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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/com.2019.3.315–330
Eckhard Nordhofen
DAS GROSSE GEGENÜBER UND SEINE KONKURRENTEN
Zur Differenz zwischen usurpatorischem und privativem Monotheismus
Das große Gegenüber

Der Begriffspoet Peter Sloterdijk geizt nicht mit Worterfindungen. Alle kann man sie nicht behalten. Bei einer aber ging in mir ein Lämpchen an. Er vermisst im Zeitalter «nach Gott» – so sein Buchtitel – die «Vertikalspannung» und wegen dieses Phantomschmerzes scheint ihm auch nicht endgültig ausgemacht, dass wir tatsächlich in einem solchen Zeitalter «nach Gott» leben. In einem DLF-Interview kokettiert er ein wenig mit der Präposition «nach». Statt für post Deum, könnte man sich auch für, secundum Deum entscheiden.

So ein Changieren zwischen Frömmigkeit und Gottlosigkeit macht mir die Wahl leicht. Natürlich ist die Frömmigkeit, die «Gott gemäß», secundum Deum, leben will, meine erste Wahl. Die Gottlosigkeit aber lasse ich nicht ganz fallen, sondern lege sie auf «Wiedervorlage» und visiere dabei eine sehr spezielle Variante an, eine Vorenthaltung Gottes, die vom Gottesbesitz und Gottesleugnung gleich weit entfernt ist.

«Vertikalspannung» also – ein Ausdruck mit einer zugleich altbekannten und hochmodischen Metaphorik. Was wird nicht alles als «total spannend» angepriesen. Die Metapher unterstellt zwei Pole, einen oben und einen unten. «Ehre sei Gott in der Höhe». Wenn feststeht, dass es den Pol in der Höhe nicht gibt, lebe ich in einer anderen, nämlich spannungslosen Welt. Das gilt auch für den Fall, dass der Pol nicht in der Höhe, sondern in der Tiefe gedacht wird.

Dass es ihn wo auch immer gibt, macht einen Unterschied, dessen Bedeutung man nicht übertreiben kann: Es ist ein Unterschied ums Ganze. Was wäre das für eine Welt, die spannungslos nichts weiter wäre, als all das, «was der Fall ist»? Wittgensteins erster Satz des «Tractatus» – «Die Welt ist alles, was der Fall ist» – ist deswegen so interessant, weil er in einem Gedankenexperiment genau eine solche spannungslose Welt bezeichnet, eine Welt ohne den zweiten Pol, eine Welt ohne Gegenüber. In einem Brief an seinen Freund Engelmann erläutert Wittgenstein dieses inspirierende Experiment: Er habe die Küstenlinie einer Insel beschreiben wollen, nicht um der Insel, sondern dem Ozean eine Grenze zu geben. Diesem aber habe sein eigentliches Interesse gegolten. Am Ende ist auch für Ludwig Wittgenstein die Welt, in der er und sein Freund Engelmann leben, mehr als «alles, was der Fall ist». Auch sie fanden sich in einer nachparadiesischen Welt, in der es an Spannungen weiß Gott nicht fehlte.

Dieser Spannung erzeugende Pol, der mich auf Abstand zum Ist-Zustand bringt – gibt es ihn? Gibt es ihn nur in meinem Kopf? Und wenn es ihn nur in meinem Kopf gibt, gibt es ihn am Ende doch nicht wirklich? Was geschieht da, wenn das Gegenüber meines Kopfes diesem entsprungen ist? Ausdenken kann ich mir viel. Wenn Gott kein Wolpertinger, sondern angesichts einer Welt voller Risse und Schründe (Adorno) ein notwendiges Denkpostulat ist, fällt seine Wirklichkeit, die Wirklichkeit der Wirklichkeiten, in eine eigene Klasse. Was ist das für eine Wirklichkeit, die uns einen Blick wie von außerhalb möglich macht? Es ist die Wirklichkeit der Reflexion. Wir finden sie vor, denn wir sind kontrafaktisch begabt und leben in einem ungesättigten Weltverhältnis.

Die Tradition hat die Rede von diesem Spannung erzeugenden Pol wie einen Minus-Pol in der Elektrophysik mit dem Etikett «negative Theologie» versehen, weil er Abstand erzeugt. Nun haftet dem Negativen auch nahezu unvermeidlich die Konnotation an: negativ ist schlecht. Schmerz ist negativ. Ist aber jede Negation negativ? Im Falle der «negativen Theologie», auf die wir bei der monotheistischen Gottesrede keinesfalls verzichten können, ist ihre Botschaft aber nicht nur nicht schlecht, sondern geradezu konstitutiv.

Die Zweiheit negativ-positiv folgt dem Gesetz der zweiwertigen Logik. Wer Negativität konzipiert, hat daher die Positivität schon mitgedacht. Das führt zu der Frage: Wo bitte, bleibt dann die positive Theologie? Oft genug wird in diese Variable der Positivität ein Offenbarungsgeschehen eingetragen.

Die Vorstellung von einer affirmativ positiven Offenbarung, die dann als Komplement eine «negative Theologie» ergänzen und überbieten könnte, lässt sich allerdings nur mit einer fundamentalistischen, auf die Ebene der Historizität eingeebneten Bibellektüre verteidigen. «Grüß Gott, wenn du ihn siehst». Das große Gegenüber würde ins Diesseits der Empirie gezerrt. Die Rede von der negativen Theologie, die im angemessenen Kontext richtig und sinnvoll sein kann, provoziert reflexartig solche Vorstellungen.

Ich habe daher vorgeschlagen, diese altehrwürdige Rede, zu der man sich der Vollständigkeit halber alsbald eine positive Offenbarungstheologie im Sinne unmittelbarer himmlischer Botschaften zu denken hätte, fallenzulassen und stattdessen von einer «privativen Theologie» zu sprechen, einer «Theologie der Vorenthaltung».

Um diese zunächst dürr-abstrakte Denkfigur mit narrativem Fleisch zu bekleiden, will ich einige der bekanntesten Offenbarungserzählungen aufrufen um zu zeigen, dass die religionsgeschichtlich emergente und wirklich neue Gottesvorstellung Israels von dem Moment an, wo sie sich an den Wassern von Babylon aus den monolatrischen Verhältnissen der Königszeit herausarbeitet, sich sofort in einer Simultaneität von Offenbarung und Vorenthaltung artikuliert. Bei diesen großen Offenbarungserzählungen haben wir es regelmäßig mit einer solchen Gleichzeitigkeit zu tun. Sie ist für den biblischen Monotheismus von Anfang an sein eigentliches Proprium.

Vorab aber noch ein Blick auf Amarna


Nicht nur für den Ägyptologen Jan Assmann, auch für den Thomas Mann des Josefsromans und für Sigmund Freud war die Amarna-Episode im alten Ägypten ein Faszinosum, denn sie kann als eine Art Vorspiel zum biblischen Monotheismus gelesen werden. Assmann hat sogar versucht, eine Art unterirdische Rohrpost von Echnaton (1351–1334 v. Chr. ) zu «Moses dem Ägypter» (Exodus ca. 1250), der großen Gründergestalt seiner «Mosaischen Entgegensetzung» zu rekonstruieren. Nach dem Tod des Pharao hatten das Volk und die Priester seine monotheistische Revolution kassiert und waren zu den alten Kulten von Theben zurückgekehrt, die Echnaton durch seinen exklusiven Sonnenkult in Amarna hatte ersetzen wollen. Die Sonne ist die spektakulärste Singularität des Kosmos. Sie spendet Licht und Leben. Auf dieses große Tagesgestirn hatte er alle Göttlichkeit kondensiert. Das Patent auf den Monotheismus erteilt Assmann, der sich inzwischen mehr und mehr als Religionswissenschaftler begreift, dem Pharao dennoch nicht. Die große Emergenz, das eigentliche religionsgeschichtliche Schwellenereignis ist für Assmann, Theo Sundermeier und auch für mich tatsächlich jene neue Weltsicht, die sich daraus ergibt, dass die Welt ein Gegenüber, biblisch gesprochen, einen Schöpfer hat. Während Echnaton und seine Frau Nofretete auf der berühmten Stele die Sonne als einzige und höchste Gottheit verehren, heftet sie in Genesis 1 der Schöpfergott JHWH als eine von zwei Leuchten neben dem Mond ans Firmament. Gott selbst, war kein Teil der Welt, die er sich, indem er dem Tohuwabohu Struktur und Gestalt gibt, als Kosmos, als geordnete Welt gegenüberstellte. Das war wirklich neu.

Assmann hat die «Mosaische Entgegensetzung» – inzwischen heißt es dann abgeschwächt «Mosaische Unterscheidung» – als Gründungsgeschichte des Monotheismus ganz so rekonstruiert, wie sie das biblische Narrativ vorgibt. Dabei unterscheidet er nicht zwischen dem Sagenstoff des Exodus, der Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägypten, die Israel rituell immer und immer wieder neu begeht und einer Erzählebene, die Historizität beanspruchen kann. Daran tut er gut, denn genau diese Mischung erzeugt die Materie für das Gedächtnis, auf die es ihm als Anwalt eines methodischen Prinzips der Gedächtnisgeschichte ankommt.

Heute übergehe ich einmal die große Gewaltdebatte, die Assmann 1998 mit seiner Behauptung ausgelöst hatte, mit der «Mosaischen Entgegensetzung» sei, wenn nicht schon das Böse überhaupt, so doch die religiös motivierte Gewalt in die Welt gekommen, die zuvor von einem toleranten und allenfalls friedlich-schiedlichen Polytheismus gekennzeichnet gewesen sei. Nicht die religiösen Unterschiede, so sagt Assmann inzwischen, sondern ganz allgemein, das Freund-Feind-Denken, der tief wurzelnde Gegensatz: Wir und die Anderen, sei die Urquelle der Gewalt. Darauf kann man kommen …

Wenn die «Mosaische Entgegensetzung» das große Gegenüber von Welt und Schöpfer erzeugt hat, dann müsste diese Emergenz nach Auskunft der Alttestamentler freilich eher eine «Babylonische Entgegensetzung» genannt werden, denn erst im Babylonischen Exil ist es zum eigentlichen Durchbruch des Monotheismus gekommen. Aus dessen Perspektive wurden auch die großen Exoduserzählungen neu überformt, die dann Mose als Werkzeug Gottes und große Gründergestalt herausheben. Was an Mose streng genommen historisch ist, und ob ein historischer Mose überhaupt Monotheist war, darüber könnte man lange spekulieren. [...]


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