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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Editorial
Julia Knop
GLAUBEN LEHREN UND LERNEN
Kann man lernen, an Gott zu glauben? Kann man einem anderen, dem Kind, dem Schüler oder der Schülerin, den Jugendlichen im Firmkurs, einem Konvertiten oder einer Studentin, beibringen zu glauben? Ist Gottvertrauen erlernbar?

Schaut man in Katechismen älterer oder jüngerer Art, scheint die Sache klar zu sein: Ja, Glauben kann man lernen; in den Glauben und seine Traditionen kann man sich einüben. Katechismen geben Antworten auf alle möglichen (bzw. alle vom Herausgeber vorgesehenen) Fragen, die ein Mensch zum Glauben haben kann. In Katechismen jüngeren Datums, etwa dem 2010 aufgelegten YouCat, gibt es neben klassischen Fragen und Antworten erläuternde Textabschnitte, die Begriffe erklären (z. B. Diakon, Transsubstantiation, Doppelmoral), und Zitate und Sinnsprüche aus dem Schatz der Bibel, der kirchlichen Tradition, der Liturgie, der Theologie und der Literatur. «Neues und Altes» (Mt 13, 52) wird hervorgeholt und den jungen Leuten ans Herz gelegt: geistliche und geistreiche Sätze aus Evangelien und lehramtlichen Texten, aus Sakramentenfeiern und Ordensregeln, von Kirchenvätern und Schriftstellern, von Heinrich Böll und Reinhold Schneider, Edith Stein, Mutter Teresa, Roger Schütz, Pater Pio und dem Pfarrer von Ars. Anders als die lexikalisch anmutenden Erläuterungen erklären diese Zitate nichts. Sie machen ein Identifikationsangebot. Das persönliche oder kirchliche Zeugnis, das in ihnen zum Ausdruck kommt, soll den Leserinnen und Lesern den katholischen Glauben in der präsentierten Form als eigene Lebensoption nahebringen. Das Ziel eines Katechismus ist innere Zustimmung – der Fragen, der Antworten und der Lebenszeugnisse. Die durchweg inklusive Sprache, die Leserin und Leser in ein größeres «Wir» hineinzieht, erzeugt zudem Zugehörigkeit. Wer dem auf Affirmation angelegten Duktus eines Katechismus folgt, kann sich als Teil einer kirchlichen Gemeinschaft erfahren, die in Glauben und Leben dieselbe Sprache spricht, denen die vorgegebenen Fragen selbst fraglich (geworden) sind und denen die gemeinsame Antwort etwas bedeutet.

Kann man lernen, an Gott zu glauben? Wer einen Katechismus zurate zieht, kann Glaubensaussagen, also einen inhaltlich und systematisch genormten Glauben, erlernen, und sich in eine bestimmte Haltung einüben. Glaube im Sinne einer vertrauensvollen Gottesbeziehung lehrt freilich auch ein Katechismus nicht. Er ist ein Angebot, einer gewachsenen Gottesbeziehung eine ganz bestimmte Form zu geben. Diese Form lässt sich erlernen: ein mehr oder weniger kohärentes System von Glaubensaussagen und Gebets- und Bekenntnistexte wie das Vaterunser und das Credo, die den Katechumenen seit alters her überliefert werden. Auch die Außenseite ritueller Vollzüge, beispielsweise den Ablauf der Messe oder des Bußsakraments, kann man katechetisch anbahnen. Ebenso lernbar sind Strukturen, beispielsweise der Aufbau der römisch-katholischen Kirche und der Ort, den man selbst in ihrem Gefüge einnimmt. Lernbar ist Religiosität, Kirchlichkeit.

Damit Religion und Kirche, religiöse Überzeugungen und religiöse Handlungen, aber überhaupt Interesse wecken, Relevanz erzeugen und eigene Fragen hervorbringen, muss etwas geschehen, das jenseits des Könnens und Wollens der Beteiligten, des/r Katechumenen wie des/r Katechet/in, steht. Die kirchliche Tradition nennt dies das «initium fidei»: den Impuls, glauben (lernen) zu wollen. Diese Initiative liegt, darin sind sich alle christlichen Kirchen einig, allein in Gottes Hand. Es ist bereits eine Gnade, glauben zu wollen, und eine vielleicht noch größere Gnade, glauben zu können und dem Gott Jesu Christi sein Leben anzuvertrauen – ein Glaubensleben lang. Weder das «initium fidei» noch die «perseverantia fidei», also die Ausdauer oder Beständigkeit im Glauben, ist Frucht einer Entscheidung. Man kann nicht beschließen zu glauben, sowenig wie man entscheiden kann zu lieben oder zu vertrauen. Schon die existenzielle (nicht die religionsphilosophische) Frage nach Gott ist unverfügbares Geschenk. Dem einen ist sie ans Herz gelegt, der anderen nicht. Wer das Glück hatte, kirchlich sozialisiert worden zu sein, mag darüber religiös geworden sein. Aber ob es ihm auch ein inneres Bedürfnis geworden ist, an Gott glauben zu können, bleibt ungewiss. Religiosität lässt sich lernen, Glaube nicht.

Was man aber erlernen kann und wofür sich alle Anstrengung lohnt, ist religiöse Bildung: die Fähigkeit zur altersgerechten Glaubensreflexion und zur argumentativen Verantwortung der eigenen Position, ein angemessener Umgang mit Fragen und Zweifeln, ökumenische Sensibilität und ein Bewusstsein der Vielfalt weltanschaulicher Optionen. All das lässt sich anbahnen, einüben und reflektieren und ist für Gläubige wie für Nichtgläubige relevant. Deshalb ist nicht nur die akademische Theologie, sondern bereits der schulische Religionsunterricht in einer pluralen Gesellschaft so wichtig. Ihre Formate religiöser Bildung sind zugleich bescheidener als die klassische Katechese, von der sich der Religionsunterricht hierzulande zumindest seit der Würzburger Synode (1971–1975) unterscheidet. Dass das initium fidei nicht nur Dritten entzogen, sondern schlechthin, sogar einem selbst, unverfügbar ist, und dass man Gottvertrauen weder lehren noch lernen kann, ist in der Schule wie in der Wissenschaft keine Not, sondern eine Tugend. Es entlastet Lehrer/innen und Dozent/inn/en, dass sie kein Kind und keine/n Jugendliche/n, keine Studentin und keinen Doktoranden fromm machen oder in Frömmigkeit erhalten können. Ein Schul- oder Universitätszeugnis ist – Gott sei Dank! – kein Gnadenakt, sondern die Dokumentation erworbener und geprüfter Fähigkeiten.

Wer nicht nur fromm, sondern auch religiös gebildet ist, weiß seinen Glauben, seine Frömmigkeit, seine Kirchlichkeit und sein Ethos kritisch zu befragen und den kritischen Fragen anderer auszusetzen. Er weiß, dass man im Leben wie im Glauben oft mehr an Fragen als an Antworten reift und dass man im Glauben wie im Leben irgendwann einmal erwachsen werden muss. Ein Glaube, der mit der Komplexität des Lebens, der biographischen Entwicklung der Persönlichkeit und dem eigenen intellektuellen Niveau nicht mithalten kann, bleibt kindisch oder wird nostalgisch. Beides trägt nicht. Erwachsener Glaube braucht nicht nur religiöses Wissen, sei es Religionskunde, sei es Katechismuswissen. Er braucht v. a. religiöse Bildung. Sie macht souverän nicht nur gegenüber manchen Unwägbarkeiten des Lebens, sondern auch gegenüber den Um- und Abwegen der eigenen Religionsgemeinschaft. Religiöse Bildung macht innerlich unabhängig von selbsternannten Glaubenswächtern und kritisch gegenüber allzu einfachen Antworten. Religiöse Bildung hilft dabei, politische Vereinnahmung von Religion und religiöse Populismen zu erkennen und abzuwehren. Einfach nur zu glauben, bloß dem Affekt und der Gruppe oder einer religiösen Leitfigur zu trauen, ist unterkomplex und kann sogar gefährlich werden. Ein einfacher Glaube sucht eine einfache Theologie, die Evidenzen erzeugen will statt Fragen zu stellen und lieber fromm machen will als klug. Ein komplexer Glaube, besser: ein Gottvertrauen, das die Komplexität der Wirklichkeit und die Fraglichkeit Gottes erträgt, bringt auch eine ambiguitätssensible, kritikfähige Theologie hervor. Ein reifer, erwachsener Glaube sucht und fordert eine Theologie, die aus dem Bewusstsein der Unverfügbarkeit Gottes und der Relativität aller menschlicher Glaubensformate heraus Glaube, Kirche und Religion bedenkt.

Die Artikel dieses Themenhefts beschäftigen sich aus unterschiedlicher Perspektive mit den Herausforderungen, Möglichkeiten und Grenzen heutiger Formate, Glauben zu lehren und zu lernen: Stefan Jürgens thematisiert nötige Reifungsprozesse im Glauben: Wer als Kind das Glück hatte, religiös erzogen worden zu sein, muss als Erwachsener die kindliche Version seines Glaubens überwinden und im Glauben wie im Leben erwachsen werden. Ein Kinderglaube trägt den Erwachsenen nicht, er bleibt in seiner Frömmigkeit wie Kirchlichkeit magisch-archaischen Vorstellungen verhaftet, die mit dem Gott Jesu Christi nur wenig zu tun haben. Dominique-Marcel Kosack beschäftigt sich mit Formaten von Katechese und Gottesdienst im Gebetshaus Augsburg, die von akademisch-theologischer Seite kritisch betrachtet werden. Welches Bild von Glaube, Ethos und Kirche wird dort erwartet und vermittelt? Geht es um Katechese oder theologische Bildung, um eine affektive Formung junger Menschen oder darum, ihren Weg zu einem erwachsenen Glauben zu unterstützen? Wo muss berechtigte Kritik ansetzen, wo ist sie überzogen? Claus-Peter Sajak geht neueren Entwicklungen des schulischen Religionsunterrichtes, seiner Ziele und Formate, nach. Der Religionsunterricht ist kein verlängerter Arm kirchlicher Verkündigung, sondern ein Forum, das auf dem Weg religiöser Bildung reflektierte Glaubensentscheidungen eröffnen soll. Welche Chancen, aber auch Herausforderungen bietet die mittlerweile verbreitete konfessionelle Kooperation dafür? Fördert eine ökumenisch verantwortete Glaubensreflexion eher religionskundliche Bildung oder konfessionelle Profilierung? Herbert Schlögel würdigt aus katholischer Perspektive einen aktuellen Katechismus aus evangelischer Feder: Wilfried Härles «Worauf es ankommt», bereits in dritter Auflage erschienen.

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