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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/com.2019.5.485–495
Stefan Jürgens
VON DER MAGIE ZUR MYSTIK
Wie man im Glauben erwachsen wird
Glauben ist kein Zustand, sondern ein Weg. Der Glaube entwickelt sich im Lauf des Lebens. Bleibt ein Mensch auf einer bestimmten, meist frühen religiösen Stufe stehen, spricht man vom Kinderglauben. Wenn ein Kind nicht wächst, wird aus ihm kein kleiner Erwachsener, sondern ein Zwerg. Man sollte den Kinderglauben deshalb nicht romantisieren, so als habe eine solche Entwicklungsstufe mit unverdorbenem Vertrauen zu tun, gar mit unverbrauchter und unangezweifelter Gottunmittelbarkeit. Es ist ein Zwergenglaube, der bei der erstbesten Lebenskrise wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Wer aus seinen religiösen Kinderschuhen nicht herausgewachsen ist, wird bald aus allen Latschen kippen. Nach meiner Erfahrung gehen menschliche und geistliche Reife Hand in Hand, Beziehungsfähigkeit und Spiritualität sind ein und dasselbe.

Die religiöse Entwicklung vom Kinder- zum Erwachsenenglauben ist der Weg von der Magie zur Mystik. Denn wie jeder Mensch im Mutterleib Stufen der biologischen Evolution durchläuft, so durchlebt und durchleidet er biografisch den Fortgang der geistig-geistlichen Evolution der Menschheit von einer naiv-magischen Religiosität bis hin zum aufgeklärt-mystischen Glauben. Magie ist dabei die archaische Vorstellung, dass alles mit allem zusammenhängt und man nur die richtigen Mittel anwenden muss, um das Göttliche nach eigenem Gutdünken zu beeinflussen. Da diese Mittel jedoch auch anderen zur Verfügung stehen, geht mit der Magie immer auch die Angst einher, das Göttliche könne einem Schaden zufügen. Magische Vorstellungen sind demnach immer angstbesetzt und von großer existentieller Unsicherheit geprägt, das Göttliche erscheint einerseits unheimlich groß, dann aber wieder nützlich und brauchbar und damit klitzeklein, es bleibt unberechenbar und ambivalent.

Mystik ist demgegenüber kein Feld für religiöse Hochleistungssportler oder besonders begabte Gläubige, sondern schlichtweg die konsequente Pflege einer persönlichen Gottesbeziehung. Der Mystiker erfährt Gott als ein liebendes, aber auch herausforderndes Du, dem er sich in Freiheit anvertrauen kann. Gott ist der immer Größere, er spricht und hört, er zwingt zu nichts, lässt sich aber auch nicht für eigene Zwecke gebrauchen und damit kleinmachen. Gott ist geheimnisvoll, aber nicht unheimlich; er ist eindeutig, nicht ambivalent. Jeder Mensch, der betet, ist in diesem Sinn ein Mystiker.

Was aber unterscheidet den Kinder- vom Erwachsenenglauben? Warum bleiben so viele Menschen im Kinderglauben stecken? Wie wird man im Glauben erwachsen? Diesen Fragen möchte ich schrittweise nachgehen.

Geistliche Entwicklung in der Bibel


Die Bibel ist voll von Erzählungen und Bildern einer stufenweisen Glaubensentwicklung. Gott offenbart sich so, wie die Menschen ihn erfahren und vielleicht begreifen können, er geht ihren Lebensweg mit, fordert sie heraus, überfordert sie dabei aber nicht. Er ist ein Gott der Geschichte, nicht der zeitlosen Mythen. Da wundert es nicht, dass es in der Bibel magische und mystische Elemente, die Furcht vor Gott und die Liebe zu ihm, einen machtvollen Kriegsgott und einen ohnmächtigen Gottessohn am Kreuz gibt. Auch die Bibel zeigt eine geistig-geistliche Evolution von der Magie zur Mystik, anthropomorphe Gottesbilder lösen sich zugunsten transzendenter Vorstellungen und Gotteserfahrungen, die zur Liebe herausfordern, auf. Das Verständnis der Bibel wächst ebenfalls mit der menschlichen Erkenntnis, wir verstehen die Bibel heute besser als vor hundert oder tausend Jahren.

Die Erzählung vom Sündenfall (Gen 3, 1–24) beispielsweise ist ein Bild für die Entwicklung eines jeden Menschen. Den Garten Eden hat es nie gegeben, er ist das Symbol einer großen Sehnsucht. Von Anfang an fühlten sich die Menschen wie aus einem Paradies vertrieben, sie waren ins Leben hineingeworfen und mussten irgendwie damit klarkommen. Adam und Eva sind wie alle Menschen vor der Pubertät (und wie die Tiere) geborgen, dafür aber unbewusst. Menschen nach der Pubertät sind bewusst, dafür aber ungeborgen. Insofern spiegelt die Erzählung vom Sündenfall die ganzheitliche Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen. Der Erwachsene nimmt das Leben selbst in die Hand, er hat das Paradies seiner Kindheit mit all seiner Geborgenheit verloren, er ist jetzt für sich selbst verantwortlich.

Jakob, der Fersenfasser und Erbschleicher, läuft vor sich selbst davon (Gen 25–33). Nach dem geheimnisvollen Kampf mit Gott wagt er den Weg zur Versöhnung, ohne zu wissen, ob sein Bruder Esau ihm vergeben wird. Segen wird eben nicht erschlichen, sondern erkämpft. Der Kindische wird erwachsen, aus Jakob wird Israel.

Die Jona-Geschichte sowie die Hiob-Lehrerzählung zeigen eine Entwicklung zum erwachsenen Glauben: Jona lernt, nicht mehr wegzulaufen, sondern seiner Berufung zu folgen und die Barmherzigkeit Gottes zu akzeptieren. Hiob beginnt, wider alle Hoffnung zu hoffen, ohne jedoch Gott auch nur ansatzweise zu verstehen, anstatt auf die falschen Freunde zu hören, die ihm mit den alten magisch-kausalen Vorstellungen von Tun und Ergehen ein schlechtes Gewissen machen und Schuld einreden wollen.

Auch Jesus macht eine Entwicklung durch. Er muss glauben lernen wie jedes andere Kind, er geht den Weg von der Geborgenheit zum Bewusstsein, vom Mitmachen vorgegebener religiöser Rituale zur selbstbestimmten Spiritualität, vom Hinnehmen überkommener Traditionen zum Entdecken seiner eigenen universalen Sendung, von der Magie zur Mystik. Exemplarisch dafür steht die Begegnung mit der heidnischen Frau, deren Tochter krank ist (Mk 7, 24–30). Jesus will sie zunächst nicht heilen, ja er weist sie schroff ab. Erst durch die Hartnäckigkeit und Klugheit dieser Frau entdeckt Jesus seine Sendung zu allen Menschen, entwickelt er eine Vorstellung universaler Nächstenliebe.

Besonders auffällig trennt die Geschichte von der Heilung der zehn Aussätzigen zwischen Kinder- und Erwachsenenglauben (Lk 17, 11–19). Jesus heilt die Aussätzigen, indem er ihnen, treu zum jüdischen Gesetz, aufträgt, zu den Priestern zu gehen, um die Heilung bestätigt zu bekommen. Neun Geheilte tun, was Jesus sagt, bekommen, was sie wollen – und wurden nicht mehr gesehen. Ein Geheilter kehrt um zu Jesus, zeigt sich also nicht den Priestern, sondern antwortet stattdessen existentiell. Unreflektierte Religiosität bleibt auf Nützlichkeit aus, gereifter Glaube wird beziehungsorientiert. Interessant ist der pastorale Realitätssinn: Neunzig Prozent bleiben letztlich unreif, zehn Prozent werden erwachsen und folgen Jesus nach. Hundert Prozent werden gesund, aber nur zehn Prozent geheilt.

Der verlorene Sohn und sein beleidigter Bruder (Lk 15, 11–32) reifen auf je verschiedene Weise. Der eine wollte nicht mehr Sohn sein und wird es wieder, der andere war es immer, hatte es aber vergessen. Beiden wird die bedingungslose Liebe des Vaters geschenkt, sie brauchen von nun an weder eigensinnig wegzulaufen noch griesgrämig auszuharren. Im Erwachsenwerden begreifen sie die Gnade ihrer Kindschaft.

Petrus ist ein Jünger, den Jesus selbst an die Hand nimmt auf dem Weg von der Magie zur Mystik. Denn Petrus hat Erwartungen an Jesus, die durchaus kindisch wirken: Er will mit ihm erfolgreich sein, für ihn kämpfen und wie er übers Wasser gehen. Schrittweise lernt er, den Weg des Kreuzes zu akzeptieren. Selbst sein dreimaliges Verleugnen wird durch Jesus in die dreimalige Liebeserklärung verwandelt. Dadurch verliert Petrus seine Angst und gewinnt an innerer Freiheit ( Joh 21, 15–23). Seine Apostelkollegen Johannes und Jakobus entwickeln sich von Donnersöhnen mit karrieristischen Nebenabsichten zu wirklichen Nachfolgern (Lk 9, 54).

Besonders eindrücklich sind die Reifungs- und Entwicklungsprozesse in den Ostererzählungen der Evangelien. Die aus Enttäuschung weggelaufenen Emmausjünger erfahren, dass Jesus ihnen geradezu nachläuft, um neue Perspektiven zu eröffnen. Dabei lernen sie, dass Gott anders ist als ihre bisherigen Vorstellungen von ihm (Lk 24, 13–35). Maria Magdalena begreift, dass sie Jesus nicht festhalten, sondern nur verkündigen kann, und dass die Liebe bleibt, während die äußere Gestalt vergeht; sie muss ihre Wünsche aufgeben und zur Hoffnung hin reifen ( Joh 20, 11–18). Der ungläubige Thomas schließlich ist eigentlich ein fragender Thomas, denn er ist nicht zufrieden mit dem, was die anderen Jünger sagen. Er fragt nach, er will es genau wissen. Als Jesus vor ihm steht, berührt er ihn nicht, sondern bekennt: Mein Herr und mein Gott! Der Apostel mit den größten Zweifeln ist derjenige mit dem klarsten Bekenntnis. Ein wirklich erwachsener Mann, der seinen Zweifeln und seinem Glauben klar und bewusst nachgeht, ehrlich und konsequent ( Joh 20, 24–29). [...]


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