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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
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Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/com.2020.3.293–311
Gerhard Kardinal Müller
DAS ABU DHABI DOKUMENT
Eine katholische Lesehilfe
Während seiner Apostolischen Reise in die Vereinigten Arabischen Emirate unterzeichnete Papst Franziskus am 4. Februar 2019 zusammen mit dem Groß-Imam von Al-Azahr Ahmad Al-Tayyeb das «Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt». Sensationell ist es, dass zum ersten Mal in der wechselvollen und konfliktreichen Geschichte der beiden größten Glaubensgemeinschaften der Welt mit zusammen drei Milliarden Menschen die höchste Autorität der katholischen Kirche und eine hohe religiöse und akademische Autorität der islamischen Welt einen gemeinsamen Text vorlegen, der von den Angehörigen der beiden Religionen eine Zustimmung beansprucht, die sie in ihrem Gewissen verpflichtet. Für den Katholiken stellt das Dokument zwar keinen Akt des Lehramtes dar, der die geoffenbarten Glaubens- und Sittenlehren betrifft, die er mit «göttlichen und katholischen Glauben» annehmen müsste (LG 25; DV 10). Aber der Papst wird von ihm auch als die höchste Autorität in der Auslegung des natürlichen Sittengesetzes akzeptiert. Deshalb gibt der Text nicht eine Privatmeinung des Papstes wieder, die den Katholiken in seinem Welt- und Selbstverständnis aus dem katholischen Glauben heraus nichts anginge. Deshalb erwarten die Katholiken und auch Christen anderer Konfessionen zurecht eine theologische Einordnung dieses ungewöhnlichen Vorgangs. Folgende Überlegungen sollen eine Lesehilfe sein für jeden Menschen, der im Leben und Sterben seine Hoffnung allein auf Jesus Christus setzt, den «Sohn des lebendigen Gottes» (Mt 16, 16).

Das «Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen» – so betonen die beiden Autoren – sei entstanden «aus der Begegnung voller Hoffnung auf eine strahlende Zukunft für alle Menschen.» Es «soll eine gemeinsame Erklärung guten und aufrichtigen Willens sein, so dass es alle, die in ihren Herzen den Glauben an Gott und den Glauben an die Brüderlichkeit aller Menschen tragen, einlädt, sich zusammenzutun und gemeinsam daran zu arbeiten; und dass das Dokument so für die jungen Generationen zu einem Leitfaden einer Kultur des gegenseitigen Respekts wird, im Verständnis der großen göttlichen Gnade, die alle Menschen zu Brüdern (und Schwestern) macht.» Die beiden tragenden Säulen der Erklärung sind der Glauben an Gott und seine Gnade, Im Übrigen entspricht das Dokument in seiner Intention der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen (1948). Der erste Artikel dort lautet: «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.»

Papst und Groß-Imam berufen sich auf ihre «religiöse und moralische Verantwortung», um an alle Menschen guten Willens und an die einflussreichen Eliten in Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien zu appellieren, «die Werte des Friedens, der Gerechtigkeit, des Guten, der Schönheit, der menschlichen Brüderlichkeit und des gemeinsamen Zusammenlebens wiederzuentdecken, um die Bedeutung dieser Werte als Rettungsanker für alle deutlich zu machen und sie möglichst überall zu verbreiten.»

Nur im Glauben an den gütigen und barmherzigen Gott, den allmächtigen Schöpfer der Welt, vor dessen Gericht am Ende sich alle Menschen zu verantworten haben, kann der trostlose Nihilismus der materialistischen Philosophien mit ihrer zum Scheitern verurteilten Selbstvergötzung des Menschen überwunden werden. Dieser Materialismus besteht nicht in der gerechten Bewertung der materiellen Güter für ein menschenwürdiges Leben (GS 19-22), sondern im Verlust oder gar in der Leugnung der Verwiesenheit des Menschen auf die Transzendenz, die ihn dem Machtanspruch des Stärkeren ausliefert.

Aus dem Glauben an Gott im Sinne der christlichen wie der islamischen Tradition entspringt aber die Brüderlichkeit als Berufung und Beanspruchung des Menschen im Gewissen. Darin zeigt sich der Gegensatz zu dem sozialdarwinistischen Prinzip des «Rechtes des Stärkeren» (in falscher Übertragung des biologisch-evolutionären Prinzips survival of the fittest auf die politische Ethik), mit dem die politischen Totalitarismen und ersatzreligiösen Ideologien des 20. Jahrhunderts unendlich viele Leiden über die Menschheit gebracht haben. In ihrer Fortsetzung heute könne man die Anzeichen eines «stückweisen Dritten Weltkriegs» erkennen, also eine Art globalen Vernichtungswillens aller gegen alle, der am Ende die Existenz der Menschheit überhaupt auf unserem Planeten in Frage stellen könnte. Dieser Selbstzerstörung der Menschheit müssen die an Gott den allmächtigen und allgütigen Schöpfer Glaubenden das Prinzip der universalen Brüderlichkeit entgegenstellen.

Schon die Philosophie der Stoa entwickelte in vorchristlicher Zeit den Gedanken der Brüderlichkeit aller Menschen aufgrund der gemeinsamen Natur. Dahinter stand zwar noch der mythische Gedanke, dass wir alle von der Mutter-Erde und dem Himmel-Vater «gezeugt» sind, wobei aber im Begriff Gottes als Vater nicht (auch nicht bei Platon) Gott als personales Gegenüber des Menschen erkannt wurde. Bemerkenswert aber ist, dass hier überhaupt die fundamentale anthropologische Wahrheit der Brüderlichkeit aller Menschen entdeckte wurde. Denn die Offenbarung fügt den durch die Vernunft prinzipiell erkennbaren Wahrheiten nichts hinzu, sondern baut auf ihnen auf, klärt und vollendet sie. Deshalb ist die universale Brüderlichkeit zugleich Vernunft- und Glaubenswahrheit. Die Offenbarung zeigt nur seine innerste Tiefe auf und weist auf seine Vollendung in der übernatürlichen Gnade und der zu erhoffenden Gottesschau hin.

Erst der biblische Glaube an die Erschaffung des Menschen nach Gottes Bild und Gleichnis durch das Wort Gottes und die Gabe des Lebens durch Gottes Geist-Hauch öffnet die menschliche Existenz für ein personal-dialogisches Verhältnis zu Gott. Im Gang der Bundesgeschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk ergeht die Verheißung für den Messias und sein endzeitliches, ewiges Königtum: «Ich werde für ihn Vater sein, und er wird für mich Sohn sein» (2 Sam 7, 14). Allein in der Offenbarung der ewigen Sohnschaft des wesenseinen Wortes Gottes in der Relation des Menschen Jesus zu Gott (der hypostatischen Union, d.h. der Einheit seiner göttlichen und menschlichen Natur in der Zweiten Person der Trinität) haben wir Zugang zu den Mysterien der Trinität, der Inkarnation und der übernatürlichen Gotteskindschaft jedes Getauften. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die Gotteskindschaft des Christen schon in der natürlichen Gotteskindschaft und natürlichen Brüderlichkeit aller Menschen mit dem Akt des Geschaffen-Werdens beginnt. Denn «der Gott und Vater unseres Herrn…hat uns in ihm erwählt vor der Grundlegung der Welt … und uns in Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen zum Lob seiner herrlichen Gnade» (Eph 1, 3ff).

Bedeutsam ist, dass Papst und Groß-Imam aus dem Glauben an Gott sowohl im christlichen Bekenntnis als auch in der islamischen Religion die Folgerung ziehen, die Benedikt XVI. in seiner Regensburger Vorlesung (2006) schon als Erkenntnis-Prinzip des interreligiösen Dialogs formuliert hatte: Mit dem Glauben an Gott, der die Würde jedes Menschen im Akt der Schöpfung als Anteilgabe am Sein und als Mitteilung seiner Gnade und Güte grundlegt und damit die Menschenrechte in unserer leiblich-geistigen Natur verankert, ist jede Gewalt und jeder Zwang gerade in Glaubensfragen absolut unvereinbar. «Denn nicht vernunftgemäß zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.»

Darum ist es entweder eine falsche Interpretation der Quellen sowohl einerseits des katholischen wie auch andererseits des islamischen Glaubens oder ihr ideologischer und politischer Missbrauch, wenn im Namen Gottes physische oder seelische Gewalt gegen Andersgläubige angewendet werden oder wenn – mit welcher Begründung auch immer – die fundamentalen Menschenrechte in Frage gestellt werden, weil niemand anderer als Gott ihr Urheber und Garant ist. Denn die Menschenrechte sind in der Würde begründet, die Gott selbst jedem Menschen verliehen hat. Und er allein ist jetzt und am Ende der Richter, der die Gedanken der Herzen kennt und der allein die innersten Motive unseres Handelns beurteilen kann. Jede Art von Verfolgung Andersgläubiger im Namen Gottes ist darum eine Lästerung seines heiligen Namens. [...]


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