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THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/com.2021.3.243–259
Jan-Heiner Tück
GOTT IN DER KRISE
Die Corona-Pandemie als theologische Herausforderung
Ist die Epidemie eine Strafe Gottes? Eine fällige revanche de dieu gegen eine gottvergessene Generation? Zu Beginn der Corona-Krise gab es vereinzelt Stimmen, die das archaische Deutungsmuster neu bemüht haben. Auch der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff meinte, die Corona-Pandemie als «Vergeltungsmaßnahme der Mutter Erde» bezeichnen zu sollen. Er prangerte den rücksichtslosen Raubbau der natürlichen Ressourcen an und deutete Krankheiten wie das Corona-Virus als Folge unverantwortlichen menschlichen Verhaltens. Zwar vermied Boff , direkt von einer «Rache Gaias» zu sprechen, da, wie er einschränkend festhielt, «die große Mutter Erde keine Rache nimmt». Aber da der Mensch die deutlichen Anzeichen der ökologischen Krise und des Klimawandels in der Vergangenheit ignoriert habe, sende die Erde nun doch Vergeltungsmaßnahmen wie die Corona-Pandemie. Boffs Kritik am Raubbau der Erde und einer ökologisch unverantwortlichen Profitgier ist nur allzu berechtigt, zumal die Verbreitung des Corona-Virus auch durch menschliches Versagen verursacht wurde. Aber die Stilisierung der «großen Mutter Erde» zu einer Rachegöttin, die zur Strafe für das rücksichtlose Verhalten der Menschen Vergeltungsmaßnahmen verhängt, kann theologisch ebenso wenig überzeugen wie Strategien einer Gottesbeschimpfung, die den Schöpfer auf die Anklagebank setzen. Alternativ dazu möchte ich ein Deutungsangebot vorlegen, das schöpfungstheologische, eschatologische und christologische Bausteine zusammenführt und zeigt, dass der Glaube an Gott in der Krise helfen kann. Wenn die Welt und ihre evolutive Entfaltung nicht das Produkt bloßen Zufalls ist, sondern sich dem freien Schöpfungsakt eines guten und allmächtigen Gott verdankt, dann wird dieser Gott seine von Krankheit und Leid durchzogene Schöpfung auch eschatologisch vollenden können. Diese Hoffnung hat insofern ein christologisches Fundament, als in Leben, Tod und Auferweckung Jesu die rettende und todüberwindende Macht Gottes bereits offenbar geworden ist.

1. Die Pandemie – eine Geißel Gottes?

Albert Camus‘ Roman «Die Pest» In der Literatur des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts gibt es zwei prominente Romane, die den Einbruch von Epidemien behandeln. Albert Camus (1913–1960) hat in seinem Roman Die Pest (1947) den Ausnahmezustand einer Seuche literarisch durchgespielt. Gewiss, er hat die Ausbreitung der Pest als Parabel für die Ausbreitung der NS-Ideologie genommen. Aber das Buch lohnt auch im Kontext der Corona-Pandemie eine Relektüre. Erst sterben Ratten, dann Menschen. Immer mehr. Angst und Egoismus breiten sich aus, aber auch Hilfsbereitschaft und praktische Solidarität mit den Erkrankten steigen. Die Stadt wird abgeriegelt, keiner gelangt mehr heraus. Die Präfektur verhängt Sicherheitsmaßnahmen, veröffentlicht täglich Statistiken mit immer weiter ansteigenden Todesraten. In der Kathedrale wird eine Gebetswoche abgehalten. Man ruft den Pestheiligen St. Rochus an. Der angesehene Jesuitenpater Paneloux, der kaum zufällig über die Theologie des hl. Augustinus forscht2, wird ausersehen, die Predigt zu halten. Er betritt die Kanzel und hält den verängstigten Leuten eine klassische Strafpredigt. Die Pest ist eine Geißel Gottes. «Meine Brüder, ihr seid im Unglück, meine Brüder ihr habt es verdient.» Unter Verweis auf die ägyptischen Plagen fährt Paneloux fort: «Das erste Mal erscheint diese Geißel Gottes in der Geschichte, um die Feinde Gottes zu strafen. Pharao widersetzte sich den Absichten des Ewigen, und die Pest zwingt ihn in die Knie. Seit allem Anfang der Geschichte wirft die Geißel Gottes die Hochmütigen und Verblendeten zu seinen Füßen nieder. Bedenket das und fallt auf die Knie.» Und er resümiert:

Wenn euch heute die Pest anschaut, so deshalb, weil der Augenblick des Nachdenkens gekommen ist. Die Gerechten brauchen sich nicht davor zu fürchten, aber die Bösen haben Ursache zu zittern. In der unermesslichen Scheuer des Weltalls wird der unerbittliche Dreschflegel das menschliche Korn dreschen, bis die Spreu vom Weizen geschieden ist. Es wird mehr Spreu geben als Weizen, mehr Berufene als Auserwählte, und dieses Unglück ist nicht von Gott gewollt. Zu lange hat diese Welt sich mit dem Bösen vertragen, zu lange hat sie sich auf das göttliche Erbarmen verlassen. Man musste nur bereuen, dann war alles erlaubt. Und jeder war seiner Reue sicher. Wenn es darauf ankam, würde man sie gewiss empfinden. Bis dahin war es am einfachsten, wenn man sich gehen ließ, das Göttliche Erbarmen würde schon für das Übrige sorgen. Nun, das konnte nicht so weitergehen. Gott hat so lange sein Antlitz des Mitleids den Menschen dieser Stadt zugekehrt; jetzt hat er, des Wartens müde, enttäuscht in seiner ewigen Hoffnung, seinen Blick abgewandt. Des göttlichen Lichtes beraubt, sind wir jetzt für lange Zeit in die Finsternis der Pest gestürzt! (79)

Paneloux deutet die Pest als Anstoß zur kritischen Selbstbesinnung. Er wettert gegen eine laxe Moral, die mit Verweis auf die göttliche Barmherzigkeit die Chance zur Umkehr verpasst, und spielt mit dem Motiv des Gerichts die eschatologische Scheidung zwischen Spreu und Weizen ein. Dr. Bernard Rieux, Arzt, Atheist und Protagonist des Romans, hinterfragt die straftheologische Deutung der Pest. Er setzt sich bis an die Grenze der totalen Erschöpfung für die Pestkranken ein. In einem Gespräch gegenüber Dritten äußert er sich zur Strafpredigt des gelehrten Paters:

Paneloux ist ein Büchermensch. Er hat nicht genug sterben sehen, und deshalb spricht er im Namen einer Wahrheit. Aber der geringste Priester, der auf dem Land seine Gemeinde betreut und dem Atem eines Sterbenden gelauscht hat, denkt wie ich. Er wird dem Elend zu steuern suchen, ehe er es unternimmt, seine Vorzüge aufzuzeigen. (105)

Doch Paneloux bleibt dem Leiden seiner Zeitgenossen gegenüber nicht unempfindlich. Er ist seinerseits bereit, sich praktisch zu engagieren, und schließt sich dem freiwilligen Sanitätsdienst an. Dabei muss er das langsame und qualvolle Sterben eines Kindes mitansehen. Im Anschluss daran kommt es zu einem Zwiegespräch zwischen Rieux und dem Pater.moralisch zu empören, gelte es ihn zu lieben, selbst dann, wenn man ihn nicht verstehe.

‹Es gibt Zeiten in dieser Stadt, da ich nur mehr meine Empörung spüre.› ‹Ich verstehe›, murmelte Paneloux. ‹Es ist empörend, weil es unser Maß übersteigt. Aber vielleicht sollen wir lieben, was wir nicht begreifen können.› Rieux richtete sich mit einem Schlag auf. Mit der ganzen Kraft und Leidenschaft, deren er fähig war, schaute er Paneloux an und schüttelte den Kopf. ‹Nein, Pater›, sagte er. ‹Ich habe eine andere Vorstellung von der Liebe. Und ich werde mich bis in den Tod hinein weigern, die Schöpfung zu lieben, in der diese Kinder gemartert werden. (182)
[...]


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