zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Aktuelle Ausgabe » Leseprobe 3
Titelcover der aktuelle Ausgabe 2/2019 - klicken Sie für eine größere Ansicht
Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

Lesen Sie hier
 
Ausgaben-Index 1972 bis heute
Chronologisch- thematische Liste aller Hefte von 1972-heute
Autoren-Index 1972 bis heute
Alphabetische Liste aller Autoren und Ihrer Artikel
Leseprobe 3 DOI: 10.14623/com.2019.2.202–215
Klaus von Stosch
WECHSELSEITIG AUFGEHOBEN?
Zum jüdisch-katholischen Verhältnis nach den jüngsten Debatten um Joseph Ratzinger / Benedikt XVI.
1. Anstöße zum Neuaufbruch

Die jüngsten Einlassungen von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. zum Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum haben einen wichtigen theologischen Klärungsprozess angestoßen, den ich mit diesem Beitrag fortsetzen möchte. Bevor ich hier in die eigentliche Auseinandersetzung eintrete, seien drei Punkte vorweg festgehalten, die mir jeweils wichtige Denkanstöße zu implizieren scheinen.

Ein erster Punkt, der in der bisherigen Debatte immer wieder herausgestellt wurde: Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. affirmiert ohne jede Einschränkung die Aussage vom nie gekündigten Bund Gottes mit Israel, die Johannes Paul II. in Mainz am 17.11.1980 entwickelt hat. Er will diese Rede einfach nur theologisch so präzisieren, dass sie gegen Kritik wasserdicht ist. Dabei ist ihm wichtig, dass die Rede von der Unkündbarkeit des Bundes nur aus Gottes Perspektive gilt. So sehr Gottes Wahl unzerstörbar ist und bleibt, so sehr ist die menschliche Antwort – Israels wie auch der Kirche – «zugleich durch das ganze Drama menschlichen Versagens mitbestimmt». Aus biblischer Sicht übergeht Gott aber nicht einfach die menschliche Antwort. Gott will seine Treue und Liebe mit uns zusammen verwirklichen und kann sie nicht ohne uns heilsame Wirklichkeit werden lassen. «Die Liebe Gottes kann nicht einfach das Nein des Menschen ignorieren. Es verletzt ihn selbst und so notwendig auch den Menschen.»

Es ist offensichtlich, dass Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. hier nicht nur Israel, sondern jeden gläubigen Menschen vor Augen hat. Wenn ein Mensch sich Gottes Zuwendung verweigert und sie auf diese Weise anderen Menschen wegnimmt, kann Gott die so verweigerte Zuwendung nicht einfach herbeizaubern. Denn er will nicht anders als mit dem freien Ja der Menschen zusammen für sein Reich eintreten. Entsprechend tut Gott Israels Untreue weh – wie ihm auch die Untreue der Kirche immer wieder weh tut. Und doch wird Gott immer neu mit seiner Liebe den Bund erneuern – wie man etwa an der wunderbaren Stelle in Hos 11, 7-9 sehen kann.

Letztlich ist es also das Vertrauen in Gottes Kraft und Treue, das uns dazu bringt, anzunehmen, dass der Bund Gottes mit Israel nie zu Ende geht. Der hier im Hintergrund stehende Glaubenssatz hat seine Entsprechung in der Lehre von der Indefektibilität der Kirche. So wie katholischerseits für das Zutrauen geworben wird, dass Gott immer wieder Menschen in seine Kirche beruft (und auch phantasievoll genug ist, diese Berufung glücken zu lassen) und sie dadurch vor ihrem Untergang bewahrt, genauso dürfen wir hoffen, dass Gott immer wieder Juden dafür gewinnen wird, dem von Gott her unkündbaren Bund die Treue zu halten, sodass Israel bleibender Bezugspunkt der Kirche ist und die Kirche immer neu herausfordert, weil Gott es so will.

Mit dieser Interpretation gehe ich schon über das hinaus, was Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. ausdrücklich festhält. Aber auch bei ihm findet sich zumindest die Rede von Israel als unabhängiger Bezeugungsinstanz der heiligen Schrift, sodass man auch hier einen heilsgeschichtlichen Sinn in der bleibenden Existenz Israels erkennen kann. Immerhin konzediert Ratzinger / Benedikt, dass der Dialog von Kirche und Israel nach menschlichem Ermessen nie zu Ende gehen wird und so beiden Seiten aufgetragen ist, «um die rechte Erkenntnis zu ringen und die Auffassung der je anderen Seite ehrfürchtig zu bedenken.» Vor allem aber beharrt der emeritierte Papst auf der paulinischen Einsicht, dass ganz Israel gerettet wird. Denn «‹Reuelos (unwiderruflich) sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt.› (Röm 11, 29) […] ‹Wenn wir untreu sind, bleibt er doch treu, denn er kann sich nicht selbst verleugnen› (2 Tim 2, 12f)». Es scheint mir ausgesprochen naheliegend zu sein, aus solchen Aussagen eine Hoffnung auf die Indefektibilität des Judentums bis zum Ende der Geschichte abzuleiten.

Damit ist eigentlich auch schon der zweite Punkt impliziert, auf den ich hinweisen möchte und der mir für das jüdisch-katholische Verhältnis einen epochalen Durchbruch zu markieren scheint. Da Israel insgesamt gerettet wird, auch wenn es sich nicht zu Jesus Christus bekennt, entfällt für Christen die Grundlage für die Judenmission. Entsprechend macht Ratzinger / Benedikt mit erfrischender Deutlichkeit klar, dass sich der Missionsbefehl aus Mt 28, 19 nicht auf die Juden bezieht. Denn dieser Befehl habe das Ziel «den Menschen den ‹unbekannten Gott› (Apg 17, 23) bekanntzumachen. […] Eine Mission der Juden war einfach deshalb nicht vorgesehen und nicht nötig, weil sie allein unter allen Völkern den ‹unbekannten Gott› kannten.» Natürlich gilt das auch für das Judentum heute und so kann es nicht Ziel der Kirche sein, Juden zum Übertritt in die katholische Kirche zu bewegen. Wir müssen also unterscheiden zwischen dem Zeugnis für die Mensch gewordene Liebe, die in Jesus Christus Gestalt findet und durch die Kirche als Leib Christi bezeugt werden soll auf der einen Seite, und konkreten, institutionell verankerten Missionsbemühungen auf der anderen Seite. Den Juden gegenüber ist aus katholischer Sicht nur ersteres legitim, eben weil Juden schon von dem einen Gott Zeugnis geben, der sich in der Geschichte Israels und der Kirche immer neu in seiner Vergebungsbereitschaft und Liebe zeigt.

Ein letzter Punkt sei wenigstens kurz erwähnt. Dem emeritierten Papst wurde in den letzten Monaten wiederholt vorgeworfen, dass er in seinem Text kein Interesse an dem Judentum heute erkennen lässt und auch keinen Raum für die bleibende Bedeutung Israels bereitet.8 Allerdings will Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. mit seinen Ausführungen auch keine umfassende Würdigung Israels leisten, sondern nur ausgewählte Aspekte für das innerchristliche Gespräch diskutieren. Hieraus Ableitungen im Blick auf die vielen Dinge zu machen, die er dabei nicht erwähnt, scheint mir theologisch unangemessen zu sein. Seine Reaktionen auf jüdische Anfragen auf seine Überlegungen zeigen zudem überzeugend, wie viel ihm auch das gegenwärtige Judentum bedeutet.

2. Streitpunkt Substitutionstheorie

So deutlich Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. die Rede vom ungekündigten Bund bestätigt hat, so missverständlich sind seine Einlassungen zur Substitutionstheorie. Hier setzt er sich auch am deutlichsten von den Überlegungen der römischen Kommission für die religiösen Beziehungen mit den Juden ab, die Kardinal Koch anlässlich des 50jährigen Jubiläums von Nostra Aetate im Jahr 2015 veröffentlichte. Diese kritisiert noch unmissverständlich die Substitutionstheorie und verweist darauf, dass sich diese Theorie bei manchen Kirchenvätern finden lasse. Leider verrät sie allerdings nicht, an welche Kirchenväter sie hier denkt. Offenbar hat dieser fehlende Hinweis den Forscherehrgeiz des emeritierten Papstes geweckt. Und da er offenbar keinen Kirchenvater gefunden hat, der wirklich eine Substitutionstheorie vertreten hat, beharrt er darauf, dass es eine Substitutionstheorie nie gegeben habe.

Ich bin nicht ganz sicher, ob dieses Beharren wirklich zielführend ist. Da Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. ein glänzender Experte in der Patristik ist und die Kirchenväter sicherlich besser kennt als ich, will ich ihm hier gar nicht widersprechen. Es ist gut möglich, dass es an dieser Stelle keine ausgearbeitete Form von Theorie gab, die man angemessen als Substitutionstheorie bezeichnen könnte. Andererseits ist es aber auch völlig klar, was mit der Abkehr von der Substitutionstheorie im Gefolge von Nostra Aetate gemeint ist. Wenn die Kirche sich so wohltuend deutlich von der Substitutionstheorie distanziert, will sie den in der Geschichte leider immer wieder erhobenen Anspruch zurückweisen, dass die Kirche als Gottesvolk das Gottesvolk Israel ersetzt. Und dass dieser Anspruch immer wieder erhoben wurde, wird niemand ernsthaft bestreiten können. Entsprechend ist es gut und wichtig, dass die römische Kommission erklärt: «Die Kirche wird das neue Gottesvolk genannt (vgl. ‹Nostra aetate› Nr. 4), doch nicht in dem Sinn, dass das Gottesvolk Israel aufgehört hätte zu existieren.» Auch Israel bleibt also Gottesvolk und die Kirche ersetzt es in dieser Funktion nicht.

Diese Aussage will Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. in ihrer Allgemeinheit auch gar nicht bestreiten. Zugleich beharrt er allerdings darauf, dass der Gedanke der Substitution des Judentums durch die Kirche in mehreren Hinsichten zustimmungswürdig ist, in anderer Hinsicht aber auch klar zurückzuweisen sei. Zurückgewiesen werden müsse etwa der Gedanke einer Substitution der alttestamentlichen durch die neutestamentliche Moral. Vielmehr betont der emeritierte Papst völlig zu Recht, dass im Neuen Testament die Bestimmungen zu Recht und Moral aus dem Alten Testament gültig bleiben und lediglich vertieft werden. [...]


Lesen Sie den kompletten Artikel in der Printausgabe.

Zurück zur Startseite

Sie haben die Wahl ...
weitere Infos zu unseren Abonnements

Komfortabler Online-Bereich mit Archiv-, Download- und Suchfunktion sowie komplettem Autorenregister.

Online-Ausgabe einsehen

Online-Ausgabe bestellen
Jahresverzeichnis 2018

Hier erhalten Sie das Jahresverzeichnis 2018
Unsere Autoren
Hier erhalten Sie einen Überblick unserer Autoren.
Newsletter
Unser Newsletter informiert Sie über die Inhalte der neuesten Ausgabe.
Die internationalen Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio finden Sie hier.
Verein der Freunde und Förderer Communio e.V.
Allgemeines zu unserem Verein
Sie wollen unserem Verein beitreten?
Vereinssatzung

Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Communio
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | Sitemap | AGB | Widerruf | Datenschutz | Impressum