten Vaticanum
Als ich vor genau fünfzig Jahren mit dem Theologiestudium begann, war die Metapher von der pilgernden Kirche bzw. vom pilgernden Volk Gottes gängige Münze. Allenthalben herrschte Aufbruchsstimmung, und so wurde dieses Bild auch verstanden. Aber was es darüber hinaus bedeutet, war wenig klar. Es wurde, wenn ich mich recht erinnere, weil man um den ekklesiologischen Gebrauch der Pilgermetaphorik in den Texten des 2. Vaticanums wusste, durchaus auch als modisch und schwammig kritisiert, und das Konzil gleich mit. Aus der Rückschau soll im Folgenden nach dem Ursprung und dem Gebrauch der Metapher in den Texten des letzten Konzils und nach ihrer Leistungsfähigkeit für heute gefragt werden.

1. Zur Vorgeschichte


Die Wortverbindung «ecclesia peregrinans», die genaugenommen eine Personifikation darstellt, begegnet, wie eine Recherche mithilfe der Digital Library of Latin Texts Series A and B ergibt, in theologischen Texten vor dem 2. Vaticanum nur selten. Eine gewisse Häufung ist bei dem frühmittelalterlichen Benediktiner Beda Venerabilis (672/73–735) festzustellen, der entsprechend der Tradition seines Ordens zwar ortsfest lebte, aber mit dem Wirken der iroschottischen Wandermissionare vertraut war. Bildkräftig ist der Vergleich, den der Fuldaer Abt und spätere Mainzer Erzbischof Hrabanus Maurus (780–856) in seinem Kommentar zum Buch Jesus Sirach macht: Wegen seines zunehmenden und abnehmenden Lichts sei der Mond ein Bild für die Pilgerschaft der Kirche in der gegenwärtigen Zeit des sterblichen Lebens. Erzbischof Anselm von Canterbury (1033/4–1109) nennt in einem Brief den Papst «Vater der auf Erden pilgernden Kirche». Bei den großen Scholastikern des Hochmittelalters ist ein völliger Ausfall festzustellen. Lediglich der Oxforder Theologe John Wyclif (um 1330–1384), der als Kirchenkritiker hervorgetreten und deshalb als Häretiker verurteilt worden ist, scheint eine gewisse Vorliebe für das Bild gehabt zu haben. Aber auch bei ihm begegnet die Metapher im strengen Sinn nur einmal, wenn er in seinem Werk über die Kirche die im Himmel herrschende von der auf Erden pilgernden Kirche unterscheidet und davon spricht, Jesus Christus habe bei der Menschwerdung aus der Jungfrau Maria hypostatisch die Person der pilgernden Kirche angenommen. In der frühen Neuzeit taucht die Metapher bei dem Kapuziner Laurentius von Brindisi (1559–1619) auf, wenn er die oben genannte Stelle aus Anselm von Canterbury zitiert. Dieser Befund erstaunt, denn der für die westliche Theologie maßgebliche Stichwortgeber Augustinus (354–430) gebraucht die Pilgermetaphorik geradezu inflationär, um den Weg des irdischen Teils der «ciuitas Dei» zu beschreiben. Aber diese selbst, die für ihn auch nicht einfach mit der Kirche identisch ist, oder die Kirche versieht er nicht mit dem Adjektiv «peregrinans».

Ganz anders verhält es sich, was stehende Wendungen angeht, mit den Bezeichnungen «ecclesia militans» (streitende Kirche) für die irdische und «ecclesia triumphans» (triumphierende Kirche) für die himmlische Kirche. Die Vorkommen sind unüberschaubar, wobei häufiger von ersterer als von letzterer die Rede ist. Etwa zeitgleich stellen der französische Theologe Alain de Lille (um 1125/30– 1203) und der englische Augustiner Alexander von Ashby (1148/54–1208/14) beide Kirchen erstmals einander gegenüber. Alain kennt drei hierarchische Gebilde unter dem Himmel, die Synagoge, die streitende und die triumphierende Kirche, wobei offen bleibt, was mit der letzteren gemeint ist. Alexander unterscheidet das materielle Haus Gottes, d.h. jedes beliebige Gebetshaus, von dem geistlichen Haus Gottes, der «ecclesia militans», und vom himmlischen, der «ecclesia triumphans». Die scholastischen Theologen des 13. Jahrhunderts wie etwa Alexander von Hales, Albertus Magnus, Thomas von Aquin oder Bonaventura, aber auch ganz besonders John Wyclif gebrauchen die Begrifflichkeit häufig. Es passt zum Charakter des Jesuitenordens, dass die Approbationsbulle Papst Pauls III. vom 27. September 1540 mit den Worten beginnt «Regimini militantis ecclesiae», auch wenn sich diese nicht auf die Societas Iesu, sondern auf den Papst als den «Vorsitzenden der Regierung der streitenden Kirche» beziehen. Der Ordensgründer Ignatius von Loyola (1491–1556), der sich in autobiographischen Skizzen als Pilger vorstellte, hat in seinem Exerzitienbüchlein zur Genüge deutlich gemacht, dass es ihm «um die rechte Gesinnung für den Dienst in der streitenden Kirche» geht, für den er am Ende 18 Regeln aufstellt.

Im Mittelalter, in dem das Pilgern zu nahen und fernen Zielen, zumal als Bußleistung, eine große Rolle spielte, kam anscheinend niemand auf die Idee, die Kirche selber als pilgernde zu bezeichnen. Wohl gerade deswegen, weil Pilgerschaft mit Entfremdung gleichgesetzt wurde. Im klassischen Latein ist der «peregrinus» nicht einfach ein Fremder, sondern der Nichtbürger, auch der Unwissende. Noch das Konzil von Trient spricht 1551 in seinem Eucharistiedekret vom irdischen Leben als einer «elenden Pilgerschaft», auf der die Eucharistie Stärkung bietet. Das 1. Vaticanum charakterisiert mit einer Passage aus dem 2. Korintherbrief, in deren lateinischer Übersetzung das Verb «peregrinari» begegnet, die Dunkelheit, mit der in diesem irdischen Leben die göttlichen Geheimnisse umgeben sind. Diese bleiben «mit dem Schleier des Glaubens selbst bedeckt und gleichsam von einem gewissen Dunkel umhüllt […], solange wir in diesem sterblichen Leben ‹ferne vom Herrn pilgern [peregrinamur a Domino]: im Glauben nämlich wandeln wir und nicht im Schauen›.» Papst Pius XII. verwendet in seiner für die Fortentwicklung der jüngeren römisch-katholischen Ekklesiologie wichtigen Enzyklika «Mystici corporis» (1943) das Substantiv «peregrinatio» an der Stelle, an der er von der bedauerlichen Tatsache spricht, dass der Leib der Kirche nicht nur aus Heiligen bestehe. In dieser ekklesiologischen Verwendung des Pilgerschaftsgedankens kann man durchaus eine Brücke zum 2. Vaticanum erkennen.

2. Die pilgernde Kirche in den Texten des 2. Vaticanums

In den Dokumenten des 2. Vaticanum begegnet das Bild des Pilgerns durchgängig, nicht nur in der für diesen Beitrag titelgebenden Wortverbindung. Bereits im ersten, vom Konzil verabschiedeten und veröffentlichten Text, der Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium vom 4. Dezember 1963, gebraucht das Konzil sowohl das Adjektiv als auch das Substantiv, um den Geheimnischarakter der Kirche und ihr Unterwegssein zum Ausdruck zu bringen, an dem die Liturgie Anteil hat. Das Mysterium wird in Gegensatzpaaren beschrieben, zu denen auch die Gegenwart in der Welt und zugleich die Fremdheit gehören («[Ecclesiam] in mundo praesentem et tamen peregrinam» [SC 2, in der deutschen Übersetzung blass mit «unterwegs» wiedergegeben]). An der zweiten Stelle wird die irdische Liturgie als Vorwegnahme der himmlischen charakterisiert, auf die hin die Christen als Pilger unterwegs sind (SC 8).

Dass in den beiden ersten Kapiteln der Kirchenkonstitution Lumen gentium vom 21. November 1964, in denen die heilsgeschichtliche Sicht der Kirche breit entfaltet wird, auch von deren Pilgerschaft die Rede ist, kann nicht wundernehmen. Diese Redeweise steht jedoch keineswegs im Vordergrund, sondern begegnet eher am Rande. Beim heutigen Blick auf die heilsgeschichtlichen Aussagen des Konzils fällt auf, dass dieses selber noch «unterwegs» ist. Zwar beginnt die Heilsgeschichte, wie sie im ersten Kapitel von Lumen gentium beschrieben wird, nicht erst mit Jesus Christus und der Kirche, aber die vorhergehende Geschichte Gottes mit den Menschen, insbesondere diejenige Israels und der Alte Bund, wird, dem traditionellen Schema von Verheißung und Erfüllung entsprechend, als Präfiguration und Vorbereitung der Kirche eingeordnet (LG 2). Eine Aussage über die bleibende Bedeutung des Alten Bundes taucht erst später auf (LG 16, s.u.). Auch wenn die Kirche nicht einfach mit dem Reich Gottes identifiziert wird, beginnt dieses nach den Aussagen des Konzils doch erst mit der Verkündigung Jesu und breitet sich mittels der Kirche, die «Keim und Anfang dieses Reiches auf Erden» darstellt, unter den Völkern aus (LG 5). In diesem Zusammenhang wird unter Rückgriff auf 2 Kor 5, 6 auch die Pilgerschaft der Kirche thematisiert und in der deutschen Übersetzung als «fern vom Herrn» charakterisiert. Die Kirche, so heißt es weiter, wisse sich «als fremde [exsulem], so dass sie nach dem sucht und sinnt, was oben ist, wo Christus zur Rechten des Vaters sitzt, wo das Leben der Kirche mit Christus in Gott verborgen ist, bis sie mit ihrem Bräutigam in Herrlichkeit erscheint» (LG 6 mit Bezug auf Kol 3, 1–4). Das Bild von der Pilgerschaft wird treffenderweise aufgegriffen, wenn von Bedrängnis und Verfolgung der Kirche die Rede ist (LG 7). Nach einem am Ende des ersten Kapitels der Kirchenkonstitution zitierten Wort Augustins schreitet die Kirche «zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahin» (LG 8). [...]


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