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THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
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JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
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JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/com.2018.6.618–631
Helmut Hoping
JOSEPH RATZINGER / BENEDIKT XVI. ÜBER DAS JUDENTUM
Bemerkungen aus aktuellem Anlass
Der in dieser Zeitschrift veröffentlichte Artikel «Gnade und Berufung ohne Reue. Anmerkungen zum Traktat ‹De Iudaeis›» von Benedikt XVI. wird in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Die Kritik reicht bis zum Vorwurf des Antisemitismus bzw. Antijudaismus. Rabbiner Walter Homolka, Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs, meint, Benedikt XVI. «sei vielleicht kein Antisemit», doch sein Artikel «baue mit am Fundament des neuen Antisemitismus auf christlicher Grundlage». Der Wuppertaler Theologe Michael Böhnke spricht von einer Fortschreibung und Zementierung des christlichen Antijudaismus und der Legende vom großen Theologen Ratzinger.

Anders als Homolka oder Böhnke beurteilt Arie Folger den Artikel. Folger, Oberrabiner von Wien, war Vorsitzender der internationalen Kommission, die die Erklärung «Zwischen Jerusalem und Rom» verfasste. In seinem Beitrag für die «Jüdische Allgemeine» bezeichnet Folger zwar die Bewertung der Substitutionstheorie durch Benedikt XVI. als «ahistorischen Revisionismus». Doch erhebt er weder den Vorwurf des Antijudaismus noch des Antisemitismus. In «Gnade und Berufung ohne Reue» schreibe ein bedeutender Theologe, dem es darum gehe, den christlich-jüdischen Dialog durch theologische Differenzierungen zu vertiefen, was sachliche Kritik an einzelnen Positionen und Formulierungen nicht ausschließt. Der Beitrag von Rabbi Folger führte zu einem in der Sache weiterführenden Briefwechsel mit Benedikt XVI.

Der Text des emeritierten Papstes zum Judentum ist weder antijudaistisch noch legt er die Grundlagen für einen neuen Antisemitismus. Er stellt auch nicht den Konsens im christlich-jüdischen Dialog in Frage, wonach Israel im ungekündigten Gottesbund steht – ein Vorwurf, der von Christian Rutishauser SJ und Gregor Maria Hoff erhoben wurde. An den Communio-Artikel «Gnade und Berufung ohne Reue» sind gleichwohl einige kritische Rückfragen zu stellen. Diese betreffen 1.) das historische Gewicht der Substitutionstheorie (supersessionism bzw. replacement theology), 2.) die Begründung für den Staat Israel und 3.) die bundestheologische Begründung für die bleibende Erwählung und Sendung Israels.

1. Israel und Kirche

Schon als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre hatte sich Joseph Ratzinger mehrfach zu israeltheologischen Fragen geäußert. Auf seine Initiative ging auch das wichtige Dokument «Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel» (2001) zurück. Bei einer von Rabbiner David Rosen in Jerusalem moderierten jüdisch-christlichen Begegnung (1994) hatte Ratzinger die Frage aufgeworfen: «Kann christlicher Glaube, in seinem inneren Ernst und seiner Würde belassen, das Judentum nicht nur tolerieren, sondern in seiner geschichtlichen Sendung annehmen, oder kann er es nicht?» Die Antwort laute: Ja, denn der Neue Bund in Jesus Christus führt nicht zu einer «Aufhebung der besonderen Sendung Israels». Gegenüber dem bis in die liberale evangelische Theologie hineinwirkenden negativen Bild des Gesetzes (Tora), der Schriftgelehrten und Pharisäer betont Ratzinger, dass Jesus das Gesetz nicht abgeschafft, sondern «erfüllt» habe. Während aber der Glaube Israels an den einen Gott, wie er im Shema Israel zum Ausdruck kommt, auf Universalität angelegt ist, haben die Völker, die zum Glauben kamen, das Gesetz nicht als Ganzes übernommen, sondern vor allem den Dekalog und das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe.

Die besondere, durch Jesus Christus nicht aufgehobene Sendung Israels, bleibt bei Ratzinger allerdings recht unbestimmt. Sie kann ja nicht allein darin bestehen, dass Juden und Christen berufen sind, Zeugnis abzulegen für den einen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde und «in der Welt zu einer Kraft des Friedens zu werden».

Deutlicher spricht Joseph Ratzinger über die Sendung Israels in dem Communio-Artikel «Der Dialog der Religionen und das jüdisch-christliche Verhältnis» (1997). Der Artikel geht auf eine Sitzung der «Académie sciences morales et politques» in Paris zurück. Das Sitzungsthema hatte Rabbi Léonard Sztejnberg angeregt. Ratzinger unterstreicht, dass es Gemeinsames und Trennendes zwischen Juden und Christen gibt: Die Bibel Israels «verbindet Juden und Christen, der Glaube an Jesus Christus als Gottes Sohn und Erlöser trennt sie». Doch man müsse auch sehen, «dass durch Christus die Bibel Israels zu den Nichtjuden gekommen und auch ihre Bibel geworden ist», der Gott Israels ist zum «Gott der Weltvölker geworden». Die Kirche habe aber zugleich «Gottes Verfügung» anzuerkennen, «der Israel offenbar in der ‹Zeit der Heiden› eine eigene Sendung aufgetragen hat». Die Juden «müssen als die ersten Eigentümer der Heiligen Schrift uns gegenüber bleiben, um gerade so ein Zeugnis vor der Welt aufzurichten», durch ihren Glauben, ihre Hoffnung und ihre Liebe zu Gott, auch wenn «Christen wünschen, dass Israel eines Tages Christus als den Sohn Gottes erkennen möge und damit der Spalt sich schließe, der beide noch trennt». Doch die Überwindung der Trennung zwischen Juden und Christen steht nicht in unserer Macht.

In einem kleinen Beitrag für den «Freiburger Rundbrief» (2001) schreibt Ratzinger, es gehöre zur Sendung Israels, «allen Völkern seinen Glauben zu schenken, den einzigen und wahren Gott, und tatsächlich sind wir Christen Erben ihres Glaubens an den einzigen Gott». Damit verbindet Ratzinger keine Enterbungstheorie. Er spricht vielmehr von einer «neue[n] Vision der Beziehung zwischen Kirche und Israel» und von der Überwindung jeder Art von Antijudaismus. Schließlich fordert er von den Christen, Gottes Liebe zu seinem ersterwählten Volk der Juden anzuerkennen. Denn ihnen, so der Apostel Paulus, gehören die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bundeschlüsse, das Gesetz, der Gottesdienst und die Verheißungen (Röm 9, 4), «nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch gegenwärtig», «denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt» (Röm 11, 29).

In dem Communio-Artikel «Gnade und Berufung ohne Reue» wird die Hoffnung, «dass ganz Israel gerettet werde» von Benedikt XVI. als «eschatologisch» qualifiziert, eine Hoffnung, die aber zugleich die Gegenwart bestimmt, ohne dass daraus Judenmission folgt. Zur bleibenden Erwählung und Sendung Israels heißt es, dass die Juden Zeugen des einen Gottes und Wächter der Bibel Israels sind, in der Christen bis heute Gottes Wort hören, auch wenn sie die Bibel Israels in der Einheit der beiden Testamente auf Christus hin lesen. Kritisiert wurden am Artikel «Gnade und Berufung ohne Reue» vor allem die Ausführungen Benedikts XVI. zur «Substitutionstheorie». Richtig ist, dass die Theologie die Stellung Israels in der Heilsgeschichte nach Christus nicht einheitlich aufgefasst hat. Doch kann man deshalb sagen, dass es die Substitutionstheorie «als solche nicht gegeben hat» und dies mit dem Fehlen eines entsprechenden Eintrags in einschlägigen Lexika begründen?

Der Begriff der Substitution (supersessionism) mag dem theologiehistorischen Befund in seiner ganzen Komplexität nicht vollauf gerecht werden. Doch die Vorstellung, dass die Kirche im Heilsplan Gottes an die Stelle Israels getreten sei, wurde im Christentum auf fatale Weise wirkmächtig. Die Grundlagen dafür haben Justin der Märtyrer (um 100–165) und Melito von Sardes (gest. um 180) gelegt. Justin spricht von der Kirche als dem wahren Israel, Melito macht den Juden erstmals den Vorwurf des Gottesmordes; zur Strafe für ihr Weltverbrechen wurden sie zerstreut. In seiner Osterpredigt (um 160) heißt es: «Welch schlimmes Unrecht, Israel, hast du getan? Du hast den, der dich ehrte, geschändet; den, der dich verherrlichte, hast du entehrt; den, der sich zu dir bekannte, hast du verleugnet; den, der dir gepredigt hat, hast du abgelehnt; getötet hast du den, der dich lebendiggemacht. Was hast du getan, o Israel? […] Du aber wurdest nicht als Israel erfunden, denn du hast Gott nicht gesehen; du hast den Herrn nicht erkannt, du hast, o Israel, nicht gewusst, dass dieser der Erstgeborene Gottes ist […] Getötet hast du den Herrn inmitten Jerusalems! Höret es, alle Geschlechter der Völker und sehet: Unerhörter Mord geschah inmitten Jerusalems». Für Tertullian (um 150–nach 220) sind die Juden wegen ihrer Schuld verworfen: «Das Blut der Propheten und des Herrn selbst klebt an ihnen [den Juden] in Ewigkeit». Die Juden fallen aus der Gnade Gottes heraus. Seitdem müssen sie in der Zerstreuung ausharren. [...]


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