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THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
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JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/com.2020.5.475–491
Franziskus von Heereman
HOW DARE WE?
Philosophische Überlegungen zu einem menschlichen Umgang mit der ökologischen Krise
Der Befund einer zu großen Teilen menschengemachten, gefährlichen Erwärmung des Weltklimas ist ein mit naturwissenschaftlichen Mitteln erhobener Befund. Ob dieses Phänomen wirklich stattfindet, warum, in welcher Drastik und wie es sich verlangsamen und aufhalten lässt, sind alles Fragen, die nur von naturwissenschaftlichen Disziplinen bzw. von deren Kombination in einer Klimawissenschaft beantwortet werden können. Wie wir aber angesichts dieser Resultate, Prognosen und Hypothesen als Menschen weiterleben wollen, ist keine naturwissenschaftliche Frage, vielmehr eine ethische. Deswegen können uns die Klimawissenschaften nicht sagen, wie wir leben sollen. Ähnliches erleben wir derzeit in der Corona-Krise: Virologen können nur sagen, was aus virologischen Gesichtspunkten das Beste wäre. Da dies aber nur ein Gesichtspunkt unter vielen ist, können sie eben nicht sagen, was unter Berücksichtigung aller Gesichtspunkte das Beste wäre. Die einzige Wissenschaft, die alle Gesichtspunkte einbezieht, ist die Philosophie. Sie besteht geradezu in der Weigerung einer Einschränkung ihrer Gesichtspunkte, welche Einschränkung alle anderen Wissenschaften zu jeweils der Wissenschaft machen, die sie sind. Sie schaut so auf das Ganze, dass keine der möglichen Perspektiven einfachhin ausgeblendet wird. Und nur, wenn und weil sie diesen umfassenden Blick hat, kann sie nach dem Guten fragen. Denn das Gute, das in Frage steht, wenn wir nach dem richtigen Handeln fragen, ist ja gerade nicht das eingeschränkt Gute der angewandten Wissenschaften (gut, wenn Du das und das erreichen willst), sondern das schlechterdings Gute. Jenes Gute also, das, wenn ein Mensch es verwirklichte, uns ihn einen guten Menschen nennen ließe. Sie versucht, allen Aspekten gerecht zu werden, indem sie sie zueinander in Beziehung setzt und hierarchisiert. Damit tut sie genau das, was jeder Mensch nicht umhinkommt, zu tun, wenn er angesichts einer komplexen Problematik ein Urteil fällt, aber sie nimmt sich die Zeit, genau diese so unerlässliche, wie oft verborgene und deshalb häufig fehlerhafte, bisweilen schlampige, manchmal verfälschende Form der Gesamtrefl exion explizit, transparent und im synchronen wie diachronen Dialog durchzuführen.

Die Frage «How dare you?», mit der Greta Thunberg die Politiker auf dem UN-Klimagipfel 2019 konfrontierte, – also etwa: «Wie wagt Ihr es, so mit dem Planeten und damit der Zukunft Eurer Kinder umzugehen?» – ist rhetorischer Natur. Sie verlangt so wenig eine Antwort wie die Frage: «Was fällt Dir eigentlich ein?» Man könnte sie aber auch anders verstehen: Wie wagst Du es – trotz aller Gefahren und Herausforderungen, in denen diese Zeit durch die Klimakrise steht? Woher nimmst Du genug Gelassenheit, Antrieb, Mut und Freude, um das Wagnis des Lebens heute anzugehen? Und da dies, wenn es eine ernste Frage sein soll, nicht bloß eine Frage an die Anderen sein kann, sondern wie jede ernste Frage nur dann auf ernsthafte Weise gestellt werden kann, wenn man sich in die Anfrage miteinbezieht: How dare we? – Wie können wir es trotz allem wagen?

Wagen können wir es nur, wenn es einen Weg gibt, der uns wesensgemäß ist. Wesensgemäß ist dem Menschen die Menschlichkeit. Dass er diese verfehlen kann, indem er allzumenschlich oder gar unmenschlich wird, gehört paradoxerweise zu seinem Wesen. Es gehört zu seinem Wesen, dass es ihm als Aufgegebenes gegeben ist. Unsere Frage lautet also: Was sind Kriterien eines menschlichen Umganges mit der Klimakrise?

1. Klimaskepsis oder Klimaglaube?


Der Klimawandel findet statt, und er ist zu einem großen Teil menschengemacht. Dies der Konsens von weit über 90% der Klimaforscher. Laut Deutschlandtrend vom Mai 2019 haben in der deutschen Bevölkerung 86% der Bürger Vertrauen in diesen wissenschaftlichen Konsens. Immerhin 13% haben dies nicht. Sie werden etwas ungenau Klimaleugner oder -skeptiker genannt, und man wird ihnen sicher am wenigsten damit gerecht, dass man sie, wie wir es zur Vereinfachung unserer Konfl ikte so gerne handhaben, für «dumm, böse oder am besten beides» ( J. Splett) erklärt.

Denn natürlich gibt es Grund zur Skepsis gegenüber dem wissenschaftlichen Konsens. Schon deshalb, weil es ohne Skepsis die Wissenschaft, die den Konsens hervorbringt, gar nicht gäbe. Dogmatische Wissenschaftsgläubigkeit ist geschichtsblind und deshalb für Gegenwart und Zukunft äußerst gefährlich.

Der erste Fehler der Wissenschaftsgläubigkeit ist die Annahme, Wissenschaft geschehe konsensual – «die Wissenschaft hat festgestellt ….». Weit mehr ist Wissenschaft davon beherrscht, dass etwas strittig, als dass man sich einig ist. Einig ist man sich in wissenschaftlichen Schulen, die man eben deshalb nicht mit der Wissenschaft, der sie zugehören, verwechseln sollte. Bei so etwas unübersehbar Komplexem wie dem Klima der Welt muss es deshalb eine Fülle von abweichenden Positionen geben.

Auch da, wo die Wissenschaft sich weitgehend einig ist, kann sie irren (das eben herauszufinden, ist präzise ihr Fortschritt) — und sie irrt ständig. Der in der jüngeren Geschichte unrühmlichste Irrtum war wohl der szientifische Rassismus, ohne den die nationalsozialistische Bewegung kaum möglich gewesen wäre – und auch und gerade wissenschaftliche Vorhersagen stimmen sehr oft nicht. Auch hier ist die Corona-Krise lehrreich, die sozusagen über Nacht quer durch die Disziplinen zu einem Massensterben der Prognosen geführt hat. Weiter: Wissenschaft kennt Moden und Gruppendruck. Sie ist ein System, dessen allgegenwärtige und fraglos hingenommene Feedbackloops in krassem Gegensatz zur ihrem Rationalitätsanspruch stehen. Und diese Tatsache wird durch das Drittmittelsystem, das ihrer ja eigentlich wehren sollte, noch einmal befeuert: Wo schon Gelder sind, kommen noch mehr Gelder hin; wo keine sind, kommen auch keine hin. Ein sogenannter Klimaskeptiker hat damit kaum Chancen auf Anerkennung in der Community und wenig Chancen auf die Gelder, ohne die man Wissenschaft nicht betreiben kann (zumindest auf Gelder, die nicht von vorneherein die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit untergraben – wie etwa Unterstützung durch die Industrie, die von der Verbrennung fossiler Brennstoffe lebt).

Sodann: Es liegt überaus nahe, dass diejenigen, die an einen rapiden menschengemachten Klimawandel glauben, die Situation überdramatisieren, um überhaupt die träge Menschheit in Gang zu bringen. Beispiele dafür gibt es zuhauf. (z. B. die Eisbären, denen es zumindest im Moment sehr viel besser geht als noch vor 60 Jahren [damals 5-19.000, heute ca. 26.500] – ähnliche Beispiele unhaltbarer Hyperdramatisierung lassen sich zuhauf finden).

Es gibt weitere sehr ernstzunehmende Gründe zur Skepsis am Klimawandel-Konsens, die nicht unmittelbar mit dem (Un-)Wesen von Wissenschaft zu tun haben. So ist ein apokalyptisches Lebensgefühl, das sich seine Gründe sucht, eine anthropologische Grundkonstante. Und – viel gefährlicher noch – es gibt immer politische Interessenten an einer Krise, restaurative wie umstürzlerische. Denn in der Not lassen sich die schönsten Machtexzesse rechtfertigen.

Reichen diese Verdachtsmomente, um die These des menschengemachten Klimawandels abzulehnen? Die, wie mir scheint, einzig vernünftige Antwort lautet: Nein, sie reichen bei weitem nicht. Denn es gibt noch bessere Gründe zur Skepsis an der Skepsis. Hier sind einige:

Unter den Fachleuten ist die Verteilung zwischen Befürwortern der These und deren Gegnern von erdrückender Eindeutigkeit – und das zu einer Zeit und in Systemen, in der die Wissenschaft so viel Freiheit genießt wie selten, wenn je, zuvor. Dahinter eine generelle Verschwörung zu vermuten, hat eine hohe Beweislast, die man nicht einlöst, indem man auf den Goldstandard jeder über zu wenig Argumente verfügenden Verschwörungstheorie zurückgreift, nach dem die herrschende Theorie deshalb so evident wirkt, weil die Verschwörung so perfekt ist. Hat sich ein solches Denken erst einmal eingefleischt, ist jeder Konsens ein Gegenbeweis und jedes überzeugende Argument für den bekämpften Standpunkt eines, das gegen ihn spricht. [...]


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