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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/com.2019.1.28–36
Helmut Hoping
«UND FÜHRE UNS NICHT IN VERSUCHUNG»
Das Vaterunser als Anfrage an unser Gottesbild und die Rede vom Teufel
Das Vaterunser ist das Grundgebet, das Jesus seinen Jünger zu beten gelehrt hat (Mt 6, 9–13; Lk 11, 1–4). Deshalb heißt es auch Gebet des Herrn oder Herrengebet (Oratio Dominica). Es werden sieben Bitten unterschieden. Als besonders schwierig wird die sechste Vaterunser-Bitte empfunden: «und führe uns nicht in Versuchung», so übersetzen sowohl katholische Einheitsübersetzung wie die Lutherbibel καὶ μὴ εἰσενέγκῃς ἡμᾶς εἰς πειρασμόν (Mt 6, 13a). Die Vulgata hat et ne inducas nos in tentationem («und führe uns nicht hinein in die Versuchung»). Cyprian von Karthago (um 200/201–258) zitiert eine ältere Fassung: ne patieris non induci in temptationem («und lass nicht zu, dass wir in die Versuchung hineingeführt werden»). Schon Markion (um 85–160) verstand die sechste Vaterunser-Bitte im Sinne von «Lass nicht zu, dass wir in Versuchung geraten.»

In Lk 11, 4 wird die Versuchungsbitte ohne die ergänzende Bitte ἀλλὰ ῥῦσαι ἡμᾶς ἀπὸ τοῦ πονηροῦ (Mt 6, 13b) überliefert, die Didache hat dagegen wie Mt 6, 9–13 die längere Fassung. Die letzte Bitte wird als siebte Bitte gezählt, gehört aber aufs Engste mit der sechsten Bitte zusammen. Die neue katholische Einheitsübersetzung übersetzt die Bitte mit «sondern rette uns vor dem Bösen», statt wie bisher «sondern erlöse uns von dem Bösen». Damit weicht sie von der Lutherbibel wie der liturgischen Fassung des Vaterunser ab: Im neuen Gotteslob (2012/2013) und im deutschen Messbuch (1975; 21988) lautet die siebte Vaterunser-Bitte «erlöse uns von dem Bösen».

Zentral ist bei der sechsten Vaterunser-Bitte das Wort πειρασμός. Im profanen Sprachgebrauch wird es zumeist im Sinne von Prüfung gebraucht. Die Septuaginta übersetzt mit dem Verb πειράζειν das hebräische nsh im Piel, dessen erste Bedeutung «auf die Probe stellen» ist. Erstmals in diesem Sinne wird πειράζειν in der Erzählung von der Bindung Isaaks gebraucht: «Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe» (Gen 22, 1 LXX: επεἰραζεν; Vulgata: tentavit). Das nichtkanonische Jubiläenbuch und die rabbinische Überlieferung (Mishna Abot V,2) unterscheiden insgesamt zehn Versuchungen Abrahams, darunter als zehnte den Tod seiner geliebten Frau Sarah ( Jub 19, 38), als achte und neunte Versuchung werden die Unfruchtbarkeit Sarahs und die Bindung Isaaks genannt.

Der Gott Israels prüft nicht nur einzelne Personen, sondern auch sein Volk, «ob es nach meiner Weisung lebt oder nicht» (Ex 16, 4). In einem jüdischen Abend- und Morgengebet aus dem Babylonischen Talmud heißt es: «Lass mich an deinen Geboten hängen und führe mich nicht ins Vergehen, nicht in Schuld, nicht in Versuchung» (Berakot 60b). In der Wüste hat Israel auch Gott auf die Probe gestellt: Das Volk hadert mit Gott, weil es kein Wasser hat und gerät darüber mit Mose in Streit. Der Ort, wo dies geschah, wird Massa (Probe) und Meriba (Streit) genannt (Ex 17, 2.7). Neben nsh verwendet die hebräische Bibel das Verb sût, so in 1 Chr 21, 1 für das Handeln des Satans: «Der Satan trat gegen Israel und reizte David, Israel zu zählen.» Auch in der Rahmenerzählung des Buches Jiob taucht es auf.

Die deutlichste Nähe hat die sechste Vaterunser-Bitte zur Bitte in dem schon zitierten jüdischen Abend- und Morgengebet: «Leite meinen Fuß nicht in die Gewalt der Sünde und bringe mich nicht in die Gewalt der Schuld und nicht in die Gewalt der Versuchung und nicht in die Gewalt von Schändlichem» (Berakot 60b). Die Mehrheit der Neutestamentler bestätigt die Richtigkeit der Übersetzung von Mt 6, 13a mit «und führe uns nicht in Versuchung». Diskutiert wird, ob πονηροῦ in der siebten Vaterunser-Bitte neutrisch zu verstehen ist («das Böse») oder maskulinisch («der Böse»), sich also auf den Teufel bezieht. Sachlich lässt sich beides kaum trennen, da der Teufel die Macht des Bösen personifi ziert, durch die wir versucht werden. Daher muss bei der Versuchungsbitte auch über den Teufel und sein Verständnis gesprochen werden.

Hinter der Bitte μὴ εἰσενέγκῃς ἡμᾶς εἰς πειρασμόν vermuten manche Exegeten einen aramäischen Kausativ, der «ein aktives Handeln wie ein permissives Zulassen meinen» kann. Der griechische Text der sechsten Vaterunser-Bitte geht aber von einem aktiven Handeln Gottes aus, in allen anderen Bitten ist Gott auch der jeweils Handelnde. Doch spricht der Jakobusbrief nicht dagegen, dass der Mensch durch Gott in Versuchung geführt wird? «Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt (πειράζομαι). Denn Gott lässt sich nicht zum Bösen versuchen, er führt aber auch selbst niemanden in Versuchung (πειράζει δὲ αὐτὸς οὐδένα). Vielmehr wird jeder von seiner eigenen Begierde in Versuchung geführt, die ihn lockt und fängt» ( Jak 1, 13f ). In Mk 6, 13a-b ist aber etwas anderes im Blick als die Versuchung durch unsere Begierden.

In der fast zweitauendjährigen Auslegungsgeschichte der Oratio Dominica wurden verschiedene Interpretationen vorgelegt. Augustinus (354–430) diskutiert die von Cyprian zitierte lateinische Fassung der Bitte sowie eine Fassung, die näher am griechischen Text ist (ne inducas nos in temptationem), die leicht modifiziert von der Vulgata aufgenommen wird. Bei der Versuchung selbst unterscheidet Augustinus zwischen Versuchungen, die nicht von Gott kommen, etwa durch die eigenen Begierden, und Erprobungen des Glaubens durch Gott.

Man hat auch eine endzeitliche Interpretation von Mt 6, 13a ins Spiel gebracht. Mit πειρασμός wäre dann eine endzeitliche Prüfung gemeint, wie sie in Offb 3, 10 im Blick ist: «die Stunde der Versuchung (ὥρας τοῦ πειρασμοῦ), die über die ganze Erde kommen soll, um die Bewohner der Erde auf die Probe zu stellen (πειράσαι)». Die jüdischen Parallelen der sechsten Vaterunser-Bitte sprechen aber dagegen. Die Bitte des Vaterunser ist nicht apokalyptisch, wohl aber radikal eschatologisch zu verstehen, es geht um die die Treue in der Nachfolge.

Die umstrittene Bitte muss von den Versuchungen her verstanden werden, denen Jesus ausgesetzt war. Denn auch Jesus, der in allem uns gleich war, außer der Sünde, wurde versucht: «Wir haben ja nicht einen Hohepriester, der nicht mitfühlen könnte mit unseren Schwächen, sondern einen, der in allem wie wir versucht worden ist (πεπειρασμένον), aber nicht gesündigt hat» (Hebr. 4, 15). «Denn da er gelitten hat und selbst in Versuchung geführt wurde (πειρασθείς), kann er denen helfen, die in Versuchung geführt werden (πειραζομένοις)» (Hebr. 2, 18).

Doch wie wird Jesus in Versuchung geführt, und wer ist daran beteiligt? Mt 4, 1–11 (par. Mk 1, 12f; Lk 4, 1–2) erzählt, dass Jesus von Gottes Geist (πνεύμα) in die Wüste geführt wurde, damit der Teufel (διαβόλος) ihn dort versuche (πειρασθῆναι). Die Versuchung Jesu gehört zum Heilsplan Gottes. Im Garten Getsemani erfährt Jesus eine innere Anfechtung. Er wendet sich an Petrus sowie die beiden Söhne des Zebedäus, Jakobus und Johannes, mit der Warnung: «Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet! (ἵνα μὴ εἰσέλθητε εἰς πειρασμόν). Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach» (Mt 26, 41 parr.). In beiden Fällen geht es um die Gefahr, Gott untreu zu werden. Wie die Wüste ist der Garten Getsemani, in dem Jesus betet, zugleich Ort der Anfechtung.

Während uns die Exegeten versichern, dass die Übersetzung «und führe uns nicht in Versuchung» wortgetreu und sinngemäß richtig ist, erklärte Papst Franziskus kürzlich in einer italienischen TV-Serie zum Vaterunser, dass es sich dabei um «keine gute Übersetzung» handle. Besser sei «und lass uns nicht in Versuchung geraten». Damit bescheinigt Franziskus indirekt auch der Übersetzung der als authentisch geltenden Vulgata (et ne inducas nos in tentationem) «keine gute Übersetzung» zu sein. Für den Papst steht fest, dass Gott uns nicht in Versuchung führt, dies vielmehr das Werk des Teufels sei: «Ein Vater tut so etwas nicht; ein Vater hilft sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan.» Die deutschen Bischöfe haben erklärt, an der Fassung «und führe uns nicht in Versuchung» aus philologischen, theologischen und liturgischen Gründen festhalten zu wollen, man sehe «keine Notwendigkeit einer Neuübersetzung». Auch die Evangelische Kirche in Deutschland verteidigte die Übersetzung der sechsten Vaterunser-Bitte, die sich am Luthertext orientiert: «vnd füre vns nicht in versuchung».

Anlass der päpstlichen Kritik an der deutschen Fassung der sechsten Vaterunser-Bitte war die Änderung der französischen Übersetzung. Bislang lautete sie «ne nous soumets pas à la tentation» (unterwerfe uns nicht der Versuchung), nun heißt es «et ne nous laisse pas entrer en tentation» (lass uns nicht in Versuchung geraten). Diese Fassung hat auch das Spanische («ne nos dejes caer en la tentacion») und das Portugiesische («no nos dexes cair em tentaçao»). Bald soll die Fassung auch im Italienischen eingeführt werden. [...]


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