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THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
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JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Anton SvobodaAnton Svoboda,
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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/com.2020.6.589–598
Karol Tarnowski
DIE ENTSCHEIDENDE BEGEGNUNG
Erinnerungen an Karol Wojtyła
Wir nannten ihn «Wujek». Wir, also eine Gruppe von Studenten und Studentinnen, vor allem naturwissenschaftlicher und technischer Richtungen, konkreten und exakten Menschen, aber auch einige Künstler gehörten dazu, und ein Philosoph. Karol Wojtyła, damals ein Priester, später der Papst, hatte die Gabe der ungezwungenen Autorität, die aus seinem Inneren ausstrahlte, aus der Tiefe seines Gebets und der intellektuellen Überlegung, der Kontemplation. Zusammen wanderten wir in den Bergen, in Bieszczady und in der Tatra, machten Kajaktouren auf vielen polnischen Flüssen und Seen. Er war ein echter Wanderer, stark, ausdauerfähiger als viele unter uns, konzentriert und selten redselig, aber gesprächsbereit. Ein aufmerksamer Beobachter von Menschen und Natur, mit einem großen Sinn für Humor, der sich besonders bei den gemeinsamen abendlichen Lagerfeuern zeigte, bei Gesprächen und vor allem: beim Singen. Er hatte ein außergewöhnliches Gedächtnis, aber auch ein Improvisationstalent – er dichtete immer neue Strophen dazu. Wir lebten in der «Volksrepublik», die Umstände waren nicht leicht; ich kann mich erinnern, als wir beide einmal im Flur des Zugs nach Bieszczady schliefen. Während des Studienjahres begleitete er uns bei gemeinsamen Feiern nach unseren Ausflügen, beim Weihnachtsliedersingen, vor allem aber bei den wichtigsten Momenten des Familienlebens: Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen. Sein Gedächtnis erfasste nicht nur all diese Ereignisse, sondern auch unsere Geburtstage und andere Aspekte unseres Lebens. Gewissermaßen waren wir für ihn eine Ersatzfamilie, denn seine eigene hat er früh verloren, und auch unter uns waren Waisen, deren Eltern durch Sowjeten oder Nazis hingerichtet worden waren – für diejenigen war er wie ein Pflegevater. Nachdem er zum Papst gewählt wurde, sagte er zu uns: «Ich bleibe euer Onkel. Besucht mich so oft wie möglich». Und das taten wir. In den päpstlichen Appartements frühstückten wir gemeinsam, aßen zu Mittag oder zu Abend. Wir sangen Weihnachtlieder in Castel Gandolfo. Uns kam nie in den Sinn, dass man das als eine Art Eigennützigkeit oder «Vetternwirtschaft» sehen könnte – so selbstverständlich familiär war das, mehr als freundschaftlich. All das hat aber die Folge, dass meine Sicht auf Wojtyła ambivalent und in gewissem Maße voreingenommen ist.

Zum ersten Mal traf ich ihn als einen jungen Priester im Beichtstuhl in der Florianskirche in Krakau. Ich war sehr jung, in meinen Teenager-Jahren, er behandelte mich aber wie einen erwachsenen Gesprächspartner und widmete mir so viel Zeit, wie ich nur brauchte. Ich erinnere mich gut an seine Gesprächsfähigkeit: Er nahm sein Gegenüber und dessen Gesichtspunkt immer ernst, selbst wenn er ihn nicht teilte. Ich konnte spüren, dass er kein Doktrinär und kein starrsinniger Dogmatiker ist, manchmal war er aber hartnäckig, nicht gewillt, seine Ansicht zu ändern. Er war sehr intelligent und begabt, konnte sich schnell die Wirklichkeit um sich herum aneignen (die Fremdsprachen!). In seinem Denken kam er mir immer frei vor, gleichzeitig schien er mir aber treu den grundlegenden Intuitionen des Christentums zu bleiben, die sowohl die «Ordnung» der Schöpfung als auch die Kultur mit ihren Traditionsschichten akzeptieren. Bei den Ausflügen entfernte er sich oft, um zu meditieren; einmal sagte er nach solch einer Meditation zu mir: «Weißt du, alles ist gut». Das war ein Ausdruck seiner eindeutig affirmativen Einstellung der Wirklichkeit gegenüber, die als geschaffen und erlöst grundlegend gut sei, und manchmal auch schön.

Zweifellos war Wojtyła durch die Vorstellung der Welt als Schöpfung geprägt, eine Vorstellung, die bei ihm von Erfahrungen eines Wanderers, aber auch eines Künstlers, Dichters und Theatermenschen untermauert war. Er war ein spontaner, aber auch durch den Thomismus beeinflusster Anhänger der metaphysischen Transzendentaltheorie: Der Gleichsetzung vom Sein – also der Wirklichkeit – und vom Guten, Wahren und Schönen. Er war weitgehend durch die polnische Romantik geprägt, vor allem von den Dichtern: Mickiewicz, Norwid, Słowacki und Wyspiański, die ohne eine starke philosophische Kultur an den Universitäten ein kohärentes, durch das Christentum gekennzeichnetes Weltbild aufbauten. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, ein geschärftes Bewusstsein des Bösen und der Tragik zu haben, insbesondere jener, deren Quelle der deutsche und der sowjetische Totalitarismus war.

Wojtyłas Verhältnis zu den Juden war von Empathie, Verständnis und tiefem Respekt geprägt. In der Jugend hatte er jüdische Freunde, was wahrscheinlich seine spätere bahnbrechende Geste beeinflusste: Als erster Papst in der Geschichte setzte er seinen Fuß über die Schwelle der römischen Synagoge. Den Antisemitismus hielt er selbstverständlich für unannehmbar und ohne Zögern hätte er den Titel der Schrift von Maritain unterschrieben: L’antisémitisme impossible. Diese klare Ablehnung des Antisemitismus ist eine der wichtigsten Lektionen, die er der Kirche – auch der polnischen – mit auf den Weg gab. Was den Juden auf den polnischen Gebieten widerfahren war, erlebte er zutiefst. Im Gegensatz zu vielen Vertretern der Kirche in Polen fühlte er eine organische Verbundenheit mit den Juden, die er als «ältere Brüder im Glauben» erachtete. Den jüdischstämmigen Kardinal Lustiger ernannte er zum Erzbischof von Paris, aber auch die jüdische Religion selbst war ihm nah (er weigerte sich, während des Krieges ein jüdisches Kind zu taufen, denn dessen Eltern hätten sich das vielleicht nicht gewünscht). Die Romantik prägte wesentlich seine Vision von Polen in Europa, von einem Polen, das nach Westen und Osten offen ist, offen sowohl für griechisch-katholische Christen als auch für die orthodoxe Kirche, von einem Polen, dessen Symbol die Polnisch-Litauische Union im 16. Jahrhundert war. Das war eine entschieden pluralistische Vision eines «Polens der Jagiellonen-Könige», nicht nationalistisch, sondern multinational und auf eine natürliche Weise zur Europäischen Union neigend, aber auch offen zum Ökumenismus und anderen Religionen und Denominationen.

Die Erfahrungen des Totalitarismus waren für Wojtyła äußerst intensiv. Der nationalsozialistische Totalitarismus tötete, aber auch der sowjetische zerstörte die Befreiungsbestrebungen der Polen und korrumpierte Gewissen: Durch Einschüchterung gewann er viele geheime Mitarbeiter unter Priestern und Ordensbrüdern, beispielsweise für den Preis eines Studienaufenthaltes in Rom. Gleichzeitig war Wojtyła Zeuge des großen Mutes des Krakauer Metropoliten Sapieha während der Nazi-Besetzung und des Primas’ Wyszyński während des Kommunismus. Johannes Paul II. hat überaus viel zum Sturz des Kommunismus in Polen und anderen Teilen Europas beigetragen. Seine Pilgerfahrten nach Polen waren von ausschlaggebender Bedeutung, sie stärkten die Solidarność-Bewegung und führten tatsächlich zur «Auferstehung» Polens – daher kommt der unvermeidliche Unterschied zwischen der polnischen und nichtpolnischen Sicht auf diesen Papst! Aber Wojtyła sah auch einen Totalitarismus im zu aggressiven westlichen Kapitalismus. Ich kann mich erinnern, dass ich einmal mit ihm darüber diskutierte (auf dem Dach des Apostolischen Palasts); ich meinte, dass der Totalitarismus ein klar definiertes ideologisches System sei, den man nicht auf eine andere Konstruktion extrapolieren solle. Das war wahrscheinlich der Grund für eine gewisse Distanz und oft fehlendes Verständnis des Papstes dem Westen gegenüber, trotz seines selbstverständlichen Gefühls der gemeinsamen Geschichte und Kultur. Natürlich hieß er die Europäische Union eindeutig gut – wobei für ihn Europa mehr als nur der Westen war. Ich glaube, dass die «jagiellonische» Prägung Polens ihn gegen totalitäre Versuche jeglicher Art immunisierte. Er war empfindlich für die Individualität, Singularität, Einzigartigkeit von Personen und ihren Geschichten, auch von den «kleinen Heimaten», Regionen, und dabei bewahrte er in seinem Gedächtnis eine Unzahl von Menschen, Priestern und Laien, sowie Orte, die er besuchte. Man konnte ihm ansehen, dass er die Welt und Menschen einfach grundsätzlich mochte, auch wenn sie nicht immer sympathisch und vertrauenswürdig waren. Das erklärt seine Naivität bei den Ernennungen zu Bischöfen oder bei der Billigung für die «Legionäre Christi» und seinen Gründer, Marcial Maciel Degollado, der ein notorischer pädophiler Missetäter war. Wojtyła war sicherlich schlecht informiert, dazu kam aber manchmal seine Parteilichkeit, mangelnde Orientierung und fehlender Kritizismus. Bekannt sind seine umstrittenen Bischofsernennungen in Deutschland und Österreich, aber auch in Polen.

Aus dem Polnischen von Barbara Bruks [...]


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