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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
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Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/com.2018.6.556–562
Hans Maier
EUROPA — EIN KATHOLISCHES PROJEKT?
1. Die Anfänge

Drei «Männer von der Grenze» haben in den fünfziger Jahren den Anstoß zur europäischen Einigung gegeben: der Lothringer Robert Schuman, der Rheinländer Konrad Adenauer und der Trentiner Alcide De Gasperi. Sie überwanden den Nationalismus, der in zwei Weltkriegen zahlreiche europäische Länder zerstört und ein politisches Chaos angerichtet hatte, und sie begründeten eine neue Epoche friedlicher übernationaler Zusammenarbeit. Alle drei waren praktizierende Katholiken. Ist Europa also ein katholisches Projekt?

Natürlich nicht – die Montanunion, mit der die europäische Integration 1950 begann, war von Anfang an kein geistliches, sondern ein säkulares Vorhaben. Kohle und Stahl sind höchst irdische Dinge. Ohne sie sind keine Kriege möglich. Ihre plötzlich anwachsende Förderung und Produktion deutet auf Kriegsvorbereitungen hin. Die gemeinsame Verwaltung von Kohle und Stahl sollte nach dem Plan Robert Schumans solche Kriegsvorbereitungen öffentlich sichtbar – und damit politisch unmöglich – machen. Das war ein profanes Zweckbündnis ohne religiösen oder kulturellen Hintergrund – freilich wichtig für eine systematische Friedenspolitik, an der es bis dahin in Europa gefehlt hatte.

«Katholisch» muten allerdings die zwölf goldenen Sterne auf blauem Grund an, die seit 1955 die Europaflagge schmücken. Das neue Symbol wurde ausgewählt vom Europarat, dem bekanntlich auch Staaten angehören, die außerhalb West- und Mitteleuropas liegen (so die Türkei und Russland). Es erinnert an den Sternenkranz einer Madonna – man kann auch die zwölf Sterne der Apokalypse darin sehen, von denen das Kirchenlied «Wachet auf» (Philipp Nicolai) erzählt («… von zwölf Perlen sind die Tore / an deiner Stadt, wir stehn im Chore / der Engel hoch um deinen Thron.») – Die Frage stellt sich: Wie kam dieses geistliche Symbol in das «montane» Europa hinein?

Nun, es verdankt seinen Siegeszug nicht einer christlichen, sondern einer säkularistischen Deutung. Die Erfinder der Europaflagge, Beamte der europäischen Institutionen in Straßburg, die heute kaum jemand mehr kennt, empfahlen es – erstaunlich genug! – der Türkei, die kein Kreuz wollte, und den französischen Laizisten, die religiöse Zeichen generell ablehnten, als (angeblich) «laizistisches Symbol der Vollkommenheit». Man griff also auf die Symbolik der Französischen Revolution zurück, die sich ja gleichfalls, mangels eigener Traditionen, an überlieferte christliche Formen angelehnt hatte – und so fand die neue Flagge eine überraschend breite Zustimmung bis zum heutigen Tag. Europa hatte plötzlich ein neues – ein freilich mehrdeutiges – Symbol.

«Katholisch» erschien damals noch so manches andere. Die europäische Nachkriegszeit war ja religiösen Überlieferungen keineswegs abgeneigt. Man ergriff Besitz von Traditionen, die Halt und Sicherheit versprachen. In den Verfassungen mehrerer Länder tauchte die traditionelle Invocatio Dei wieder auf – in der Bundesrepublik Deutschland vorsichtiger als Nominatio gefasst. Das Thema der «Nennung Gottes» beschäftigte 1999/2000 auch die Europäische Union, als sie über einen Katalog europäischer Grundrechte beriet. Weitere Anstöße kamen hinzu. Mit der Lockerung nationalstaatlicher Abgrenzungen war in Europa eine neue Aufmerksamkeit für die katholische Staatslehre entstanden, die bis dahin im Schatten der öffentlichen Meinung gestanden hatte. Ihr übernationales Potential trat jetzt deutlicher hervor. Auffällig war die Verbreitung, die das Wort Subsidiarität auf gesamteuropäischer Ebene fand. Damit errang ein Begriff allgemeine Geltung, der unzweifelhaft auf kirchliche Ursprünge – die Enzyklika «Quadragesimo anno» Papst Pius’ XI. (1931) – zurückging und der lange Zeit als ausschließlich katholisches Sondergut gegolten hatte. Das Subsidiaritätsprinzip wurde jetzt in der gesamten Union rezipiert, es wurde in den Verträgen von Maastricht (1992) und Lissabon (2009) im Europarecht verankert, und es bildet heute eine der wichtigsten Regierungsmaximen der Europäischen Union

Es wundert nicht, dass Päpste die europäische Integration vielfältig begleitet und ermuntert haben, von Pius XII., der Robert Schuman, den Initiator der Montanunion, bewunderte und auszeichnete, über Johannes Paul II., der die polnische Solidarność behutsam aus der Ferne moderierte und zu friedlichem Machtgebrauch anhielt, bis zu Benedikt XVI. und Franziskus I., die vielfältig zu europäischen Themen Stellung nahmen. Zwei Sondersynoden (1991 und 1999) waren dem Thema Europa gewidmet. Der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen, gegründet 1971, beschäftigte sich mehrfach mit Fragen der Integration.

Die stärkste Bestätigung erfuhr die westliche Europabewegung seit den Siebzigerjahren aus dem europäischen Osten – vor allem aus den katholischen Ländern Polen und Ungarn. Es war die sehnlich erwartete, jedoch lange Zeit für kaum möglich gehaltene Antwort auf den westeuropäischen Impuls. Der Aufbruch von Solidarność – der ersten freien Gewerkschaft im Ostblock – unter Lech Wałesa 1980 in der Danziger Werft war das auslösende Moment für einen Freiheitssturm, der ganz Mittel- und Osteuropa in seinen Bann zog (Gorbatschow kam ja, was oft vergessen wird, erst fünf Jahre später!). Bewegungen in den baltischen Ländern und in Russland, in Rumänien und der Tschechoslowakei in Ungarn und der DDR schlossen sich an; sie erreichten ihren Höhepunkt im «annus mirabilis» 1989. Nun fielen erstmals auch Grenzen (so zuerst zwischen Ungarn und Österreich).

Als symbolisches Zeichen für diesen europäischen Aufbruch stehen bis heute die drei monumentalen Kreuze in der Danziger Werft, von der Gewerkschaft Solidarność durch Druck auf die Regierung erzwungen als Gedenken für die 1970, beim ersten Aufstand, erschossenen Werftarbeiter. Am selben Ort hält eine Tafel die Erinnerung an die Ansprache Papst Johannes Pauls II. bei seinem ersten Besuch in Polen am 2. Juni 1979 am Grabmal des Unbekannten Soldaten in Warschau fest. Er zitierte dort das biblische «Sende aus deinen Geist, und das Angesicht der Erde wird neu» und fügte nach einer Pause leise hinzu: «Dieser Erde» – womit er minutenlangen Beifall erntete.

2. Heutige Krisen


Die ersten Jahre nach der Wende von 1989/90 waren hoff nungsvoll. Der jahrzehntelang getrennte, in feindliche Blöcke gespaltene Kontinent schien aufs neue zusammenzuwachsen. 1992 war der Europäische Binnenmarkt vollendet, in den folgenden Jahren entwickelten sich mit den Verträgen von Maastricht und Amsterdam die ersten verbindlichen Baupläne für ein «Europäisches Haus». Die Europäische Gemeinschaft wurde zur Europäischen Union. Anfang des neuen Jahrhunderts begann eine geradezu stürmische Osterweiterung: 2004 traten Polen, Ungarn, Tschechien, die Slowakei, Slowenien, Litauen, Lettland, Estland der Union bei, 2007 Rumänien und Bulgarien, 2013 Kroatien. Seit 2013 weist die EU 28 Mitgliedstaaten mit insgesamt 511 Millionen Einwohnern auf.

Doch den schlimmsten Gewaltausbruch in Europa seit 1945, den Krieg im zerfallenden Jugoslawien, konnte auch die Europäische Union nicht verhindern. Nach dem Massaker von Srebrenica (1995) musste sie die NATO zu Hilfe rufen. Seit dem Jahr 2000 häufen sich die europäischen Krisen. Zwar gelanges im Jahr 2002, eine gemeinsame Währung für 11 Staaten (inzwischen 19) – den Euro – einzuführen, eine für Produktion und Handel wichtige Maßnahme. Die Vereinheitlichung ließ aber in mehreren Ländern die Staatsverschuldung in die Höhe schnellen – was insbesondere Griechenland in die Nähe des Staatsbankrotts brachte und ein achtjähriges europäisches Rettungsprogramm für das Mittelmeerland erforderlich machte.

Allgemein schwand im neuen Jahrhundert die – bis dahin selbstverständliche – Zustimmung der Bevölkerung zu neuerlichen Integrationsschritten. In mehreren Gründerländern gewannen populistische, antieuropäische Strömungen an Stärke. 2016 entschied sich erstmals ein EU-Staat – Großbritannien – für den Austritt aus der EU. Und seit 2015 beschäftigt die Migrations- und Flüchtlingskrise die europäischen Institutionen: Der Ansturm von mehr als einer Million Menschen aus Kriegs- und Notstandsgebieten führte zu einer tiefgreifenden Erschütterung der bisherigen europäischen Zusammenarbeit. Es gelang nicht, ein von allen Mitgliedstaaten akzeptiertes Verfahren der Verteilung von Asylsuchenden in der Europäischen Union einzuführen. Polen, Tschechien und Ungarn weigerten sich, Flüchtlinge aufzunehmen – z. T. unter Berufung auf angeblich katholische (anti-islamische) Traditionen; sie wurden von der Kommission vor dem EU-Gerichtshof verklagt, änderten jedoch ihre Haltung nicht. Migrationsdruck und Abwehr von Terrorgefahren führten nicht nur zur Schließung der EU-Außengrenzen, sondern auch zur Neueinführung von Kontrollen an den europäischen Binnengrenzen in nationaler Eigenregie. Die europäische Integration schien nach Jahren des Fortschritts plötzlich stillzustehen, ja nach rückwärts zu laufen. [...]


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