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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
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Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/com.2020.4.450–459
Franz-Josef Overbeck / Alexander Merkl
KONSTRUKTIVE KONFLIKTKULTUR
1. Die Vielfalt des Konflikts

Konflikte gehören zum Menschsein. Der Mensch als zoon politikon ist immer auch homo confligens. Menschen stoßen mit anderen Menschen zusammen, Gruppen geraten aneinander, Staaten liegen im Streit. Konflikte sind allgegenwärtige Phänomene. Ihr Auftreten ist entsprechend vielgestaltig. Es reicht vom innerlichen und psychischen Konflikt des einzelnen Menschen über den zwischenmenschlichen und innergesellschaftlichen bis hin zum internationalen und weltpolitischen Konflikt.

Diese Vielfalt versuchen Disziplinen wie die Friedens- und Konfliktforschung, die Soziologie oder die Politikwissenschaft wiederum selbst durch einen Plural an divergierenden Konfliktbegriffen und Konflikttheorien einzufangen. Ein übergreifender und abschließender systematischer Konsens ist bislang nicht erreicht. Es mangelt an einem eindeutig definierten und unstrittigen Konfliktbegriff. Schlichtweg zu mannigfach sind die spezifischen Ausprägungen, die Verursachungsfaktoren, die Orte und insbesondere die Ebenen von Konflikten. Das gilt auch für die im Einzelnen involvierten Akteure, wobei die aktiv Beteiligten nicht immer auch die unmittelbar Betroffenen sind. Adjektivische Präzisierungen sollen vielfach für weitere Klärung sorgen. Es wird zwischen symmetrischen und asymmetrischen Konflikten im Blick auf das Verhältnis der Konfliktparteien, zwischen latenten und offen ausgetragenen oder auch, wie der US-amerikanische Konfliktforscher Morton Deutsch in seiner Schrift ‹The Resolution of Conflict› (1973) aufzeigt, zwischen destruktiven und konstruktiven Konflikten unterschieden. Diese Reihung ließe sich nahezu beliebig fortsetzen.

Allgemein festzuhalten ist immerhin, dass sich Konflikte zwar an prinzipiellen, keineswegs aber an per se unversöhnlichen Unvereinbarkeiten und Positionsgegensätzen entzünden. Dies erfolgt hinsichtlich eines bestimmten Konfliktgegenstandes und vor dem Horizont unterschiedlicher Interessen, Überzeugungen und Werte der beteiligten Akteure. Soziologische Studien zeigen zudem, dass Konflikte durch die horizontalen und vertikalen Differenzierungsprozesse pluralistischer Gesellschaften sowie durch die medial bedingte Radikalisierung, Privatisierung und Beschleunigung gegenwärtiger Debatten mehr denn je befördert werden. Die Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD bilanziert in ihrem Impulstext ‹Konsens und Konflikt› (2017) treffend, dass die Gesellschaft zwar offener geworden, mit dieser Offenheit aber auch das Potenzial für Konflikte gestiegen sei. Moderne, globale und digitale Gesellschaften sind aber nicht nur strukturell anfälliger für Konflikte, die Konfliktkultur selbst ändert sich. Konflikte entwickeln neue Dynamiken. Manche Konflikte werden bleibend sein. Ihr konstruktiver Austrag ist für die Wahrung des gesellschaftlichen Zusammenhalts von großer Dringlichkeit.

2. Der Konflikt als ambivalentes und moralisch indifferentes Phänomen

Die Wahrnehmung und die Bewertung von Konflikten jedoch ist nicht selten einseitig negativ, auch weil der populäre Konfliktbegriff sehr weit und durch spezifische Konfliktkontexte sowie konkrete Austragungsformen negativ vorbelastet ist. Konflikte werden dann vorschnell als grundsätzlich schlecht, gar schädlich und wenig produktiv empfunden und zurückgewiesen. Als unerfreuliche Störungen und Abweichungen von einem etwaigen Idealzustand wirkten sie sich lediglich dysfunktional auf bestehende soziale oder politische Ordnungsverhältnisse aus. Es drohe der Verlust von Vertrautem, Bestehendem und Bewährtem. Verunsicherung, Wut und Enttäuschung machen sich breit.

Der große scholastische Theologe Thomas von Aquin prägte den hierzu passenden ethischen Grundsatz ‹bonum faciendum, malum vitandum›: Gutes sei zu tun, Böses und Schlechtes hingegen sei zu meiden. Wäre es ethisch daher nicht nur konsequent und folgerichtig, dem Konflikt in seiner Destruktivität, Dysfunktionalität und Negativität als einem malum auszuweichen, ihn gar gänzlich zu meiden? Eine derartige eindimensionale Abwertung, ja gar Stigmatisierung des Konflikts ist nicht nur im zeitgenössischen Denken weit verbreitet. Sie sieht sich auch durch die gegenwärtige Weltlage eindrücklich bestätigt, die jede Beschönigung des Konflikts unbedingt verbietet, aber doch nicht jede positive Deutung ausschließen kann.

Die zahlreichen, von gewaltsamer Eskalation gekennzeichneten Konflikte nach dem Ende des Kalten Krieges wie der Jugoslawien-Konflikt oder der Völkermord in Ruanda, die sich vielfach perpetuierenden Kriege im Nahen Osten und in Afrika, die jüngsten Entwicklungen in Syrien und der Ukraine, die zunehmende Zahl an Gewaltkonflikten zwischen und mit nichtstaatlichen Akteuren wie dem Islamischen Staat lassen es nicht zu, den Konflikt voreilig und bar jeder tiefergehenden Differenzierung als irgendwie produktiv hinzustellen. Gewaltkonflikten eine grundsätzlich positive Deutung abringen zu wollen, würde nicht nur erzwungen wirken, sondern wäre ohne jeden Zweifel zynisch, unverantwortlich und falsch. Dies schließt nicht aus, dass aus Gewaltkonflikten ab einem gewissen Punkt oder im Nachgang Positives entstehen kann. Der im Jahr 2019 an Äthiopiens Regierungschef Abiy Ahmed verliehene Friedensnobelpreis für dessen Verdienste um die Aussöhnung mit dem langjährigen Erzfeind Eritrea mag hierfür beispielhaft stehen. Ein anderes Beispiel wäre die Europäische Union, ebenfalls Friedensnobelpreisträgerin. Sie ist selbst das Ergebnis von verheerenden Konflikten auf europäischem Boden und steht beispielhaft für die Überwindung des gewaltsamen zwischenstaatlichen Konfliktaustrags. Heute darf sie, bei aller berechtigter Kritik, als Ort konstruktiver institutioneller Konfliktbearbeitung par excellence gelten.

Der bewaffnete militärische und nur als ultima ratio legitime gewaltsame Konfliktaustrag bleibt dennoch relevant. Damit ist der Anspruch verknüpft, auch diese Konflikte in all ihrer Destruktivität im Sinne möglichst wirksamer Deeskalation konstruktiv zu bearbeiten. Es zählt zu den zentralen Anliegen eines Katholischen Militärbischofes hierauf und auf die damit verbundenen besonderen Herausforderungen für die Deutsche Bundeswehr aufmerksam zu machen. Wie die deutschen Soldatinnen und Soldaten in komplexen Konfliktlagen unmittelbar involviert und dabei nicht selten selbst von hartnäckigen Gewissenskonflikten geplagt ihren Dienst und Beitrag zu einer möglichst konstruktiven Konfliktbearbeitung leisten, ohne dass sich für den Einzelnen sichtbare Erfolge oder überhaupt positive Wirkungen einstellen, verdient Hoch- und Wertschätzung, bedarf aber auch seelsorglicher Betreuung und umfassender Persönlichkeitsbildung. Seit Jahrzehnten leistet die katholische und die evangelische Militärseelsorge zum Beispiel im Rahmen des ‹Lebenskundlichen Unterrichts› hierzu ihren Beitrag.

Daher wollen wir weder noch können wir Konflikte als grundsätzlich positive Phänomene bestimmen. Wir plädieren nicht dafür, allerorts Konflikte zu forcieren, oder behaupten, jeder Konflikt könne konstruktiv bearbeitet werden und beinahe zwangsläufig produktive Wirkungen entfalten. Dennoch beabsichtigen wir, den Konfliktbegriff unabhängig von seinen spezifischen Kontexten, Ursachenkonstellationen oder Austragungsformen in seiner Komplexität möglichst unvoreingenommen als sozialen und politischen Tatbestand zu erfassen. Denn eine Welt ohne Konflikte ist weder realistisch noch wünschenswert. Es kann sich sogar lohnen, in Konflikte zu gehen, ihnen nicht auszuweichen, sie zu wagen und auszuhalten. Konflikte können potenziell positiv, ja produktiv sein, auch wenn die Realität häufig weniger ideal sein mag. Sie bewahren die Anpassungsfähigkeit einer Gesellschaft, indem sie Missstände sichtbar machen oder indem sie als Indikatoren für notwendige Veränderungen fungieren und so erst gemeinsame Lösungen trotz aller Gegensätze ermöglichen. Die aktuellen und kontroversen Auseinandersetzungen um eine zukunftsorientierte nationale und globale Umwelt-, Ressourcen- und Klimapolitik dürfen bislang durchaus als ein positiver und produktiver Konflikt bewertet werden. Durch Demonstrationen oder Proteste wird ein als dringlich empfundenes Thema einer größeren Öffentlichkeit vor Augen geführt. Dies hat zum Ziel, eine Debatte unterschiedlicher Positionen und Generationen zu initiieren und eine vielfach zu Recht geforderte Bewusstseins- und Verhaltensänderung zu bewirken. Konflikte zerstören Ordnung also nicht nur. Als dynamische und konstruktiv durchlaufene Prozesse haben sie das Potenzial, strukturbildend zu wirken, neue Ordnung auf der Grundlage von Bestehendem herzustellen und erforderlichen Wandel, wenn auch nicht als Selbstzweck, zu initiieren. Es bleibt hier die Herausforderung, den Wandel nicht zu idealisieren, damit verbundene Ängste ernst zu nehmen und glaubhaft zu vermitteln, dass Wandel und der Erhalt von Bestehendem sich nicht gegenseitig ausschließen. [...]


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