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Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/com.2019.3.250–259
Michael Sievernich SJ
DIE KUNST DES ALTERNS
Pastorale Überlegungen
Als der Protest die junge studentische Generation um 1968 heftig bewegte, erschienen gegenläufig Diskurse ganz anderer Art, nämlich über das Alter. Sangen die jungen Wilden nicht gerade den Abgesang auf die Alten und ihren Muff , sodass die Alten in die literarische Defensive gehen mussten? Oder meldete sich eine anthropologische Konstante der Generationen zu Wort, sodass Veränderlichkeit und Endlichkeit plötzlich Hand in Hand gingen?

1. Altersdiskurse


Der Reigen beginnt 1968 mit Jean Améry (1912–1978), ein Pseudonym des Österreichers Hanns Mayer, der schon der älteren Generation angehörte, als er sein Buch Über das Altern (1968)1 schrieb, mitten im Wechsel der Generationenlage. Gegenüber dem hohen Wellenschlag der Zeit befindet sich der Autor eher im existentialistischen Wellental der Resignation des Alters. Seine bescheidenen fünf Essays handeln von der vergehenden Zeit und damit von der im Altern erfahrenen Endlichkeit; vom Fremdwerden des Körpers; vom sozialen Altern durch den Blick der Anderen; vom kulturellen Altern, wenn man die Welt nicht mehr versteht; schließlich vom Erlernen des Sterbens und wachsender Unsichtbarkeit. Der schmale Band wurde zum internationalen Bestseller mit zahlreichen Auflagen und Übersetzungen, bis hin zur jüngst erschienenen chinesischen Übersetzung (Bian lao de zhe xue, 2018), in der sich gewiss die wachsende Alterungsproblematik Chinas widerspiegelt. In den Kontext seiner Sicht des Alters gehören neben seiner jüdischen Herkunft die bösen Erfahrungen auf der Flucht und im nationalsozialistischen KZ. Mit dem Buch Hand an sich legen (1976) schrieb er über den Suizid, den er ein Jahrzehnt später an sich vollzog.

1970 legte die französische Schriftstellerin Simone de Beauvoir (1808– 1986) einen umfangreichen Essay La Vieillesse vor,2 der mit vielen Versatzstücken das Alter historisch und politisch rekonstruiert. Biographisch das eigene Alter im Blick (62), kritisiert sie vom Klassenstandpunkt aus die skandalöse Lage der entfremdeten Alten als «Verbrechen» unserer Gesellschaft und traf mit ihrer scharfen Kritik gewiss einen Nerv der Zeit. Sie schreckte auf, als sie intergenerationell das biologische Schicksals der Vergänglichkeit und die Lage der Alten gleichermaßen skandalisierte und mit der Forderung nach einem politischen Umbau des Systems verband. Dieser neue Bestseller der bekannten Autorin brachte es zu vielen Auflagen und Übersetzungen, die bis heute gelesen werden.

1972 veröffentlichte der damals junge deutsche Autor Alfons Deeken (geb. 1932) ein Englisch verfasstes Buch unter dem Titel Growing old, and how to cope with it3, das in Japan und später auch in anderen Sprachen ein internationaler Bestseller wurde. Den interkulturellen Erfolg dieses und 30 weiterer Bücher verdankt er seinem jahrzehntelangen Wirken in Japan als Missionar und Professor an der Sophia Universität in Tokyo. Er schätzte das Land und eine Kultur, die besonders die alte Generation wertschätzt und daher einen jährlichen Feiertag, den Tag der Ehrung der Alten (Keiro no Hi), eingerichtet hat. Das große Interesse der Japaner an Themen wie Alter, Krankheit, Tod, Sinnfrage, Wahrheit am Krankenbett, Sterbebegleitung, Hospiz und Trauerbegleitung, das der Autor in Vorlesungen, Vorträgen und in den Medien verbreitete, rührt nicht zuletzt daher, dass das Land der aufgehenden Sonne den weltweit höchsten Anteil an alten Menschen ab 65 Jahren in der Gesamtbevölkerung aufweist (27%) und die gerontologischen und ethischen Fragen nur zurückhaltend, wenn nicht tabuisiert zur Sprache kommen. In vergleichender interkultureller Perspektive kommt die anthropologische Similarität zum Vorschein, zu der auch Moral und Religion gehören.

Vor einem halben Jahrhundert haben die genannte Autorin und die beiden Autoren ihre Bücher geschrieben. Doch ihre Themen, das Alter und das Altern sowie die Bewältigung sind derweil keineswegs verblasst. Im Gegenteil, das öffentliche Interesse an den Fragen von Alter und Altern hat erheblich zugenommen. Die demographischen Daten machen auf Wandlungsprozesse aufmerksam, die auf besondere Weise die westlichen Industrie- und Schwellengesellschaften prägen. Dazu gehören Verschiebungen in der Altersstruktur, wonach der Anteil der älteren Menschen über 65 Jahren in der deutschen Gesellschaft zunimmt und heute bei gut 21% der Gesamtbevölkerung liegt und weiter steigt. Für 2030, also in einem Jahrzehnt, rechnet man mit einem Anstieg auf 29% und für 2060 sollen es hochgerechnet gut ein Drittel (34%) der gesamten Bevölkerung sein.4 Damit ist Deutschland (neben Italien) das europäische Land, dessen Wachstum sich bei der alternden, nicht der jungen Generation abspielt. Das Zusammenspiel von bleibend niedrigen Geburtenziffern und steigender Lebenserwartung trägt dazu bei. Derzeit können die Frauen mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 83 Jahren rechnen, die Männer nur mit 78 Jahren. Eine weitere Tendenz der Gegenwart ist eine Spreizung des Alters, bei dem heute eine dritte und eine vierte Lebensphase unterschieden wird: die «jungen Alten» mit ihren Aktivitäten bis hin zur Universität des Dritten Lebensalters (in den Großstädten), die zwischen 65 und 80 Jahren alt sind, während die hochbetagten «alten Alten» eher von den Risiken der Morbidität und der Pflegebedürftigkeit bedroht werden. Schließlich ist eine Feminisierung des hohen Alters zu beobachten, dass Frauen bei denen, die über 75 Jahre alt sind, etwa ¾ der Gesamtbevölkerung ausmachen.

Es liegt auf der Hand, dass die neue Gemengelage zur generalisierten Frage führt: «how to cope with it» – wie ist damit umzugehen? Vor den neuen Herausforderungen stehen einerseits die einschlägigen Wissenschaften wie Gerontologie und Geriatrie, Psychologie und Pflegewissenschaften. Das ökonomische Interesse an den Alten und ihren differenzierteren Bedürfnissen in den Bereichen von Kultur, Sport, Kleidung und Reisen wächst. Zugleich macht steigende Altersarmut auf ein sozialethisches Problem aufmerksam, zumal alte Menschen nicht nur mit dem Notwendigen zu versehen sind, sondern wir ihnen auch «einen angemessenen Anteil am wirtschaftlichen Fortschritt zukommen lassen» sollen (Zweites Vatikanum, Apostolicam actuositatem 11). Schließlich steigt das Bedürfnis nach Lebenshilfe und Gelassenheitskunst. Und theologische, spirituelle und pastorale Fragen um das menschliche Altern gewinnen zunehmend an Resonanz.

2. Lebensalter


Wer von Lebensalter sprechen hört, denkt in der Regel an die dritte Phase des Alters, ob der jungen oder der alten Alten. Unwillkürlich fällt einem jene biografische Lebenszeit ein, die einem biologischen Rhythmus folgt und an dessen unaufhaltsamen Ende die Lebenszeit endet. Doch zum Leben gehören alle Altersphasen des Menschen, vom vorgeburtlichen Leben und dem Säuglingsalter zum jugendlichen und erwachsenen Alter bis hin bis zum rüstigen oder hohen Alter, das über Jahre anhalten kann. «Alter» meint also nicht nur das letzte Stadium, sondern polysemisch alle Phasen des Lebens. Ein Kind freut sich emotional, wenn es «schon» so alt wird, während Erwachsene genau dies eher befürchten.

Um den Lauf der verschiedenen Lebensalter in eine chronologische Ordnung zu bringen, entstanden verschiedene Schemata, die bei der Zahl der Lebensjahre ansetzten, die seit der frühen Neuzeit anschaulich an einer Lebenstreppe illustriert werden. Sie konnte fünf, sieben, elf oder mehr Stufen zählen, mit unterschiedlichem Symbolgehalt der Zahlen. In jedem Fall jedoch zeigt die Treppe einen Aufstieg, der im fünfzigsten Lebensjahrzehnt kulminiert, aber dann den Abstieg von Mann und Frau zu Greis und Greisin vorführt, oft emblematisch aufgeladen. Das Alter gilt jedenfalls als Phase des Niedergangs und Verfalls, was nicht selten zum Spott anregte.5

Im Kontrast dazu steht ein ganz anderes Schema von sieben Stufen, in dem die Lebensalter nicht zu einem bejammernswerten Niedergang führen, sondern im Gegenteil durch die neue Geburt der Taufe zu einem geistlichen Weg, zu Leichtigkeit, Glück und Freude führen. Ein rhetorisch kunstvoll gestaltetes Schema stammt von Augustinus, der seinen Taufbewerbern, analog zu den Weltaltern (aetates) die sieben geistlichen Stufen des Lebens auslegt. Dabei greift der Bischof von Hippo die römischen Merkmale der Lebensalter auf: Kindheit (infantia), Knabenalter (pueritia), Jünglingsalter (adolescentia), Mannesalter (iuventus), Seniorenalter (senium) und Greisenalter (senectus), um diesen sechs Lebensaltern entsprechende moralische Werte zuzuordnen: Unschuld, Ehrfurcht, Geduld, Tugend, Verdienst und «nichts als weiß-weiser Verstand» (canus sapiensque interlectus). Doch das siebte geistliche Lebensalter führt nicht wie bei den Lebenstreppen ins gekrümmte Greisenalter, sondern zur ewigen Sabbatruhe und zur Unsterblichkeit: Wie bei Iijob heißt es: «In sechs Drangsalen wird er Dich retten, in sieben rührt kein Leid dich an.» (Ijob 5, 19). Mit dem siebten Lebensalter münden also die irdischen Lebensalter in Gottes ewige Ruhe, Immanenz und Transzendenz finden zueinander.6

Die Lebensalter, ihre Bezeichnungen, Abfolgen und säkularen oder religiösen Deutungen nehmen andere Farben an, wenn sie nicht diachronisch, sondern synchronisch gelesen werden, so dass verschiedene Lebensalter im Miteinander, im Vergleich, in Konkurrenz oder im Gegeneinander stehen. Dann steht das Verhältnis der Generationen zur Debatte, wenn etwa in der Gegenwart die protestierende Schülergeneration unter dem Label Fridays for Future ihre Schulen bestreiken und für den Klimaschutz demonstrieren, doch auch den älteren Generationen vorwerfen, beim Klimaschutz versagt zu haben. Eine Menschheitsfrage wird zum Generationenkonflikt.

Das Verhältnis der jungen und der älteren Generationen zueinander kann vielfältig ausfallen, je nachdem, ob sich die Alterskohorten in den Familien oder in der Gesellschaft gut verstehen, oder konfliktiv aneinander geraten. Politisch denke man an die intergenerationellen Konflikte der 1968er Jahre, die gegen die Gerontokratie antraten und den Umbau forderten. Beste Generationenbeziehungen gibt es nicht selten in familiären Zusammenhängen, wenn agile Großeltern oder Urgroßeltern spezielle emotionale Beziehungen zu ihren Enkelkindern aufbauen, durchaus auch in Ergänzung zum elterlichen Erziehungsstil. Die Rolle der älteren Generation wird im dritten Lebensalter an Bedeutung gewinnen, auch im erzieherischen und religiösen Bereich, wenn etwa in säkularen Familien die religiöse Erziehung den Älteren zufällt. Kreative Modelle des intergenerationellen Zusammenlebens sind weitere mögliche Spielfelder. Jedenfalls ist das rein defizitorientierte Altersbild zu überwinden, das nur auf negative Phänomene, nicht aber auf positive Möglichkeiten und Potentiale schaut.

Das Verhältnis der alten zur jungen Generation hat der Schweizer Theologe Karl Barth (1886–1968) in einem Briefwechsel mit dem Dramatiker Carl Zuckmayer altersmilde zusammengefasst, indem er sieben «Lebensregeln für ältere Menschen im Verhältnis zu jüngeren» aufstellte – übrigens in seinem letzten Lebensjahr 1968. Zwei der Regeln seien zitiert: «2. Du sollst ihnen [den Jüngeren] also weder mit deinem Vorbild noch mit deiner Altersweisheit, noch mit deiner Zuneigung, noch mit Wohltaten nach deinem Geschmack zu nahe treten. […] 7. Du sollst sie unter keinen Umständen fallen lassen, sollst sie vielmehr, indem du sie freigibst, in heiterer Gelassenheit begleiten, im Vertrauen auf Gott auch ihnen das Beste zutrauen, sie unter allen Umständen lieb behalten und für sie beten.»7

Gilt das auch umgekehrt, dass die Jungen in ähnlicher Weise ihre Wertschätzung gegenüber den Alten in Lebensregeln zum Ausdruck bringen? Die Antwort ist ambivalent, da Altersweisheit sowohl gesucht und gepriesen, aber Halsstarrigkeit und Besserwisserei ebenso gescholten werden. Der religiöse und ethisch bedeutsame Dekalog regelt im vierten Gebot normativ das Verhältnis der jüngeren zur Elterngeneration: «Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.» (Ex 20, 12). Über die individualethische Dimension hinaus stehen auch Gerechtigkeit und Ausgleich zwischen den Generationen auf dem Spiel. Generalisiert bringt Papst Franziskus das wechselseitige Verhältnis für unsere Zeit auf Punkt: «Die Alten bringen das Gedächtnis und die Weisheit der Erfahrung ein, die dazu einlädt, nicht unsinnigerweise dieselben Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Die Jugendlichen rufen uns auf, die Hoffnung wieder zu erwecken und sie zu steigern, denn sie tragen die neuen Tendenzen in sich und öffnen uns für die Zukunft, sodass wir nicht in der Nostalgie von Strukturen und Gewohnheiten verhaftet bleiben, die in der heutigen Welt keine Überbringer von Leben mehr sind.» (Evangelii gaudium 108).

3. (Selbst-)Seelsorge im Alter

Die Sorge (cura) für Bedürftige kann als typisch für das Christentum gelten, das in seiner langen Geschichte alle Lebensalter sorgend im Blick hatte, vom ungeborenen Leben bis zum Sterbenskranken und darüber hinaus (Bestattung). Zu diesen Schutz- und Hilfebedürftigen gehörten immer auch die alten Generationen, deren durchschnittliche Lebenserwartung freilich unterschiedlich ausfiel. Eine ausdifferenzierte Altenpastoral bildete sich erst im 20. Jahrhundert aus, bis dahin war die Sorge um die Alten der Armenfürsorge und der Krankenfürsorge zugeordnet. Träger der Fürsorge waren seit der Spätantike der Bischof als «pater pauperum», aber auch Herrscher, Orden, Stiftungen oder Hospitäler. Im späten Mittelalter entstanden die dem Heiligen Geist gewidmeten Spitäler, in Frankreich trugen sie den schönen Namen «Hôtel Dieu» wie im burgundischen Beaune, das noch heute als Altersheim fungiert. Dort erinnert Roger van der Weydens Weltgericht an das Ende des Lebens und die Verantwortung der Barmherzigkeit.8 In der Neuzeit setzte sich die christliche Sorge fort, auch in den Missionen der Frühen Neuzeit, dann in der katholischen Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts, die in den vernachlässigten Bereichen wie Bildung, Gesundheit, Armen- und Altenpflege initiativ wurden, bis im 20. Jahrhundert sich die Freie Wohlfahrtspflege entwickelte, darunter der von Lorenz Wertmann gegründete Charitasverband für das katholische Deutschland (1897). Heute hat sich das Feld der Wohlfahrtspflege mit ihren Trägern enorm erweitert und differenziert. Der Deutsche Caritasverband gehört zusammen mit der ökumenischen Schwesterinstitution Diakonisches Werk zu den größten Institutionen dieser Art, die verschiedene soziale Dienste betreiben, darunter die «Altenhilfe», die etwa dreitausend Einrichtungen betreibt. Dazu kommen zahlreiche weitere Einrichtungen, die von kirchlichen Institutionen wie Orden oder Stiftungen getragen werden. Hier öffnet sich ein weites Feld der individuellen und institutionellen Seelsorge in kirchlichen Einrichtungen.9 Die biblische Begründung dieser Liebestätigkeit liegt im Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe (Mk 12, 28–34) oder der Szene vom Weltgericht und den daraus erfließenden «Werken der Barmherzigkeit» (Mt 25, 31–46).

Betrachtet man die Gesamtzahl der älteren Menschen, die der professionellen Hilfe und Pflege bedürfen, dann geht es, mit zunehmender Tendenz, um 3, 4 Millionen Personen, die Anspruch auf Leistungen aus der sozialen Pflegeversicherung (SBG XI) haben. Diese Hilfe wird in über 14.000 stationären Pflegeeinrichtungen geleistet und durch über 14.000 ambulante Dienste. Etwa ein Viertel der Betroffenen werden stationär versorgt, doch bei ¾ findet eine häusliche Versorgung statt, bei der Hälfte aller Betroffenen durch Angehörige. Damit sind die Familien die am stärksten belasteten Pflegestationen. Hier sind auch kirchliche Gemeinden oder ehrenamtliche Kräfte gefragt, aus christlicher Motivation betroffene Familien zu unterstützen, wenn die Kirche ihrer pastoralen Aufgabe nachkommen will.

Eine Besonderheit der katholischen Seelsorge besteht in dem inkludierenden Charakter der sakramentalen Struktur, die sich in sieben anthropolologisch begründete Sakramente entfaltet, von den drei Initiationssakramenten bis zu den an Leib und Seele heilenden Sakramenten (Krankensalbung, Versöhnung) und den das Volk Gottes auferbauenden Sakramenten (Ehe und Ordo). In unserem Fall ist das Alter mit seinen Risiken von Gesundheit und Sterben dem Krankensakrament (unctio infirmorum) zugeordnet, das sich biblisch auf Jak 5, 13–16 bezieht, wo durch Gebet und Salbung der Herr den Betroffenen aufrichtet (egeirei) und die Sünden vergibt.

Nach dem Konzil hat sich als pastorale Grundformel das trinitarisch begründete Schema der drei christlichen Grundfunktionen von Verkündigungsdienst (Martyria), Gottesdienst (Leiturgia) und diakonischem Dienste (Diakonia) durchgesetzt, das Karl Rahner in seiner Pastoraltheologie grundgelegt hat, wonach die Feier der Einheit von Wahrheit (Logos) und Liebe (Pneuma) sich in der Liturgie vollzieht.10 In den drei Grundaufgaben aber, die sich wechselseitig bedingen, drückt sich nicht weniger als «das Wesen der Kirche» aus.11 Diese Formel hat freilich zwei Seiten, denn die drei Aufgaben beziehen sich einerseits auf die pastorale Sorge der Kirche für das Volk Gottes, die sich vielfältig durch die Ämter und Dienste seelsorglicher Art konkretisiert. Andererseits gelten die Aufgaben darüber hinaus für alle, die ihren Glauben leben, auch in der Phase des Alterns. Auch alte Menschen tragen für die Aufgabe der Selbstsorge, natürlich im Maß des Möglichen, Verantwortung. Daraus ergibt sich ein fröhlicher Wechsel von Gabe und Aufgabe, insofern die einzelnen durch die Trias der Dienste die Heilsgaben empfangen, überdies aber auch an Aufgaben teilhaben. Das gilt natürlich für die aktiven und initiativen jungen Alten; aber selbst für hochbetagte Senioren und Seniorinnen kann das heißen, das Wort Gottes hören und lebendiges Zeugnis davon zu geben; Liturgie (auch im Fernsehen) mitfeiern oder für andere und die Weltkirche beten; diakonische Hilfe wie Pflege empfangen und dafür ein freundliches Wort oder einen Dank sagen. In jedem Fall ist die Würde der Pflegebedürftigen und der Pflegenden zu wahren.12

Aus der Vielfalt der Formen von Seelsorge und Selbst-Seelsorge im Alter seien einige wenige exemplarisch zur Anregung genannt:

Bilder des Lebens – Da mit steigendem Alter die eigene Biografie an Bedeutung gewinnt, ist es Zeit, die eigene Lebensgeschichte (anderen) zu erzählen, wofür es geduldiger Zuhörer bedarf, auch am Telefon. In solche Lebensgeschichten verstrickt, ergibt sich ein Horizont für all das, was sich ereignet und gefügt hat, aber auch von Leid und Verwundung geblieben ist. Daraus kann eine Lebensbilanz entstehen mit all ihren Beziehungen und Leistungen, Brüchen und Heilungen, hat man doch im Alter das Leben im doppelten Sinn vor sich: das gelebte irdische Leben und das erhoffte ewig Leben. Selbst wenn die Augen es nicht mehr tun, kann man im Geist das Bilderbuch des Lebens vorbei ziehen lassen und mit den Augen des Glaubens betrachten.

Szenen des Alltags – Ein Wort des Dichters Reiner Kunze (geb. 1933) sagt knapp, was «unser Alter»13 noch fertigbringt, nämlich verneigen, staunen und ehren:

UNSER ALTER

Unser alter
ist das alter, dem es schwerfällt,
sich zu bücken, leichter doch,
sich zu verneigen

Unser alter
ist das alter, das das staunen mehrt,

Unser alter
ist das alter, das, vom glauben nicht ergriffen,
das wort, das war im anfang, ehrt

Buch der Bücher – Die Bibel, das Buch der Bücher, erzählt im Alten Testament die Geschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk Israel und im Neuen Testament in den Evangelien die Geschichte Jesu. Wer in dieser narrativen Tradition aufwächst, kennt die Geschichte Gottes mit den Menschen und mit sich. Sie sich anzueignen, erfordert eine lebenslange Lektüre und Meditation der biblischen Schriften. Wer als lesefähiges Kind beginnt, kann im Alter aus diesem Schatz leben, ob aus der Schöpfungsgeschichte, den Psalmen, dem Buch Ijob oder aus den Evangelien, der Apostelgeschichte oder den paulinischen Briefen. Es kommt nicht auf die Länge der Lektüre an, sondern auf den Glauben an Gottes Wort, Voraussetzung jeder Selbst-Evangelisierung.

Lieder der Hoffnung – Nicht von ungefähr fallen Menschen in der Phase des Alters oder des hohen Alters Kinderlieder aus frühen Tagen ein. Sie haben sich emotional eingegraben, so dass selbst Demenzkranke einen Hauch von Erinnerung an ihre Identität spüren. So kann die reiche Musik- und Lied-Kultur eindrücklich wirken, ob als ökumenisches Lied am Morgen (Morgenglanz der Ewigkeit, Gotteslob 84) oder als Beatles-Song von gestern; Yesterday ist dann heute.

Kunst des Altwerdens – Bücher zur Gelassenheit und zur Sinnfrage haben Hochkonjunktur, auch zur Schmerzvermeidung wie beim antiken Arzt Galenus oder zur Lebenshilfe. Insbesondere die philosophische Kunst des Alterns wird gepflegt, mit klugen Ratschlägen wie den vier ‹L›s: Laufen, Lernen, Lieben, Lachen.14 Zur Kunst des Lebens (ars vivendi) gehört freilich die Kunst des Sterbens. Das wusste schon Seneca mit seinem Wort: Was vom Leben vergangen ist, hat der Tod schon längst (quidquid aetatis retro est mors tenet; Seneca, epist. 1). Der Gedanke einer befristeten Lebenszeit, über die wir nicht verfügen können, bereitet freilich in der späten Moderne kein geringes intellektuelles oder emotionales Aufbegehren.

Goldene Regel – Diese Regel der Wechselseitigkeit im Umgang miteinander ist ein ethisches Prinzip, das sich in zahlreichen Kulturen und Religionen findet und daher zum Weltkulturerbe gehört. Die sprichwörtlich bekannte Regel besagt, dass man andere so behandeln soll, wie man selbst behandelt werden will. «Sorge für deinen Nächsten wie für dich selbst, und denk an all das, was auch dir zuwider ist» (Sir 31, 15), heißt es in der Weisheit und neutestamentlich in der Bergpredigt: «Alles also, was ihr von anderen erwartet, tut auch ihnen!» (Mt 7, 12). Im Kontext der Pflege im Alter gilt die Regel sowohl für das Pflegepersonal (Infantilisiert die Alten nicht!) als auch für das Verhalten der alten Personen gegenüber den Pflegenden (Geht pfleglich mit den Pflegenden um!).

Kunst des Sterbens – Wer die Kunst des Lebens und des Alterns einübt, kann nicht von der Kunst des Sterbens absehen, die als ars moriendi bekannt ist und im Christentum gepflegt wird. Dabei ist relativ unerheblich, ob der Tod plötzlich oder schleichend kommt, er kommt sicher. Ein mittelalterliches Kirchenlied hält realistisch fest: Media in vita morte sumus: «Mitten wir im Leben sind / mit dem Tod umfangen» (Gotteslob 503). Aber nach der christlichen Hoffnung gilt auch umgekehrt: «Mitten wir im Tode sind von dem Leben umfangen.» Daher umgibt die Kirche das Leben und das Pflegen (cura), das Sterben und den Tod mit ihren Ritualen.15 Denn Hoffnung auf ewiges Leben bei Gott und miteinander ist eine Botschaft der Freude. Ostern ist das Schlüsselwort, die Überwindung des Todes durch Christ Auferstehung.




Anmerkungen
1 Jean Améry, Über das Altern. Revolte und Resignation, Stuttgart 1968.
2 Simone de Beauvoir, Das Alter. Essay, Reinbek bei Hamburg 1972.
3 Alfons Deeken, Altsein ist lernbar. Anleitung und Hilfe, Kevelaer 1973 (engl.1972).
4 Zu diesen und weiteren empirischen Daten vgl. Karl Gabriel, Art. Alter, in: Staatslexikon, 8., völlig neu bearbeitete Aufl ., Bd. 1, Freiburg 2017, Sp. 119–15.
5 Wolfgang Reinhard, Lebensformen Europas. Eine historische Kulturantopologie, München 2004, 175– 197, Abb. 176f.
6 Zum Text und zur Interpretation vgl. Alois Grillmeier, Die sieben Stufen zur Weisheit. Die Lehre des hl. Augustinus von den sieben geistlichen Lebensaltern, in: Weisheit Gottes – Weisheit der Welt, Festschrift für Joseph Ratzinger zum 60. Geburtstag, hg. im Auftrag des Schülerkreises von Walter Baier u.a., Bde. 2, St. Ottilien 1987, 1355–1375.
7 Späte Freundschaften. Carl Zuckmayer und Karl Barth in Briefen, Zürich, 2. Aufl . 1978, 56f.
8 Vgl. zum Überblick: Bernhard Schneider, Christliche Armenfürsorge. Von den Anfängen bis zum Ende des Mittelalters. Eine Geschichte des Helfens und seiner Grenzen, Freiburg – Basel – Wien 2017.
9 Zu den vielfältigen Dimensionen vgl. Martina Blasberg-Kuhnke (Hg.), Altern in Freiheit und Würde. Handbuch christlicher Altenarbeit, München 2007.
10 Karl Rahner, Ekklesiologische Grundlegegung und Die Grundfunktionen der Kirche, in: Handbuch der Pastoraltheologie, Bd. 1, hrsg. von Franz Xaver Arnold u.a., Freiburg 1964, 128 und 233–236.
11 Papst Benedikt XVI., Enzyklika Deus caritas est (VApSt 171), Bonn 2005, 25a.
12 Vgl. Die Zukunft der Pflege im Alter. Ein Beitrag der katholischen Kirche (Die deutschen Bischöfe 92), Bonn 2011.
13 Reiner Kunze, die stunde mit dir selbst. gedichte, Frankfurt 2018.
14 Otfried Höffe, Die hohe Kunst des Alterns. Kleine Philosophie des guten Lebens, München 2/2018, 96.
15 Vgl. Richard Hartmann (Hg.), Vergiss die Alten nicht. Hohes Lebensalter als Herausforderung für Kirche und Gesellschaft (Fuldaer Hochschulschriften 61), Würzburg 2018.

Abstract

The Art of Growing Old: Pastoral Considerations. This article evaluates the perspectives of different discourses on old age (Améry, Beauvoir, Deeken) up to the present time. Furthermore, recent empirical tendencies of aging are considered. This leads to elaborations on the relationship of the young and old generations and their genuin values. In the light of pastoral care inside and outside of the church the article provides seven concluding ideas for pastoral and individual approaches to the phenomena of old age.

Keywords: old age – maturity – seniority – pastoral care – caritas – ars moriendi

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