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Jan Heiner Tück Professor für dog-
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JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/com.2021.2.153–159
Johannes Hartl
«UND UNTER TAUSEND HEISSEN TRÄNEN FÜHLT ICH MIR EINE WELT ENTSTEHN»
Emotionen und religiöses Erleben
Biblischer Befund

Der Gott des Alten Testaments ist hochgradig emotional. Von Zorn (Ps 95, 11) ebenso bewegt wie von aufloderndem Mitleid (Hos 11, 8), liebender Leidenschaft und Freude (Zef 3, 17) handelt er so, wie es seinem Herzen entspricht. Zugleich zeigt Gott sich in seinen Gefühlen ansprechbar durch den Menschen. Er lässt sich von Abraham umstimmen (Gen 18, 32), durch tränenreiche Buße in Ninive erweichen (Jona 3, 10), er hört das Weinen und sieht das Elend der Verlassenen (Gen 21, 17). Jene, die es mit ihm zu tun haben, die ihn erfahren und zu ihm beten, tun dies ebenso auf höchst emotionale Weise. Dem Herrn wird gedient mit Jubel (Ps 100, 2) und Zittern (Ps 2, 11). Angst und Entsetzen erfahren jene, die Gott begegnen (Gen 15, 12), sie fallen nieder (Ez 1, 28) und bangen um ihr Leben (Jes 6, 5). Im Neuen Testament verkörpert Jesus die ganze Bandbreite der gottmenschlichen Gefühle (Mk 3, 5; Lk 10, 21) und ebenso emotional sind die Reaktionen auf ihn, gerade im Lukasevangelium (Lk 6, 11; Lk 7, 38; Lk 5, 8). Ob Freude, Neid, glühender Hass, Liebe oder tiefste Anbetung: bei Jesus bleibt niemand neutral.

Glaubensleben, das zutiefst von Emotionen durchzogen ist, darf auch für die frühe Kirche als Norm angesehen werden. Paulus betet unter Tränen für die Korinther (2 Kor 2, 4) und am Pfingsttag werden die Jünger für betrunken gehalten (Apg 2, 13). Die Christen kennzeichnet jubelnde Freude (1 Petr 1, 6.8), und doch weinen sie auch solidarisch mit den Trauernden (Röm 12, 15). Der biblische Glaube ist also weit davon entfernt, eine rein intellektuelle Angelegenheit zu sein, er hat zutiefst mit emotionalem Erfahren zu tun.

Ein ambivalentes Verhältnis

Die Frage nach der Bedeutung und dem Sitz der Glaubenserfahrung ist in der Theologie an vielen Stellen gestellt worden. Gott ist der Schöpfer der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Wie, wenn nicht ganzheitlich, sollte der Mensch, der als sein Abbild erschaffen ist, sich ihm gegenüber verhalten? Er ist «mysterium tremendum et fascinosum (Rudolf Otto). «Denn das Schöne fordert auf jeden Fall eine gesamtmenschliche Reaktion». Der Mensch ist Individuum aus Körper und Geistseele, in der Begriffe wie Herz, Verstand, Gefühl und Gewissen nur die Funktion haben können, akzentuierte Bereiche einer aber immer untrennbaren Einheit zu beleuchten. Der Glaube betrifft den Menschen als Ganzes. Religiosität, die den affektiven Bereich des Menschen ausklammert, wäre nicht nur inhuman, sie widerspräche fundamental der Lehre von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen und erst Recht jener von der Inkarnation. Dass Gott Mensch geworden ist, verleiht dem Menschlichen höchste Würde und Bedeutsamkeit. Zugleich geschieht die Offenbarung als Fleischwerdung des Logos. Die reine Erfahrung der Patriarchen mündete in und wurde ergänzt durch das richtende Torah-Wort. In der johanneischen Theologie schließlich wird der göttliche Logos Fleisch, doch zugleich sind es Worte, die Geist und Leben vermitteln (Joh 6, 63). Ebenso bei Paulus und in den Briefen: der Glaube kommt vom Hören (Röm 10, 17) und es ist das Wort Gottes, das zwischen den Regungen des Herzens scheidet (Hebr 4, 12), nicht alle Geisterfahrungen sind auch schon von Gott (1 Joh 4, 1).

Stoisches Erbe? Das christliche Zeugnis von der Erfahrung ist also von Anfang an durchzogen von dem reflektierenden Sprechen darüber, auch der Kritik daran und der Suche nach Kriterien ihrer Überprüfung. Die frühe christliche Theologie entsteht im geistesgeschichtlichen Klima der griechischen Philosophie. Weit verbreitet sind die Lehren der Stoa, in der Selbstbeherrschung und Leidenschaftslosigkeit zentrale Tugenden sind. Die stoische Lehre von der «Apatheia» und die neuplatonische Geringschätzung des Körperlichen finden durchaus Anknüpfungspunkte im Neuen Testament. In der Aszetik der frühen Mönchsbewegungen und den Lehren vieler Kirchenväter wird es zum durchgehenden Refrain: Abtötung der Sinne, Flucht vor den fleischlichen Begierden. Gefühle gelten nicht nur nicht als zuverlässige Wegweiser auf dem geistlichen Weg, sie sind geradezu feindlich. Die leibfeindlichen Tendenzen des Neuplatonismus fördern die Abwertung des Körperlichen und Emotionalen bei einseitiger Betonung der intellektuellen und transzendenten Dimensionen des Glaubens.

Die Kritik an der gefühlsmäßigen Ergriffenheit wird zum immer wiederkehrenden Topos der spirituellen Theologie bis in die Neuzeit. Interessant ist dabei jedoch, dass nur etwas der kritischen Reflexion unterzogen werden kann, was grundsätzlich vorhanden ist. Deutlich zu sehen ist das etwa bei den großen Lehrern der Karmelmystik, Teresa von Avila und Johannes von Kreuz. Zwar betont letzterer in all seinen Werken die Bedeutung des Nicht-Schmeckens und des Verzichts auf jede göttliche Tröstung, gibt dennoch aber an zahllosen Stellen zu, dass es auf dem geistlichen Weg Visionen und Erfahrungen gibt, die «Gewahrwerdung, Liebe oder Zärtlichkeit mitteilen». Noch auffälliger ist es bei Teresa: ihre Schriften quellen über von Berichten von tief emotionalen geistlichen Erfahrungen, auch hier ist es keine Kritik an den religiösen Gefühlen selbst, sondern eher ein Hinweis zum korrekten Umgang damit.

Der Wert des Emotionalen

Neben der Kritik am übermäßig Emotionalen gibt es immer auch die Kritik am einseitig Rationalen. Nicht die scholastische Theologie allein, sondern die «schmeckende Weisheit durch Erfahrung» ist für Bernhard von Clairvaux der Mittelpunkt der spirituellen Theologie. Bei Ignatius von Loyola schließlich sollen religiöse Gefühle durch Imagination bewusst evoziert werden, und der geistliche Geschmack ist sogar ein wichtiger Wegweiser. «Denn nicht Vielwissen sättigt die Seele, sondern Kosten und Fühlen der Dinge von innen.» Es ist vielleicht kein Zufall, dass es das Zeitalter der Entdecker und Naturforscher ist, in dem auch Blaise Pascal im Jahr 1654 seine im Mémorial formulierte Gotteserfahrung macht: Gott ist Feuer, nicht der Gott der Philosophen. «Freude, Freude, Freude, Freudentränen.» Es wird zunehmend die Erfahrung, die den existenziellen Glaubensakt zu halten vermag. Die pietistischen Bewegungen des 18. Jahrhunderts stellen das gefühlshafte Empfinden weiter in den Mittelpunkt. «I felt my heart strangely warmed», berichtet John Wesley im Tagebuch von seinem Bekehrungserlebnis im Jahre 1738. Wenige Jahre später hat der Methodismus Englands Kirchenlandschaft tiefgreifend verändert, während die «First Great Awakening» die nordamerikanischen Kolonien unter Zerknirschungstränen und Errettungsjubel im Sturm erobert. Über den Pietismus hin zum Pentekostalismus, Jesus-People-Movement und der Charismatischen Bewegung: In den folgenden Jahrhunderten wird das emotions- und erfahrungsbezogene Christentum ein weltweites Phänomen. Das «International Dictionary of Pentecostal and Charismatic Movements» geht in den Jahren 1900 bis 2025 von einem fast zehnfachen Wachstum von 981.000 auf 811 Millionen Christen aus, die sich dem pfingstlerisch-charismatischen Lager zurechnen. Zwar trug bereits die Allgäuer Erweckungsbewegung Anfang des 19. Jahrhunderts die klassischen Kennzeichen eines solchen Aufbruchs (und dürfte wohl die pastorale Theologie Johannes Michael Sailers maßgeblich beeinflusst haben), doch wurde die katholische Welt erst mit dem Beginn der Charismatischen Bewegung in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts umfassender davon angesteckt. [...]


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