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Editorial DOI: 10.14623/com.2020.1.1–4
Thomas Söding
ERLÖSE UNS VON DEM BÖSEN
Erlösung ist ein Schlüsselwort des Christentums – und zugleich ein Reizwort. Erlösung ist der Traum eines jeden Sklaven und einer jeden Sklavin: frei zu sein. Die Antike kennt wie die Moderne verschiedene Formen dieser Befreiung. Keine ist billig. Selbstbefreiung ist selten. Freiheit kostet einen Preis. Die Großzügigkeit anderer tut not, ihr Mitleid, ihre Solidarität; Freunde und Verwandte sind gefragt, Humanisten und Philanthropen.

Die Soziologie und die Psychologie, die Geschichtswissenschaft und die Medizin stimmen darin überein, dass es verschiedene Formen der Sklaverei gab und gibt: soziale Unfreiheit, materielle Not, politische Unterdrückung, seelische Belastungen, kulturelle Marginalisierung, persönliche Blockaden. Die Formen der Gefangenschaft sind verschieden, verschieden sind auch die Formen der Erlösung – und des Zweifels an ihrer Möglichkeit. Der Umsturz eines Unrechtsregimes: Wie viel Freiheit schafft er, und welche neue Unfreiheit entsteht? Wirtschaftliche Prosperität: Wer gerät auf die Gewinner-, wer auf die Verliererseite? Erfolgreiche Therapien: Wie lange dauert die Genesung, und welche neuen Abgründe tun sich auf? Eine aktive Integrationspolitik: Wen nimmt sie mit, und wen schließt sie aus, wie weit reicht sie, und welche neuen Probleme verursacht sie? Engagierte Pädagogik: Kann sie wirklich eine Persönlichkeit zur Selbstverwirklichung anleiten und darin zugleich einen Dienst an der Gesellschaft leisten?

Keine dieser Fragen kann auch nur im Ansatz die humanitären, die wissenschaftlichen, die sozialen Anstrengungen diskreditieren, bedrängten und bedrückten Menschen Freiräume zu schaffen und Verantwortung zu ermöglichen. Aber jede Befreiungsinitiative stellt die Frage nach dem Bild des Menschen und der Gesellschaft, nach dem Verständnis der Freiheit und den Optionen der Zukunft. Jede muss sich die Frage stellen, ob das Wort «Erlösung» nicht eine Spur zu hoch gegriffen ist, selbst wenn eine Resozialisierung wirklich gelungen, eine Operation glücklich verlaufen, eine demokratische Wende ernsthaft herbeigeführt worden ist.

In diesen Überlegungen bricht die Gottesfrage auf – nicht nur als zusätzliches Thema, auch wenn Gott als Sklavenhalter verkündet und erlebt werden kann, wie die Bibel weiß. Vielmehr wird die Frage nach Gott in allen Dimensionen aufgeworfen – dadurch, dass sie in keiner aufgeht und sich doch in jeder stellt. Das Bild des Menschen als Ebenbild Gottes gewinnt an abgründiger und weiträumiger Tiefe, die sich an der Benutzeroberfläche des Lebens zeigt und verbirgt. Das Bild der Gesellschaft als Weltbild inspirierter und irritierter Individuen, die alle ein und denselben Gott über sich, hoffentlich aber auch in sich haben, gewinnt an Konturen, die Utopismen konterkarieren und Gerechtigkeitssinne stimulieren. Das Verständnis der Freiheit als Verständnis der Verantwortung, die vor Gott und den Menschen übernommen werden soll, gewinnt an Verbindungen über Nationen, Geschlechter und Kulturen hinweg, ohne das Naheliegende zu verdecken. Die Optionen der Zukunft, die im Horizont der Verheißung ewigen Lebens entstehen, gewinnen an Klarheit der Unterscheidung zwischen dem, was im strengen Sinn des Wortes nur von Gott erhofft werden darf, und dem, was Menschen schon hier und jetzt, demnächst und nebenan zu verändern sich entschließen müssen, wenn sie dem folgen, was sie als Gottes Willen erkennen oder mit gesunder Skepsis als religiös-ethischen Anspruch wahrnehmen.

«Erlöse uns von dem Bösen», lehrt Jesus seine Jünger in der Bergpredigt zu beten (Mt 6, 13). Im Vaterunser hat er die Erlösung im Sinn, die nur von Gott kommen kann: den Sieg über den Tod, der in vielen Gestalten das Leben nicht nur einzelner Menschen, sondern ganzer Gesellschaften vergiftet. Das Böse kann die persönliche Schuld sein, die ein Mensch sich zurechnen lassen muss, aber auch das kollektive Versagen einer ganzen Generation oder Nation; es kann die Not sein, die zum Himmel schreit, weil sie auf Ungerechtigkeit und Ausbeutung der Natur beruht; es kann auch das Banale sein, das durch Nachlässigkeit, durch Ablenkung und Desinteresse zur Herrschaft gelangt. Das Böse ist nicht nur das moralisch Falsche, sondern auch das Sinnlose, das Zerstörerische, das Schlechte.

Früher hieß die deutsche Übersetzung: «Erlöse uns von dem Übel». Auch diese Wiedergabe ist philologisch korrekt. Sie hat sogar den Vorteil, nicht moralisierend enggeführt werden zu können. Aber sie kann die Faszination nicht erklären, die vom Bösen ausgeht und die vorangehende Bitte aufnimmt: «Führe uns nicht in Versuchung». Das Böse entwickelt gerade dadurch seine gewaltige Macht, dass es das Gute zu sein scheint – in keiner Kulisse wirksamer als in der Maske des Heiligen. Ob der oder das Böse, lässt sich weder im neutestamentlichen Griechisch noch im heutigen Deutsch unterscheiden – zu Recht. Denn der Teufel erklärt nichts, sondern zeigt die Unerklärlichkeit des Bösen, und die Strukturen des Bösen sind nicht nur die Summe moralischen Fehlver haltens, sondern auch die Dynamiken anonymer Systeme, die im Zeitalter der Digitalisierung wirksamer sind denn je.

Wer mit dem Vaterunser betet: «Erlöse uns von dem Bösen», wird nicht im mindesten gebremst, politische, soziale, medizinische, psychologische und pädagogische Projekte zu entwickeln, die Sklaverei überwinden und Freiheit schaffen. Im Gegenteil: Die Bergpredigt ist ja ein Kompendium der Sozialund der Individualethik wie kaum ein zweites. Aber wer in dieser Arbeit an der Überwindung aller möglichen Formen von Sklaverei mit den Worten Jesu betet, weiß, nicht selbst der Erlöser, sondern der Befreiung aus der eigenen Sklaverei bedürftig zu sein – und weiß auch, bei allen Grenzen des eigenen Wollens und Handelns auf die Grenzenlosigkeit der Liebe Gottes vertrauen zu können, zusammen mit denen, die nach Erlösung schreien.

Gleichwohl reizen die Bitte um Erlösung wie die Verheißung der Erlösung zum Widerspruch. Dass diejenigen, die beten, wie Jesus sie zu beten gelehrt hat, immer wieder handeln, wie Jesus es gerade nicht gelehrt hat, ist der offenkundigste Grund für den Widerspruch. Ein tieferer Grund ist die Zumutung, die eigene Schwäche, die eigene Sünde, die eigene Versuchbarkeit eingestehen zu müssen, einschließlich der realistischen Erkenntnis, nur in Ausnahmefällen ohne fremde Hilfe zurechtzukommen. Der tiefste Grund, im Licht der Bibel betrachtet, ist die Notwendigkeit, im schlechterdings Entscheidenden nicht auf die eigenen Kräfte, nicht auf den guten Willen, nicht auf die Reformkräfte einer Gesellschaft setzen zu können, sondern auf Gott vertrauen zu sollen, der nur dann der Erlöser sein kann, wenn er kein Übermensch, keine Projektion, kein Hyperroboter ist – sondern im Gegenteil genau der Vater, den Jesus erfahren hat und allen Menschen guten Willens nahebringen will.

Dass Erlösung nicht nur ein Schlüssel-, sondern auch ein Reizwort ist, zeigt die Größe der Aussicht auf vollkommene Freiheit, aber auch die Größe der Versuchung, den Namen Gottes zu missbrauchen.


Magnus Lerch führt ein exegetisch-systematisches Gespräch, indem er die eschatologische Dialektik einer Zukunft noch ausstehender und einer Gegenwart vermisster, erflehter und erfahrener Erlösung entwickelt, die das Theodizeeproblem aufdeckt und die Sprache des Vaterunsers in dessen Offenheit einzeichnet. Justina Metzdorf tritt mit der Exegese der Kirchenväter in den Dialog und zeigt deren Bemühen um eine ebenso spirituell anspruchsvolle wie ethisch aufgeschlossene Deutung. Holger Zaborowski widerspricht allen Versuchen in den modernen Wissenschaften, das Böse rational zu erklären, weil es genau dadurch verschleiert und verdrängt wird – und zeigt, dass gerade die Bitte um die Erlösung das Böse nicht als das Letztgültige, sondern das Vorletzte entdecken lässt. Benedikt Kranemann beschreibt die Geschichte des Exorzismus bei der Taufe einerseits von Erwachsenen, andererseits von Säuglingen und Kindern als dynamische Marginalisierung, die auf hermeneutische Anfragen reagiert und nach einer klareren Gebetssprache für heute verlangt, die weder banalisiert noch mythologisiert. Helmut Kiesel liest Baudelaires Fleurs du Mal als Parodie des christlichen Betens und hört in ihr nicht nur die Blasphemie einer Verirrung, die in den Untergang führt, sondern auch den Angstschrei einer Seele, die von der europäischen Moderne zutiefst irritiert worden ist. Herbert Schlögel reflektiert seine Eindrücke beim Wiederlesen von Harald Welzers Buch «Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder wurden» (2005). Im Blick auf die organisierten Massenmorde an Juden, Männern und Frauen, Jungen und Alten, Kranken und Gesunden, zeigt er, wie unheimlich und ungeheuerlich das Böse gerade dort wirkt, wo es nicht von einzelnen Fanatikern mit perfider Lust ausgelebt, sondern von Menschen verwaltet wird, die sich in ein System des Tode s einfügen und es dadurch am Laufen halten.

Die Bitte um Erlösung ist realistisch, weil sie die Existenz des Bösen in der Welt nicht leugnet, sondern vor Gott trägt. Sie ist auch deshalb realistisch, weil sie Erlösung nicht von Menschen erwartet, sondern von Gott, dem Vater. Sie ist hoffnungsvoll, weil sie Gott ein Ja zutraut, das jedes menschliche Nein überstimmt. Die Hoffnung aber, die in der Bitte zur Sprache kommt, kann angesichts des Bösen, das herrschen will und Unterstützung findet, nur gegen alle Hoffnung gefasst werden. Der Jude Jesus hat diese Hoffnung geweckt – in seiner Gottesverkündigung, die im Vaterunser den dichtesten Ausdruck findet.

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