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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
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Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/com.2020.2.139–151
Ingrid Hentschel
WER SIEHT UNS, WENN WIR LEIDEN?
Über die Präsenz des Religiösen im Gegenwartstheater: Drei Szenen
1. Sul Concetto di Volto nel Figlio di Dio

«Mit großen, weichen, etwas müden Augen überblickt dieser sanftmütige ‹Salvator mundi› das Geschehen auf der Bühne. Er schaut uns an, die wir auf der Bühne sehen, was wir nicht sehen möchten, weil es uns erbarmungslos vor Augen führt, welche erbärmliche Kreatur der Mensch letztlich ist. Vor diesem ins Gigantische vergrö sserten Antlitz des ‹Weltenretters› erscheinen sowohl die zärtliche Hingabe, mit der der Sohn seinen Vater pflegt, wie das Leiden des Vaters an sich selbst, am Leben, an der Vergänglichkeit in einem anderen Licht.»


Romeo Castellucci inszeniert mit Sul Concetto di Volto nel Figlio di Dio ein Spiel der Perspektiven. Unter dem unverwandten und reglosen Blick des riesigen Christusbildes von Antonello da Messina findet eine denkbar einfache und hochgradig irritierende Szene statt. Im weiß gehaltenen Bühnenbild säubert ein Sohn seinen greisen und inkontinenten Vater. Er verzweifelt zunehmend an der für beide unwürdigen Situation. Die Bühne füllt sich vor den Augen des Publikums mit den braunen Flecken und Flüssigkeiten; und während sich schwach wahrnehmbar Fäkaliengeruch im Zuschauerraum ausbreitet, bleibt jener Blick des Gottessohnes unverwandt auf das Publikum gerichtet.

Es ist, so könnte man vorschnell sagen, ein Stück über ein Generationenproblem und das sozialpolitische der Pflege, wenn jenes Christusbildnis nicht wäre, das Romeo Castellucci überdimensional im Hintergrund der naturalistisch eingerichteten Szene platziert hat. Hat man je im Theater so realistisch dargestellte Pflegehandlungen gesehen wie das Wechseln der Windeln und Säubern des nackten alten Körpers des Schauspielers Gianni Plazzi? Kein Drama, aber eine sich ins unerträgliche steigernde Routine, die alle überfordert:

Den Sohn, der im Businessanzug auf dem Sprung zur Arbeit ist, den hilflosen Vater, der seine Ausscheidungen nicht beherrschen kann, und das Publikum, das einem Vorgang beiwohnt, der so nicht in die Öffentlichkeit gehört. Und dann jenes Antlitz, das dem Stück seinen Titel gibt und das sich am Ende von innen heraus zerstören wird, um die Buchstaben lesbar werden zu lassen: «you are my shepherd», durchsetzt mit einem schwach erkennbaren «not»: «you are not my shepherd». Also: Kein Stück über ein sozialpolitisches Problem und keins über Religionskritik; der Vorwurf der Blasphemie trifft nicht, auch nicht dass es sich um ein dezidiert religiöses Stück handelt. Dann kennte man Castellucci schlecht. Es ist eine Inszenierung, die eine Frage aufwirft:

Was verändert sich, wenn wir eine so alltägliche Szene, wie sie in hunderten von Familien und Pflegeheimen sich vollzieht, mit dem Christusbild in Verbindung bringen? Einem Bildnis, das die Szene wie ein «riesiger Scheinwerfer» in ein anderes Licht taucht, wie Castellucci sagt?

Was verändert sich, wenn die Dimension des Religiösen auf die Bühne tritt? Und zwar als Teil einer Inszenierung, die durchsetzt ist mit Elementen der Performance-Kunst, die ein hohes Maß an Lebenswirklichkeit und zugleich Deutungsoffenheit anstrebt.

2. Religion auf den Bühnen

Ich möchte nach dem Vorbild eines Triptychons drei verschiedene Inszenierungen des Religiösen auf der Bühne miteinander konfrontieren und mit ihren jeweiligen Verweisen diskutieren, so wie Tankred Dorst in seiner Bearbeitung eines alten Märtyrerdramas von Jakob Bidermann, auf das später zurückzukommen sein wird, ein dreiteiliges Stück konstruierte, das unterschiedliche Perspektiven bietet. Es ist bezeichnend, dass die beiden gegenwärtig sicherlich provokativsten und interessantesten Theatermacher, Romeo Castellucci und Milo Rau, beide trotz ihrer unterschiedlichen Konzeptionen von Kunst und Theater immer wieder Bezug auf Religion und religiöse Stoffe nehmen. Der eine eher in autonomieästhetischen Formaten, der andere dezidiert politisch. Beide benutzen Darstellungs- und Aktionselemente wie sie aus der Performance-Kunst bekannt sind.

Performance ist ein Gegenentwurf zum traditionellen Als-ob des Rollenspiels und beinhaltet die Ausführung von Handlungen in Echtzeit, wie das Reinigen von Körper und Mobiliar, die Zerstörung des Bildes; auch der unverhüllte Körper stellt ein solches Element dar. «Nicht die Darstellung des Realen ist das Ziel, sondern dass die Darstellung selbst real wird.» formulierte Milo Rau programmatisch 2019 im «Genter Manifest» für das Stadttheater, die

Absicht die Welt nicht nur darzustellen, sondern zu verändern. Was heißt es, dass die Darstellung real wird? Um dieses Verhältnis von Realität und Fiktion, Bild und Wirklichkeit, dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren soll es im Folgenden anhand der drei Aufführungen gehen.

Zunächst aber ist zu differenzieren, was jeweils zu verstehen ist unter dem Religiösen, wenn es auf den Theaterbühnen inszeniert wird. Glaubt man den Befunden des zu früh verstorbenen Theaterkritikers Dirk Pilz, hat das Theater gegenwärtig wenig Ahnung von dem was Religion ausmacht. Vor zwei Jahren formulierte er ein vernichtendes Urteil über die Art und Weise wie Religion im Gegenwartstheater behandelt würde. «Religion wird dabei durchweg zum diffusen Sammelbegriff für alles, was als irrational oder überholt gilt. Gläubig sind für das Theater demnach immer die anderen, meistens die Absonderlichen,» konstatierte er in der Wochenzeitung «Die Zeit». «Gläubige treten im deutschsprachigen Theater fast nur als Mängelwesen auf.» Sie erscheinen als «bedauernswerte Tölpel». Tatsächlich taucht Religion selten als komplexes Phänomen auf, wird Glauben nicht als Bereicherung lebensweltlicher Orientierungen und Weltverhältnisse dargestellt, sondern als problematisch. In den letzten 30 Jahren sind bspw. im deutschsprachigen Theater – seit dem 11. September 2001 zunehmend – Stücke und Inszenierungen zu finden, die das Thema Religion behandeln, abgesehen von den zahlreichen Nathan-Aufführungen. Dabei rücken zumeist soziale, psychologische und politische Dimensionen in den Vordergrund. Der Islam erscheint häufig als Phänomen der Bedrohung von Demokratie und Individualismus.

Am bekanntesten wurde sicherlich die gefeierte Theaterfassung von Michel Houellebecqs Roman Die Unterwerfung mit Edgar Selge am Schauspielhaus Hamburg, in dem die Machtübernahme einer muslimischen Partei in Frankreich thematisiert wird. Eine intensive Beschäftigung mit dem Islam hatte im Jahre 2006 Feridoun Zaimoglus Stück Schwarze Jungfrauen, basierend auf Interviews mit muslimischen Frauen und Mädchen, eingeläutet. Wo Theatertexte wie dieser auch die Innenperspektive religiöser Welterfahrung thematisieren, fällt auf, dass sich die religiöse Haltung mit einer Zeit-, Kultur- und Kapitalismuskritik verbindet, die äußerst distanzierte Spiel- und Inszenierungsformen favorisiert. Wie schon in einem Teil der Trilogie des katholischen Autors Paul Claudel Die Geisel geht die religiöse Bindung und Weltsicht der Protagonistin mit einer radikalen Ablehnung materialistischer Werte und Ziele einher. Lange nicht gespielt wurde das Stück in den 90er Jahren am Maxim Gorki Theater unter dem Titel Die Gottlosen Teil einer Reihe von Inszenierungen, die sich fortan auch des Themas Religion annahmen.

Grob betrachtet lassen sich drei Kategorien von Bezugnahmen auf das Religiöse feststellen. Da ist der explizite Bezug auf religiöse Dogmen oder Texte z.B. die Bibel oder auf Texte und Mythen verschiedener Religionen, wobei unterschiedliche Formsprachen gewählt werden, wie von Stefan Bachmann 2012, mit der fünfstündigen Aufführung von Genesis. Die Bibel Teil 1, die er als «Balance auf dem schmalen Grad zwischen Hollywoodfilm und Western-Mythos, Monty Python, Oberammergau und Josephs-Roman» inszenierte. Schließlich wurde das Lutherjahr 2017 zum Anlass, den Reformator auf die Bühne zu bringen oder die Rolle der Kirche kritisch zu befragen.

Implizit
wird Religion thematisch in Bezug auf Lebens- und Sinnprobleme, die den Rahmen einer im engeren Sinne weltlichen Behandlung sprengen. Hier ist «die Grenze zwischen säkularen und religiösen Gründen ohnehin fließend», wie Jürgen Habermas in seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2001 konstatierte. Die Auflösung von Gewissheiten, die Konfrontation mit dem Tod, Grenzerfahrungen, extreme Erlebnisse der Ichauflösung oder Icherweiterung, des Rauschs, der Ekstase gehören hierher. So thematisierte Falk Richters Stück Gott ist ein DJ aus dem Jahre 1999 die Verbindung von Popkultur und Ichauflösung, und auch Castelluccis oben angesprochene Inszenierung, auf die später zurückzukommen sein wird, in der Religion thematisch wird, ohne dass es sich dabei um religiöse Erfahrungen handelt, gehört in diese Abteilung. [...]


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