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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/com.2020.5.565–572
Felix Körner
KIRCHEN, MOSCHEEN, MUSEEN – UND WIEDER MOSCHEEN
Hintergründe der türkischen Umwidmungspolitk
Die Istanbuler Hagia Sophia ist wieder Moschee; ebenso die Chora-Kirche. Den Applaus und die Buhrufe kann nur einordnen, wer hinter die Kulissen schaut.

Die Agenda des Mustafa Kemal (Atatürk, † 1938) war, eine laizistische Türkei zu schaffen. Durch seine Kulturrevolution werde sich so etwas Vormodernes wie Religion bald erübrigen, hoffte er. Daher unterstellte er die Aufsicht über «religiöse Angelegenheiten» der Staatsregierung. Die dazu gegründete Behörde kümmert sich allerdings nicht um jegliche Religionsangelegenheit, sondern nur um den Islam. Mit den anderen ansässigen Religionen ist in der Türkei das Außenministerium befasst.

Für den Islam bedeutete der türkische Laizismus von Anfang an keine Trennung von Religion und Staat, sondern Steuerung von Religion durch Staat; und weiter bedeutete Laizismus: religiöse Markierungen möglichst aus dem öff entlichen Raum zu verbannen. Dazu gehörte auch, dass kein internationales geistliches Oberhaupt mehr auf türkischem Boden residieren sollte. So darf der «ökumenische» Patriarch von Konstantinopel – also der «vor dem ganzen Erdkreis repräsentative» griechisch-orthodoxe Oberhirt – diesen Titel offiziell nicht führen; und so schaff te die türkische Republik kurz nach ihrer Gründung das Kalifat ab. Seither vermissen weltweit viele Muslime so etwas wie einen islamischen Papst. Und was will der Laizismus mit einem so erinnerungsbeladenen Gebäude wie der Hagia Sophia?

Die Hagia Sophia war – obwohl gelegentlich so bezeichnet – nie eine Sophienkirche. Sie war niemals einer heiligen Sophie geweiht. Die Hagia Sophia ist als Christuskirche erbaut. Der Bau stellt das Zusammenwachsen von hebräischer und griechischer Weisheit in der zur Weltherrschaft gekommenen Christus-Sophia dar. Im Gegenzug zur arianischen und gnostischen Lehre sagt die christliche Orthodoxie ja mehr als nur, dass Christus Gottes Weisheit verkörpert: Die göttliche Weisheit ist Christus; und seine weise Weltherrschaft vertritt der Kaiser – so die politische Theologie des Neuen Roms. Der Kaiser übernimmt die Christus-Vollmacht und untersteht dem Christus-Maßstab. So erinnert die Hagia Sophia an die oströmischen Kaisergeschichte mit ihrer Nähe von Thron und Altar. Aus türkischem Blickwinkel betrachtet, erinnert sie aber auch an den lange erhoff ten und endlich errungenen Sieg der Osmanen über Ostrom; und weil die Hagia Sophia osmanische Hauptmoschee war, ist sie eben auch Erinnerung an das Kalifat.

Wie nun aber republikanisch umgehen mit einem derart theokratisch aufgeladenen Bau? Präsident Mustafa Kemal hatte auch hierfür einen Vorschlag, den sein Ministerrat annahm; an jenem Herbstsamstag übrigens, dem 24. November 1934, als die Nationalversammlung in Ankara dem Präsidenten den Ehren-Nachnamen «Atatürk» zusprach. Der von ihm vorgeschlagene Ministerratsbeschluss bezüglich der Hagia Sophia lautete bekanntlich: Sie solle fortan nicht mehr Moschee sein, sondern Museum. Die Umwandlung war Sinnbild für eine neue Zeit, für eine Überwindung von Kalifat und politischer Religion; Sinnbild aber auch für eine Öff nung gegenüber dem ja als christlich wahrgenommenen Westen: Immerhin war die Hagia Sophia 900 Jahre lang Kirche gewesen. Ihre Neutralisierung zum Museum mochte den Erinnerungsschmerz christlicher Völker an den Sieg des Islam über weite Gebiete der Christenheit lindern. Was eigentlich ein Beschluss auf der Linie der kemalistisch-laizistischen Agenda war, ließ sich auch als post-religiöse Geste der Annäherung an den Westen nutzen. Jedenfalls sollten im «Hagia Sophia-Museum» von nun an keine öff entlichen Gebete mehr stattfinden. Ganz konsequent war man damit in der Folgezeit nicht verfahren. Gelegentlich hatten sehr wohl Ritualgebete in einem Seitenschiff und Koranrezitationen sogar im Hauptschiff der Hagia Sophia stattgefunden. Was jedoch seit knapp 90 Jahren Ausnahme war, wird jetzt wieder die Regel: An einem sommerlichen Freitagnachmittag des Jahres 2020, am 10. Juli, ergeht der Umwandlungsbeschluss des türkischen Staatsrats (Danıştay: eine Art oberstes Verwaltungsgericht).

Schon zwei Wochen später war es dann so weit. Staatspräsident Erdoğan hatte es off enkundig eilig. Denn ein hochsymbolisches Datum nahte. Mit einem Freitagsgebet am 24. Juli 2020 in der Hagia Sophia hoff te man, eine Kerbe aus dem kollektiven Gedächtnis der Türkei auszuwetzen. Um sie zu verstehen, sei nochmals in die Gründungsgeschichte der modernen Türkei zurückgeblickt, diesmal vor die Ausrufung der Republik, also vor den 29. Oktober 1923.

1920 war der Nachkriegsvertrag von Sèvre geschlossen worden. Ihm zufolge sollten den Griechen, Armeniern und möglicherweise auch den Kurden erhebliche Teile Kleinasiens zugeschlagen werden, außerdem den Briten und Franzosen; und sogar eine italienische Einflusssphäre an der Mittelmeerküste sowie eine internationale Zone um Istanbul und die Meerengen war vorgesehen. Den Plan dieser weitgehenden Zurückdrängung der Türken auf ein Schwundgebiet in Zentralanatolien bekommen türkische Schulkinder bis heute als Angstszenario vor Augen gehalten. Seine Durchführung konnte allerdings die Schlagkraft des Mustafa Kemal verhindern. Entsprechend fiel ein zweiter Nachkriegsvertrag für die türkische Seite günstiger aus: der Vertrag von Lausanne, geschlossen am 24. Juli 1923. Der Türkei sprach man nun ein bedeutend größeres Gebiet zu als in Sèvre drei Jahre zuvor. Jedoch auch der Vertrag von Lausanne war kein durchschlagender Erfolg. Das Hauptproblem besteht bis heute. Es handelt sich um bestimmte Ägäis-Inseln, den sogenannten Dodekanes. Obwohl deutlich näher am türkischen Festland gelegen, sprach der Vertrag von Lausanne sie Griechenland zu; diese Entscheidung stellt die türkische Staatsführung augenblicklich lauthals infrage.

Was geschieht hier, mit der Anzweiflung des Vertrags von Lausanne und des Musealisierungsbeschlusses von Gebetshäusern? Mit einem aufschlussreichen Kommentar platzte am 8. Juli 2020 Ahmet Davutoğlu heraus. Er war bis 2016 Erdoğans gelehrt-leisetreterischer Ministerpräsident. Nun führt Davutoğlu die von ihm gegründete Gelecek Partisi (Zukunftspartei) und schlägt oppositionelle Töne an: Der Staatspräsident instrumentalisiere die Hagia Sophia. «Vor kurzem noch [nämlich 2016] hat Erdoğan seine Wählerschaft beinahe verprellt, als er ihr zurief: ‹Ihr könnt ja nicht einmal die Blaue Moschee gleich nebenan voll bekommen und fordert nun, die Hagia Sophia zu füllen? Jetzt spielen wir bitteschön keine Spielchen. Das ist doch alles ein fauler Trick!› Nun aber zeigt sich, dass sich weder Politik produzieren lässt noch Demokratie, noch auch Gerechtigkeit; und vor allem: Jetzt produziert die Wirtschaft nicht mehr. Jetzt sitzen Sie in der Klemme – und klammern sich an die Hagia Sophia!»1

Solche Kommentare sehen: Erdoğan bangt um seine Macht. Er muss die Nationalisten gewinnen. Je schwächer der Präsident, desto verzweifelter greift er zu grobem Werkzeug, das er zuvor selbst noch verachtet hat. Erneut sei gefragt: Was geschieht hier also?

Wir sind Zeugen einer Inszenierung. Aber wir sollen nicht bloß Zeugen bleiben. Denn inszeniert wird großes Welttheater. Da bleibt kaum jemand draußen. Publikum ist zwar die türkische Wählerschaft; diesem Publikum will sich Erdoğan als Sieger vorführen. Aber die Inszenierung braucht unzählige Kulissen und Komparsen. Deswegen findet sich unversehens die halbe Welt auf der Bühne wieder. Geboten wird die Wiederkehr des Osmanischen Reiches. Deshalb aber muss auch der Laizismus auftreten, deswegen Gotteshäuser, der Islam und die islamisch geprägten Länder, daher auch der Westen und somit – eigentlich nur in einer Nebenrolle – das Christentum. Wer die Zeichen zu lesen weiß, versteht die ganze Inszenierung.

Wenn wir uns dem altehrwürdigen Bau der Hagia Sophia neuerdings nähern, sehen wir: Unter wehender türkischer Flagge vermeldet ein Schild, welchen Bau man nun vor sich hat. Lesen wir von unten. Dort steht in arabischer und englischer Übersetzung: «Masǧid Āyāṣūfya al-Kabīr» sowie «The Hagia Sophia Grand Mosque». Darüber steht auf altertümlichem Türkisch, im 1928 eingeführten lateinischen Alphabet: «Ayasofya-i Kebir Câmi-i Şerifi». Ganz oben aber verkündet dasselbe eine Kalligraphie in der von Atatürk abgeschafften osmanischen Schrift: «Die Ehrwürdige Freitagsmoschee der Großen Hagia Sophia». In die Kalligraphie sind vier arabische Ziffern eingetragen: 1441. Die Zahl bezeichnet im islamischen (hiǧrī) Kalender das Jahr, in dem die Türkei die Hagia Sophia wieder als Moschee eröffnet hat. Im gregorianischen – auch in der Türkei sonst üblichen – Kalender ist das 1441ste Jahr nach der Auswanderung Muḥammads aus Mekka das Jahr 2020. Was nur klar wird, wenn man im islamischen Mondkalender rechnet: Der Vertrag von Lausanne fiel auf das Jahr 1341. Am – im modernen Kalender gerechneten – Jahrestag, dem 24. Juli 2020, sind es genau 100 «islamische» Jahre nach dem heute als Niederlage empfundenen Friedensschluss. Nach 100 Jahren also konnte Erdoğans Türkei endlich wieder einen Sieg feiern.

Sieg, Eroberung, Gebietsgewinn: Das koranische Wort hierfür ist fatḥ. Es gibt auch eine Sure, die diesen Namen trägt. Ihrem ersten Vers zufolge sagt Gott zum Propheten des Islam: «Wir haben dir einen offenkundigen Erfolg beschieden» (Sure 48:1).

Das Wort, das der große Koranübersetzer Rudi Paret hier mit «Erfolg» wiedergibt, hat eine bemerkenswerte Bedeutungsentwicklung durchgemacht. Wörtlich meint die Vokabel «Öffnung». Tatsächliche Erstbedeutung könnte «richterlicher Entscheid» gewesen sein; dann «Sieg». Schließlich wird fatḥ zum Fachausdruck einer «Eroberung für den Islam».

Dieser fatḥ war Leitmotiv der ersten Freitagspredigt in der wieder zur Moschee erklärten Hagia Sophia. Prof. Dr. Ali Erbaş, der Leiter des Religionspräsidiums, hielt die Ansprache. Die Wahl seiner Worte und Zeichen war – man kann es kaum anders sagen – hochgradig missglückt. Unüberhörbar schlug er das Eroberungsmotiv an, und unübersehbar.

Er sprach wiederholt von Eroberung; zitierte das Hadith, demzufolge Muḥammad gesagt hat: «Konstantinopel wird einst sicher erobert». Er salutierte in seinem zehnfachen Gruß am Beginn der Ansprache auch Mehmet Fatih, dem Osmanensultan, der Fātiḥ heißt, weil er Konstantinopel erobert hat, im Jahre 1453. Die Wiedereröffnung der Hagia Sophia für den Gottesdienst deutete Erbaş als Hoffnungszeichen («Lebenswasser») für alle unterdrückten Gläubigen und «traurigen Moscheen», und zwar vor allem «für die al-Aqsa», also die Moschee auf dem Jerusalemer Tempelberg. Sie allerdings steht durchaus dem Gebet der Muslime offen. Lediglich Nicht-Muslimen ist der Zutritt verboten; es sei denn man hat eine Sondergenehmigung der örtlichen islamischen Stiftungsverwaltung. Die Bezugnahme auf die al-Aqsa Moschee lässt sich dann kaum anders als Ausdruck einer erhofften Eroberung Jerusalems verstehen.

Und es waren nicht nur seine Worte, mit denen Ali Erbaş Eroberungsdenken zum Klingen brachte. Er führte es auch sichtbar vor Augen, führte es sozusagen in der Hand. Denn er trug während der gesamten Zeremonie ein Schwert.

Betrachten wir die Zeremonialwaffe aus der Nähe. Das Schwert zieren zwischen Griff und Klinge drei Halbmonde. Zwei davon bilden eine «abgebogene Parierstange»; der dritte Halbmond ist auf der Klinge selbst angebracht. Einen Halbmond trugen auf der arabischen Halbinsel bereits vorislamische Kriegsflaggen. Ursprünglich stellte der nach oben geöffnete spitz zulaufende Halbkreis wohl gar keine Mondsichel dar, sondern ein Stiergehörn. Als die Muslime aber das Flaggenemblem aufgriffen, galt die Sichel ihnen als Neumond. Er ist im Mondkalender ja der Anbruch jedes neuen Monats: die Mondsichel markiert den Anbruch des Neuen. Die Osmanen übernahmen den Halbmond auf ihren Kriegsflaggen, nun aber in dreifacher Ausführung. Warum drei Halbmonde? Die dazugehörige Erklärung lautet meist: Das Osmanische Reich stehe für islamische Herrschaft auf drei Kontinenten: in Asien, Afrika und Europa. – Kehren wir jedoch zurück zum Schwert, das der Präsident bei der Freitagspredigt hielt. Außer dem dreifachen dreidimensionalen Mond trägt die Klinge auch eine arabische Inschrift: «Im Namen Gottes, des barmherzigen Erbarmers. Wir haben dir einen offenkundigen Erfolg beschieden.» Was die Klinge ziert, ist also der oben bereits zitierte Eingangsvers der Sure al-Fatḥ. Der erwähnte «offenkundige Erfolg» ist in diesem Szenario der Gebietsgewinn für den Islam. Er tritt somit als Gottesgeschenk vor Augen.

Die Religionsbehörde (Diyanet İşleri Başkanı) ließ zwar erklären, ihr Präsident habe das Schwert doch links getragen, was «Frieden» bedeute; und es bei der Freitagspredigt in eroberten Gotteshäusern mitzuführen sei eben eine Tradition. Erbaş hat aber weder das Linkstragen konsequent durchgehalten, noch den besitzergreifenden Charakter der fatḥ-Motivik abgetönt. Man wollte einen Erfolg feiern, einen Sieg, einen Gebietsgewinn, eine göttlich verliehene Eroberung. Man hätte, bis in die Wortwurzel hinein das Motiv der «Öffnung» in den Mittelpunkt stellen können. Diese Gelegenheit haben sich die Regisseure der Veranstaltung entgehen lassen. Was im Gedächtnis bleibt, ist: Der Diyanet-Präsident trug bei der Predigt eine Waffe – und Erdoğan feierte seinen Sieg.

Daher seien abschließend vier Fragen gestellt, eine an die Musliminnen und Muslime, zwei an die türkische Religionsbehörde, sowie eine letzte an die christlichen Gesprächspartnerinnen und -partner.

1. Auf die Bühne der Erdoğan’schen Inszenierung wurden auch Muslime aus aller Welt gezerrt. Sie sollen jubeln: Eine neo-osmanische Türkei werde Sachwalterin der Anliegen aller Rechtgläubigen. Sie sollen so etwas sehen und empfinden wie: «Jetzt gewinnen wir wieder». Allerdings gab es von islamischer Seite durchaus nicht nur Applaus für die Rückwidmung der Hagia Sophia zur Moschee. Auch muslimisch-gläubige Türkinnen und Türken äußerten Bedauern, ja Scham, etwa über die Geschichtsvergessenheit ihrer Behörden, wenn diese behaupten, als Moscheen seien die – doch zuerst christlichen – Gotteshäuser wieder ihrer «ursprünglichen» Bestimmung zugeführt. Ägyptens Mufti erklärte, Muḥammad hätte so nicht gehandelt. Pakistanisch-muslimische Verbände forderten, den Christen solle ein Teil der Hagia Sophia als Gebetsraum zugesprochen werden. Indonesische Muslime äußerten sich solidarisch mit dem Christentum. Dennoch, es gab auch islamischen Jubel. Wer jetzt jubelt, soll sich aber fragen, ob sich über die tatsächliche Rückgewinnung eines Gebetshauses nicht wie ein Geschwür ein anderes Motiv legt: Der Islam bekommt unter Präsident Erdoğan in Wirklichkeit ja weniger Spielraum, nicht mehr. In der augenblicklichen türkischen Konstellation ist die Religion kein Gegenüber zur politischen Herrschaft2, sondern ihr jämmerliches Werkzeug, eine Theaterrequisite für eine leicht durchschaubare Machtdemonstration. Mit dem ersten Freitagsgebet in der Hagia Sophia seit 86 Jahren ist doch ironischer Weise Atatürks Laizismus nicht nur an sein Ende gekommen, sondern zugleich an sein Ziel: Die Eigenstimme der Religion im Dialog mit den Machthabern über gute Weltgestaltung ist zum Schweigen gebracht. Der Diyanet-Präsident sagt nur noch, was der Staatspräsident hören will.

2. Als islamische Gebetshäuser unterstehen die wieder zu Moscheen erklärten Bauten nun der türkischen Religionsbehörde. Sie ist mit den Kultur-Institutionen – einschließlich der UNESCO – und Kunstfachleuten in aller Welt zu fragen: Ist sich die Religionsbehörde ihrer neuen Verantwortung für ein Menschheitserbe der einsamen Spitzenklasse bewusst? Ist sie dieser Verantwortung gewachsen? Oder ist sie damit möglicherweise überfordert? Zwar haben angebliche Architekturexperten aus Deutschland schon ihre Unkenntnis herausposaunt mit der Behauptung, wegen des Teppichs in Moscheen sei die Hagia Sophia nun nicht mehr von allen Richtungen aus betrachtbar oder gar für Nicht-Muslime nicht mehr betretbar. Das ist Unfug. Und dennoch: Was wird mit den Bildern auf Dauer geschehen? Werden die zwischen 1847 und 2009 – zuerst von den Schweizer Brüdern Fossati – kunstvoll freigelegten, staunenswerten Mosaiken der Hagia Sophia und die 1948 herrlich restaurierten, ebenfalls einzigartigen Fresken und Mosaiken der Chorakirche außerhalb der Gebetszeiten klar sichtbar sein? Werden sie nach heutigen Kompetenzstandards professionell erhalten? Wer untersucht in Zukunft regelmäßig die Bausubstanz? Werden die Touristenführerinnen und -führer auch weiterhin nach dem Kenntnisstand der internationalen Forschung ausgebildet?

3. Dem Präsidium für Religiöse Angelegenheiten in Ankara als neue Hausherrin der Bauten, die jetzt zur Hagia Sophia- und Chora-Moschee erklärt wurden, ist noch eine weitere sensible Frage zu stellen. Ihr sei vorausgeschickt: Auch die Christenheit hat sich die Gotteshäuser anderer Religionen einverleibt und sie teilweise zu Triumphzeichen der Übernahme, Überwindung und Überlegenheit umfunktioniert. In die hinreißende Mezquita (Moschee) von Córdoba haben wir Katholiken im 15. Jahrhundert eine mittelprächtige Kathedrale geschlagen, aber immerhin den Miḥrab (die Gebetsnische) unzerstört gelassen. Ob das barbarischer oder rücksichtsvoller war als der Umgang Mehmets des Eroberers mit der Hagia Sophia, der deren geniale Grundstruktur erhielt, aber die gesamte christlich-liturgische Ausstattung einschließlich Altar entfernte, ist nicht unsere Frage. Man sollte nur, bevor wir weiterfragen, wissen, dass Anfang der 2000’er-Jahre Bitten und Forderungen von Muslimen, in der Mezquita-Catedral de Córdoba offiziell beten zu dürfen, kirchlicherseits abgelehnt wurden. Der armenisch-gregorianische Patriarch von Istanbul und der Wiener Kardinal Schönborn sowie andere religiöse Führungspersonen brachten im Juli 2020 sofort den Gedanken auf, die Hagia Sophia, wenn sie nun wieder Gotteshaus ist, auch interreligiös zu nutzen. Daher: Was unternimmt die neue Hausherrin an konstruktiven und kreativen Schritten, um den bereits entstandenen Eindruck abzuschwächen, dass es um nichts geht als pubertäre Rivalität: zwischen Erdoğan und seiner Opposition, zwischen der Türkei und Griechenland, zwischen Islamismus und Laizismus, zwischen Islam und Christentum? Wären islamisch-christliche Gebetstreff en und theologische Dialogseminare vor Ort nicht doch etwas eindrucksvollere Zeichen islamischer Größe als eine Freitagspredigt mit Eroberungsschwert?

4. Zuletzt eine Frage an die Christenheit. Papst Franziskus sagte – spontan, aber bedächtig, mit knappen Worten – beim Angelus zwei Tage nach dem Umwidmungsbeschluss, er denke an die Hagia Sophia, und dies schmerze ihn sehr. Schmerz kann man tatsächlich empfinden. Aber eben nicht, weil eine Kirche zur Moschee erklärt wurde. Das hat Franziskus auch nicht gesagt; nur, die Berichterstattung – einschließlich der vatikanischen – formuliert mitunter so. Umgewidmet wurden Museen, die nun wieder Gebetshäuser sind. Kirche war die Hagia Sophia bis 1453. Warum sie es nicht mehr ist, das sollte die westliche Christenheit genau erinnern: Unsere Machthaber taten damals alles, um den Hilferuf aus Ostrom zu überhören. Das, unsere mangelnde Solidarität mit dem Osten, kann uns traurig machen; und deswegen ist die einfühlsam gepflegte Freundschaft von Papst Franziskus mit Patriarch Bartholomäus von Konstantinopel ein Versöhnungszeichen. Aus dieser Freundschaft heraus kann der Papst auch seine Trauer äußern. Vor allem aber kann und sollte uns traurig machen, dass ein Gotteshaus für politische Spielchen verzweckt wird. Wer aber nun behauptet: «Was uns bisher gehörte, verlieren wir gerade an den Islam», hat sich genau an die Stelle der Bühne zerren lassen, an der uns das Schauspiel haben will: an den Platz des Türkei- und Islamgegners. Was haben wir da bitte verloren?

Anmerkungen
1 Frei übersetzt aus: «daha kısa bir süre önce neredeyse seçmenini azarlayarak ‹Yan tarafta Sultanahmet’i doldurmayacaksın, Ayasofya’yı dolduralım diyeceksin. Bu oyunlara gelmeyelim. Bunların hepsi tezgah› demişti. Şimdi belli ki artık siyaset üretilemiyor, demokrasi üretilemiyor, adalet üretilemiyor, hepsinden önemlisi ekonomi üretmiyor. Şimdi sıkıştınız yeniden Ayasofya’ya sarılıyorsunuz.» Sözcü vom 8. Juli 2020.
2 Vgl. Felix Körner, Politische Religion. Theologie der Weltgestaltung – Christentum und Islam, Freiburg 2020, 163.

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