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THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
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Jan Heiner Tück Professor für dog-
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Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/com.2019.6.633–643
Reinhard Hempelmann
LEBEN WIR IN DER ENDZEIT?
Chiliastische Spielarten des Christentums heute
Die religiös motivierte Erwartung eines innerweltlichen tausendjährigen messianischen Friedensreiches, auch bezeichnet als Chiliasmus (von chilia ete, griech.: tausend Jahre) bzw. als Millenarismus (nach millenarius, lat.: tausendjährig) hat Menschen fasziniert, motiviert und in Bewegung gesetzt, manchmal auch zu Fanatikern gemacht. Märtyrer haben für das Tausendjährige Reich gelitten, religiöse Minderheiten haben dafür ihr Leben riskiert. In der Geschichte des lateinischen Christentums war der Chiliasmus vor allem eine Protestbewegung gegen die offizielle Religion. Im deutschsprachigen Kontext wird eher von Chiliasmus, im englischsprachigen eher von Millenarismus gesprochen. Die Schreibweisen variieren – auch im deutschsprachigen Bereich: Millennarismus, Milleniarismus, Millennialismus, etc. Die Vertrautheit mit Inhalten, Vorstellungswelten und Begrifflichkeiten chiliastischer Zukunftserwartung ist im Kontext kontinentaleuropäischer Religionsforschung und Theologie nur begrenzt gegeben.

1. Zur Wirkungsgeschichte von Offb 20, 3

Nur ein einziges Mal wird im Neuen Testament die chiliastische Erwartung erwähnt. Gesagt wird, dass die Märtyrer wegen «des Zeugnisses von Jesus und um des Wortes Gottes willen» auferstehen und «mit Christus tausend Jahre» regieren werden (Off b 20, 3). Im Kontext der drei letzten Kapitel der Johannesapokalypse stellt sich das endzeitliche Szenario zur Durchsetzung der Gottesherrschaft wie folgt dar: Bändigung des Bösen für 1000 Jahre, Herrschaft der Märtyrer und Bekenner mit Christus in einem Reich des Friedens; eine kurze Zeit bekommt der göttliche Widersacher vor dem Ende noch Raum, dann folgen seine endgültige Entmachtung, das universale Weltgericht, die allgemeine Auferstehung der Toten, die Trennung der Gottlosen von den Gerechten, die endgültige Aufrichtung einer neuen Schöpfung, in der alle Tränen abgewischt sind und der Tod nicht mehr sein wird.

Im Verlauf der Theologie- und Kirchengeschichte erfuhr die chiliastische Utopie unterschiedliche Rezeptionen und Interpretationen. Irenäus (ca. 135–202) hielt in seiner antignostischen Hermeneutik an ihr im Unterschied zur Theologie des Ostens fest. Augustin (354–430) deutete das Tausendjährige Reich ekklesiologisch. Joachim von Fiore (1130–1202) war einer der mittelalterlichen Theologen, der die Erwartung innerweltlicher Vervollkommnung vertrat. In den reformatorischen Bekenntnissen wird der Chiliasmus ausdrücklich verworfen, also diejenigen Lehren, «nach denen vor der Auferstehung der Toten eitel [reine] Heilige, Fromme ein weltliches Reich aufrichten und alle Gottlosen vertilgen werden» (CA Art. 17, 1530). In der reformierten Tradition finden sich vergleichbare Abgrenzungen, u. a. im Art. 11 der Confessio Helvetica Posterior (1566). Trotz offizieller kirchlicher Ablehnung, die auch in der römisch- katholischen Kirche bestimmend war (vgl. die Lehraussage aus dem Jahr 1944, dass auch der gemäßigte Millenarismus nicht sicher gelehrt werden kann, Denzinger 3839), standen zahlreiche Bewegungen im Einflussbereich chialistischen Gedankengutes: u. a. die Hussiten bzw. Taboriten, der sogenannte linke Flügel der Reformation, der englische Protestantismus des 17. Jahrhunderts, der Pietismus des 18. und erweckliche Bewegungen des 19. Jahrhunderts. Einzelne Vertreter gingen z. B. davon aus, dass es vor dem Jüngsten Tag einen Heilszustand auf Erden geben könne, gekennzeichnet durch die Bekehrung von Heiden und Juden, die Erneuerung kirchlichen Lebens und die Überwindung der Gegner der Kirche. U. a. die Verbindung zwischen chiliastischen Erwartungen und ethischen Handlungsorientierungen konnte zu sozialen und politischen Wirkungen führen und bereitete den Weg für die Säkularisierung chiliastischer Erwartungen, vor allem die Verbindung von Chiliasmus und säkularem Fortschrittsoptimismus. Die Vorstellung eines irdischen Friedensreiches war in der Aufklärung (u. a. bei Immanuel Kant und Gottfried Ephraim Lessing) und der aufkommenden Geschichtsphilosophie bestimmend. Elemente des Chiliasmus begegnen in der marxistischen Utopie. Im 20. Jahrhundert integrierte Ernst Bloch den Chiliasmus in eine Theorie der Utopie, die auch in Jürgen Moltmanns Theologie der Hoffnung (Erstausgabe 1964) wirksam wurde.

2. Neuzeitliche Distanz zum Chiliasmus


Zu Beginn des 20. Jahrhunderts meinte Ernst Troeltsch im Blick auf die zeitgenössische Kirche und Theologie, dass das eschatologische Büro zumeist geschlossen sei. Mit einer gewissen Gleichzeitigkeit zu ent-eschatologisierenden Tendenzen in Kirche und Theologie im 19. und 20. Jahrhundert kam es jedoch auch zu Gegenbewegungen. Es kam zu einem intensiven Naherwartungsglauben und neuen eschatologischen Aufbrüchen, in denen der apokalyptischen Bilderwelt der Bibel höchste Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde. Weniger die Schilderung eines neuen Himmels und einer Erde stand dabei im Vordergrund, sondern der Untergang der bestehenden Welt in kosmischen Katastrophen. Fragt man danach, in welchen Gemeinschaftsbildungen diese einseitige und eklektische Rezeption apokalyptischer Texte der Bibel stattfand, so lautet die Antwort: einerseits in der Erweckungsfrömmigkeit des Protestantismus, aus der u. a. evangelikale und pentekostal-charismatische Frömmigkeitsformen erwuchsen, andererseits in zahlreichen christlichen Gemeinschaften, die sich in einem dezidierten Gegenüber zu den bestehenden christlichen Kirchen verstanden, wie der Adventbewegung, aus der die Siebenten-Tags-Adventisten hervorgingen, oder den Ernsten Bibelforschern, aus denen sich die Organisation Jehovas Zeugen entwickelte. Insofern war und blieb das eschatologische Büro keineswegs überall und generell geschlossen. Besonderes Interesse fand dabei die «Deutung von Ereignissen im Blick auf das Weltende», wozu das Auftreten des Antichristen und das Tausendjährige Friedensreich ebenso gehörten wie die Erwartung von «Untergang, Unheil und Grauen». Erwartungen, die sich in die Zukunft richten, haben in Endzeitbewegungen Entsprechungen in bestimmten Annahmen zur Entstehung der Welt und des Menschen, in kreationistischen Ideen also, die von vorneuzeitlichen Sichtweisen einer ca. 6000-jährigen Welt- und Menschheitsgeschichte ausgehen und eine spezifische Periodisierung der Menschheitsgeschichte vornehmen. Insofern sind Annahmen zum Ursprung und Anfang von Welt und Mensch und vom Ende der Welt eng miteinander verknüpft. Im kreationistischen Gedankengut ist der Widerspruch zur darwinschen Abstammungslehre zusammengefasst, in millenaristischen Perspektiven bzw. im Glauben an das Tausendjährige Reich der Protest gegen den Fortschrittsglauben der Moderne.

3. Chiliasmus – Sondergemeinschaften – Erweckungschristentum

In der Geschichte des neuzeitlichen Christentums haben religiöse Gemeinschaftsbildungen immer wieder einer düsteren Weltbetrachtung Raum gegeben und konkrete Berechnungen für das Weltende und den Tag des Jüngsten Gerichts vollzogen. Man wollte auskunftsfähig sein hinsichtlich der Fragen, was in der Zukunft geschehen wird, wie spät es auf der Weltenuhr ist. Man beanspruchte, verlässliche Deutungen für gegenwärtige weltgeschichtliche Entwicklungen geben zu können. Endzeitvorstellungen dienten auch dazu, die Weltdistanz der eigenen Gruppe und die radikale Absonderung von der Gesellschaft zu unterstreichen. Dies gilt unter anderem für die bereits erwähnte Religionsgemeinschaft Jehovas Zeugen, deren Lehre und Frömmigkeitspraxis in einem spezifischen Sinne endzeitlich geprägt sind. Ein besonderes Interesse gilt den apokalyptischen Texten der Bibel. Die Bilder der Apokalypse des Johannes werden als Vernichtung des Bösen und der Andersgläubigen interpretiert. Nur eine auserwählte Schar kann die Hoffnung haben, in der endzeitlichen Katastrophe zu überleben. In sprachlich und sachlich veränderter Form finden sich vergleichbare Interpretationen der apokalyptischen Texte der Bibel auch in anderen Religionsgemeinschaften. Eine Reihe von Gruppen, die herkömmlich als exklusive Endzeitgemeinschaften galten, hat inzwischen ihre endzeitlichen Orientierungen entradikalisiert und neu interpretiert, so etwa die Siebenten-Tags-Adventisten, die Weltweite Kirche Gottes und die Neuapostolische Kirche. [...]


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