zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 5/2019 » Leseprobe 2
Titelcover der archivierte Ausgabe 5/2019 - klicken Sie für eine größere Ansicht
Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

Lesen Sie hier
 
Ausgaben-Index 1972 bis heute
Chronologisch- thematische Liste aller Hefte von 1972-heute
Autoren-Index 1972 bis heute
Alphabetische Liste aller Autoren und Ihrer Artikel
<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Leseprobe 2 DOI: 10.14623/com.2019.5.534–542
Thomas Sternberg
WOVON MAN NICHT SPRECHEN KANN, DAVON MUSS MAN ERZÄHLEN
Über das Erzählwerk von Husch Josten (Laudatio zum KAS-Literaturpreis 2019)
In der Vorbereitung dieser Laudatio fand ich unter einem Porträt die Nennung einer Fotografin mit einem vertrauten Namen. Da der nicht allzu verbreitet ist, rief ich einen alten gleichnamigen Freund an, ob es sein könne, dass es sich um eine seiner Töchter handele. Im Telefonat stellte sich heraus, dass Husch Josten die jüngere Schwester meines Freundes ist. Er ist eines jener Geschwister, denen das jüngste Werk der Autorin «Land sehen» gewidmet ist. Welch ein Zufall möchte man sagen – ein Thema, das die Autorin Husch Josten in allen ihren bislang sechs Büchern bewegt: wie ist das mit dem Zufall?

Husch Josten war Journalistin. Das wirkt sich auf ihre schriftstellerische Produktion aus: Reportage und Fiktion verschränken sich in ihren Büchern zunehmend. Besonders gut ist das zu sehen in dem Roman aus dem Jahr 2017 Hier sind Drachen, inzwischen mit dem schönen Titel Wittgenstein à l‘aéroport (bzw. Wittgenstein op de luchthaven) übersetzt. Hier sind es die aktuellen Anschläge, denen sich die Protagonistin, die Journalistin Caren, auf dem Flughafen in London ausgesetzt sieht. Sie, die zufällig bei dem Attentat vom 11. September 2001 in New York dabei war – was eine längere Schreibhemmung zur Folge hatte – ist nun als Journalistin international tätig. «Ich will alles sehen, sagte sie, alles sehen und beobachten und andere Geschichten erzählen» (58). Sie hatte auch die Anschläge auf Charlie Hebdo in Frankreich aus nächster Nähe erlebt und gerät nun auf dem Londoner Flughafen Heathrow in eine Bedrohungssituation, in der sich die Ereignisse überschlagen.

Was ist wahr in diesen Darstellungen, die so dezidiert auf reale Vorgänge rekurrieren? Mich erinnert das an einen anderen Preisträger dieses Preises, Michael Köhlmeier. In seinem Roman Abendland heißt es: «Die Recherche war aufregend. Finden und Erfinden trieben ihr Spiel miteinander wie in einem Vexierbild» (502). In Jostens Roman ist es die Verschränkung einer fiktiven Situation mit den realen Vorkommnissen der Attentate und Bedrohungen, der Weltnachrichten und der persönlichen Begegnung. In einem Interview sagte die Autorin 2012: «Es ist das alte, unlösbare Rätsel: Was ist wahr, was nicht, kann überhaupt etwas Geschriebenes nicht wahr sein?»

Zu dieser Art der Verschränkung von Bericht und Fiktion gehört die ausgiebige Recherche. Josten verlässt sich für die Darstellung komplexer Probleme nicht allein auf ihre Kenntnisse. Zwei Ihrer Bücher liefern ein Literaturverzeichnis; gelegentlich finden sich die Hinweise auf die zugrundeliegenden Quellen im Text genannt. Für Land sehen hat sie sich theologischen, für den Tadellosen Herrn Taft völkerrechtlichen Rat geholt. Die Danksagungen am Ende der Bücher zeugen von einer Schreibtechnik, die weit entfernt ist vom Vertrauen auf die Eingebung am einsamen Schreibtisch – wenn dies Klischee der tatsächlichen literarischen Produktion jemals entsprochen hat. Die wache Präsenz der politischen und gesellschaftlichen Themen machen die Bücher Jostens zu Zeitdiagnosen, weit entfernt von selbstbezüglicher Larmoyanz.

Zurück zu Hier sind Drachen, in denen es auch um Überwachung, Terrorismus und Migration geht: Im Wartebereich des Flughafens trifft die Journalistin Caren auf einen abgeklärt ruhig Wartenden, der in die Lektüre von Wittgensteins Tractatus vertieft ist. Es kommt zu einem Gespräch, das sich zu einem poetologischen Dialog über das Schreiben und seine Bedingungen entwickelt. Er nennt sie beide «Stammler», die «auf der Suche nach neuen höchstpersönlichen Worten sind». Die noch unerzählte Geschichte sei eine «über ein Ereignis, das wir bis zu diesem Zeitpunkt nicht in unser Leben lassen wollten». Denn es gebe «neben oder hinter all diesen Geschichten, die in der Fantasie, in Zeitungen oder in Büchern vorkommen, noch etwas anderes […]. Etwas Ungesagtes. […] Die großen Dinge sind noch überall geheim und Schätze» (101).

Von dort her erklärt sich der rätselhafte deutsche Titel: «Hier sind Drachen». Die Formulierung findet sich als Warnung in frühen Weltkarten für weiße Flecken als Raum jenseits der bekannten Welt. Auf dem Hunt-Lenox Globus aus der Zeit um 1510 findet sich ‹Hic sunt dracones› für die Gebiete am östlichen Rand Asiens. Heute wird in der Popkultur und im Computerjargon die mittelalterliche Formulierung als Warnung vor Problemen gebraucht. Die «weißen Flecken auf der Landkarte» sind für die Dialogpartner des Romans die Orte, von denen man nichts wusste und die sie im Schreiben suchen. «Nur wenn man diese Orte bereiste und davon erzählte, würden die Drachen besiegt. » (155). Caren hofft, die Drachen wenn nicht mit einer, so doch mit vielen Geschichten zu bezwingen.

Ein Abschnitt befasst sich mit dem Aufbau der Geschichten. Der Unbekannte auf dem Flughafen: «Nur vom Ende her gewinnt die Erzählung ihren Sinn, alles hängt am Ende. Das Ende legt den Wert des Vorangegangenen fest. […] Und am Ende weiß ich hoffentlich, dass das Vorangegangene seinen Sinn hatte» (99). Das gilt in besonderem Maße für die Bücher der Husch Josten. Sie sind auf eine Pointe hin, auf eine Lösung der Rätsel hin konstruiert; fast wie in einem Krimi mit Zuspitzungen und Spannungsaufbau. Die Entwicklung läuft auf eine Lösung hin, die verständlich macht, was als Auftakt vielleicht abgestoßen oder völlig befremdet hätte. Besonders können wir das im neuesten Buch Land sehen erfahren.

Immer wieder kommen Autorenreflexionen durch, die von der Angst vor dem abgegriffenen Bild warnen. Manchmal wünschte man der Autorin, mehr auf die Kraft ihrer Bilder zu vertrauen und nicht die Zweifel zu verbalisieren, ob sie nicht wieder einem Klischee aufsitze. In ihrer Sprache hat sie keinerlei Angst vor Umgangssprache und drastischen Ausdrücken. Immer wieder kommt auch ihre Liebe zum Jazz und zur Popmusik durch, aus der Textfragmente zitiert werden. Ihre zuweilen harte Schnitttechnik und die Form der Binnenerzählung sind vom Film inspiriert. Sie ringt mit ihren Texten: «Schreiben erbringt den Nachweis unwiderruflicher Fehler. Konjunktiv. Ein Offenbarungseid.» (Land Sehen, 148)

Und wie in allen Büchern, so auch hier wieder die Frage nach dem Zufall: Als Caren in New York den Angriff auf das World Trade Center überlebt hatte, fragt die Mutter zweifelnd: «Und Du glaubst wirklich an Zufall? […] Natürlich, hatte Caren geantwortet, selbstverständlich ist es nichts als Zufall, dass ich in diesem Moment zwei Blocks weiter an der Murray Street vor einem Bagelwagen stand und gegrillte Pute mit Remoulade für meine Kollegin Mercy im Schneideraum bestellte.» (42). Die Mutter lebt noch in einem unreflektierten, tradierten Glauben, wenn sie resolut darauf besteht: «Das war kein Zufall. Ich danke Gott auf Knien, dass Du in diesem Moment zwei Blocks weiter vor einem Bagelwagen gestanden hast. Da hat dich jemand beschützt, das sollte so sein», was Caren zu der grüblerischen Frage führte, was denn das für ein Gott sein solle, der sie beschützte und andere nicht. Der Gesprächspartner Wittgenstein greift dieses Thema auf, wenn er fragt, warum Caren nicht mehr an Zufälle glaube: «Gelegentlich geschehen Dinge, für die die Zufallserklärung zu simpel ist.» (45). Sie diskutiert mit ihm über die Zufallstheorie in der Mathematik und in der Philosophie. Schon auf die Auskunft hin, Caren sei Journalistin, hatte Wittgenstein konstatiert: «Sie erforschen den Zufall.»

Auch im Debut Jostens In Sachen Joseph aus dem Jahr 2011 wird der Zufall zum Thema. Er ist ein Josephsroman, der sich mit Träumen beschäftigt. Der biblische Joseph ist nach Gen 37 der Träumer, der mit deren Inhalt seine Brüder gegen sich aufbringt. Ausführlich zitiert wird im Roman der doppelte Traum des biblischen Pharao (Gen 41, 1-36) mit der Rätselauflösung durch Joseph im Zentrum des Buches. Wie jener hatte auch die Protagonistin, die Bibliothekarin Helen, gleich zwei Mal einen Traum, den sie «nicht als dummen Zufall abtun kann» (44). Es geht um den Tod eines nahen Freundes, der sich in einen Sarg legt und dort erstickt. Und zu alledem träumt sie auch das: «[S]ie träumt, dass sie es schon einmal geträumt hat, und wundert sich im Traum, dass man zweimal genau das Gleiche träumt, und versteht im Traum, dass das etwas zu bedeuten hat und von Zufall keine Rede sein kann.» (45). In Jostens jüngstem Buch heißt es einmal: «In Träumen tobt sich das Gehirn aus.» (Land Sehen, 173f ). Mit Freud‘scher Traumdeutung durch einen distinguierten Psychologen und auf vielen anderen Wegen befasst sich die Protagonistin Helen mit ihren Träumen – um schließlich zu einer Pointe zu gelangen, die ich hier nicht verraten möchte, aber das Buch zu einem psychologischen Entwicklungsroman der Selbstfindung einer Frau macht. [...]


Lesen Sie den kompletten Artikel in der Printausgabe.

Zurück zur Startseite

Sie haben die Wahl ...
weitere Infos zu unseren Abonnements

Komfortabler Online-Bereich mit Archiv-, Download- und Suchfunktion sowie komplettem Autorenregister.

Online-Ausgabe einsehen

Online-Ausgabe bestellen
Jahresverzeichnis 2019

Hier erhalten Sie das Jahresverzeichnis 2019
Unsere Autoren
Hier erhalten Sie einen Überblick unserer Autoren.
Newsletter
Unser Newsletter informiert Sie über die Inhalte der neuesten Ausgabe.
Die internationalen Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio finden Sie hier.
Verein der Freunde und Förderer Communio e.V.
Allgemeines zu unserem Verein
Sie wollen unserem Verein beitreten?
Vereinssatzung

Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Communio
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | Sitemap | AGB | Widerruf | Datenschutz | Impressum