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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/com.2021.3.260–271
Joachim Negel
THEOLOGIE DER LEBENSKUNST – ODER: WAS DAS CORONAVIRUS MIT DEM LIEBEN GOTT ZU TUN HAT
Theologische Mucken und sapientiale Grillen aus gegebenem Anlass
Situationsbeschreibung: Eine Gemengelage der Stimmungen und Gefühle

Im März vor einem Jahr: Eine tiefe Verstörung ergreift die Gemüter. Was soeben noch Forderung globalen Wirtschaftens war: Spontaneität, Flexibilität, Steigerung, Wachstum, Vernetzung, offene Grenzen, ist von einer Woche auf die andere verboten. Ein sog. Lockdown wird verhängt, Flugzeuge bleiben am Boden, Warenflüsse stagnieren, Städte und Länder werden geschlossen, Kindergärten, Schulen und Universitäten zugesperrt: eine Art globale Fastenzeit (Quarantaine = Quadragesima), die sich über alles legt wie ein dumpfer Nebel. Das offene Gesicht und die ausgestreckte Hand gelten plötzlich als gefährlich; man geht sich aus dem Weg, und wo dies nicht möglich ist, trägt man Maske und hält Abstand. Umarmung und Händedruck, einst Zeichen von Freundschaft und Kollegialität, werden ersetzt durch ein Stoßen der Ellbogen oder ein Treten an den Fußknöchel.

Zugleich in den Nachrichten die von Tag zu Tag sich verändernden Prognosen der Virologen und Ökonomen; ihnen kommt das schwierige Amt der neuen Priester und Propheten zu; man erwartet, dass sie Fragen beantworten, Heilsversprechen geben, Sicherheit schenken: Wie lange wird es dauern, bis ein wirksamer Impfstoff gefunden ist? Welche logistischen Probleme sind zu lösen, um in möglichst kurzer Zeit 60, 80, 100 Millionen Menschen zu impfen, am Ende gar drei oder vier Milliarden? Wie lange ist der Lockdown wirtschaftlich durchzuhalten? Wann kippt das System?

Es ist die Stunde von Vater Staat, von dem alles erwartet wird (umfassende Sicherheit, unendliche Milliardenzuschüsse, vollkommene Ablässe der Entschuldung), und dem man zugleich tief misstraut: Laufen da nicht Notstandsverordnungen vorbei an Parlament und Recht?! Und so tauchen sie auf, die Unheilspropheten und Apokalyptiker, Zweifler, Ungläubige, Magier der Entlarvung, die auf ihre Weise versuchen, die verstörende Wirklichkeit in den Griff zu bekommen: Dunkle Mächte müssen hinter dieser Geschichte stecken, China und Amerika, Bill Gates und die Wallstreet, die der Welt mittels Vakzine bio-digitale Chips injizieren wollen. Überhaupt, so schwarz, wie sie uns vorgestellt wird, ist die Pandemie gar nicht. Kann man das Virus denn sehen? Nein, das kann man nicht, man muss dran glauben, aber wir glauben nicht daran, denn wir wissen, was hier gespielt wird: Eine globale Diktatur soll installiert werden! – Ähnlich die Scharlatane, die sich zu Wort melden, nicht nur die medizinischen, sondern auch die politischen, esoterischen, religiösen: «We should try disinfectant, it kills the virus within minutes.» «Mundkommunion überträgt das Virus nicht, da ist der transsubstantiierte Jesus vor.» «Von Impfen ist abzuraten, man kann dem Virus nur traumenergetisch oder vegan beikommen. »

Das Internet, so hilfreich es in dieser Situation auch ist, fungiert zugleich als Aufregungs- und Empörungsbeschleuniger. Die nicht enden wollende Informationsflut schwemmt eben auch unendlich viel Banalität, Dummheit und Lüge in jede Seele, sie überfordert noch den besonnensten Menschen, macht auf Dauer apathisch und dumpf. Wie soll man dem monothematischen Overkill auch standhalten («Corona» auf allen Kanälen), abgesehen davon, dass man nicht zehn Stunden am Tag auf die Mattscheibe starren kann. Wir sind Wesen aus Fleisch und Blut, wir sind der körperlichen Nähe und Präsenz bedürftig, wir haben einen Leib, wir atmen, wir essen, wir verdauen und schlafen, wir haben Sehnsucht nach Bewegung, nach Liebe, nach Zärtlichkeit und Umarmung. Die Kinder zumal und die Jugendlichen, die alleingelassenen Alten in den Seniorenheimen, die Sterbenden auf den Fluren der überfüllten Krankenhäuser, die Krematorien, in denen sich die Särge stapeln, all die stille Verzweiflung in den Familien, die überforderten Eltern, die in sogenanntem «Home-Schooling» den Nachwuchs monatelang selber unterrichten müssen, die geheime Gewalt in den Wohnungen, die stille oder auch sehr laute Aggressivität, die sich da plötzlich Raum schafft: Man ist seit Monaten mit sich selber konfrontiert in einer Weise, die einen spüren lässt, wie wenig man das eigene Leben im Griff hat, wie rasch man sich abhandenkommt, wenn die Umstände schwierig werden. Ein leiser, stiller Krieg, der an die Seelen geht und auf Dauer die Nerven zerrüttet.

Und doch ist diese Beschreibung einseitig. Denn da gibt es so vieles, das überrascht, und zwar vom ersten Tag an: Wieviel an Improvisationsfreude, an spontaner Nachbarschaftshilfe, an Tapferkeit, Geduld, Solidarität und Bereitschaft, in die schwierige Situation einzuwilligen, das Beste draus zu machen. Da werden plötzlich ungeahnte Ressourcen mobilisiert: In Mailand und Rom etwa das abendliche Singen auf den Balkonen, um sich gegenseitig aufzumuntern; in Zürich und Bern der spontane Verzicht vieler Vermieter auf die Mieteinnahmen, um den Ladenbesitzern das Überleben zu ermöglichen; Gourmet- Restaurants in Berlin und Hamburg, die ihre Köstlichkeiten tausendfach in die Spitäler liefern, um den Krankenschwestern und Ärzten eine Freude zu machen. Und dann jene dichte, weitgespannte Welterfahrungsgemeinschaft nicht nur im Leiden, sondern auch und vor allem im Kampf gegen die Pandemie, man denke nur an die Wissenschaftler, die in einem geschichtlich einzigartigen transnationalen Ruck binnen weniger Monate erste Vakzine entwickeln, um der Pandemie zu begegnen: Wieviel an entsagungsvoller Arbeit, wieviel an kartäuserhafter Askese ist nötig, um über winzigste Details an Erkenntnisse zu gelangen, aus denen dann Hilfe für viele erwachsen kann!

Und der liebe Gott? Aporetische Fragen an Theologie und Kirche

In dieser weltweit einzigartigen Situation, gespeist nicht zuletzt aus der Erfahrung, wie sehr in den vergangenen drei Jahrzehnten seit dem Zusammenbruch der bipolaren Nachkriegsordnung die Welt zum globalen Dorf geworden ist, fällt auf, wie wenig den Kirchen zur Corona-Krise einfällt.1

Natürlich: Auch in vielen Pfarrgemeinden gab und gibt es höchst eindrucksvolle Beispiele von Improvisationsgeschick, Einsatzfreude und gelebter Solidarität. Aber das ist es nicht. Es scheint, dass angesichts der Corona-Krise es den Kirchen, ja den Christen insgesamt, die Sprache verschlagen hat, wo man doch gerade von ihnen, die ihr Leben aus einer Hoffnung schöpfen, die über den Tod hinausgeht, ein starkes Wort erwartet hätte. Während vom kirchlichen Verlautbarungschristentum sonst zu bald jedem Thema eine Stellungnahme zu erwarten ist (Nachrüstungsdebatte, weltweite Konzernverantwortung, Abtreibungsfrage, Atomkraft, Afghanistaneinsatz), geben sich Bischöfe und Theologen im Blick auf eine theologische Deutung der Corona-Krise seltsam wortkarg. Ob das mit der seit vielen Jahrzehnten schwelenden Krise des Gottesglaubens zu tun hat? Natürlich ist es wohlfeil, zu erwarten, man möge zu einem Verhängnis, wie es im Frühjahr 2020 über uns gekommen ist, sofort und restlos einen tiefsinnigen, allseits befriedigenden Kommentar abgeben. Kirchenleute sind da nicht weniger überfordert als Politikerinnen und Journalisten. Überhaupt gilt ja, dass, je mehr uns etwas Unfassbares auf den Leib rückt, die Worte versiegen. Leid und Not bringen zwar Klage und Jammer hervor, und insofern sind sie beredt – zuletzt aber wollen sie schweigend ausgetragen werden. Gerade das vollmundige Bereden des Unsäglichen ist fehl am Platz. Leid und Mitleid sind niemals geschwätzig.

Und doch fehlt da etwas. Denn auch der eindrucksvollste Aktivismus und die diskreteste Solidarität können nicht verbergen, dass die Frage, was denn die Corona-Pandemie eigentlich mit Gott zu tun habe, kaum gestellt wird. Es ist ja schön, wenn etwa Papst Franziskus in seinem Geleitwort zum Buch Christsein und die Corona-Krise, herausgegeben von Kardinal Kasper und George Augustin, schreibt: «Ich bin dankbar für viele Zeichen spontaner Hilfsbereitschaft und heldenhaften Einsatzes von Pflegekräften, Ärzten und Priestern. Wir haben in diesen Wochen die Kraft gespürt, die aus dem Glauben kommt.»2 Zugleich fällt aber auf, dass selbst der Papst in Hinsicht auf eine Überwindung der Pandemie seine Hoffnung weniger auf das Bittgebet setzt oder ein explizites Wunder, als auf die rasche Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs. Ob das merkwürdige Schweigen von Theologie und Lehramt bezüglich der Frage, was Gott mit der Corona-Pandemie zu tun habe, nicht womöglich darin begründet liegt, dass in den letzten Monaten nur noch einmal deutlicher geworden ist, was man sowieso insgeheim weiß: Dass, wenn es hart auf hart kommt, von Gott gar nichts zu erwarten ist, der Mensch vielmehr ganz auf sich allein gestellt ist?

So scheint mir die gegenwärtige Pandemie-Krise die seit langem schwelende Krise der Gottesfrage noch einmal mehr auf die Spitze zu treiben: Wer eigentlich soll das sein, jener Gott, «der alles so herrlich regieret»?3 Wenn er «alles regieret» (und das ist tradierte Glaubensüberzeugung aller biblischen Religion), dann regiert Gott (auf welche Weise auch immer) auch das Corona-Virus. Haben wir dieses Virus also ihm zu verdanken? Wenn ja – inwiefern? Was führt Gott im Schilde? Wenn aber nein – inwiefern «regiert» er dann «alles so herrlich»? Regiert er wirklich alles so herrlich?

Man merkt, in welche denkerischen Abgründe die Corona-Krise uns führt. Und man versteht gut, dass Lehramt und Theologie nur ungern an diese Fragen rühren. Denn hier steht mit einem Mal alles zur Debatte: die Frage nicht nur nach einem geschichtlich identifizierbaren Wirken Gottes in der Welt, sondern zuletzt überhaupt die Frage nach der Existenz Gottes, wie Schrift und Tradition sie bekennen. Was soll das auch für ein Gott sein, dessen Schöpfungswerk sich unablässig in evolutionären Prozessen vollzieht, weshalb Pest- und Cholerabazillen, Corona- und Polioviren, Erdbeben, Vulkanausbrüche und Überschwemmungen aus der Sicht des Menschen zwar schreckliche Übel sein mögen, aus der Sicht der Evolutionsbiologie hingegen notwendiger Bestandteil einer in ständigen Werde- und Zerfallsprozessen befindlichen Biosphäre?!

Die Theodizeefrage führt sich hier selber ad absurdum. Denn was uns das Leben ermöglicht: eine evolutiv sich fortschreibende Natur, wird uns über kurz oder lang auch das Leben kosten. Moderne Formen kosmischer Spiritualität, die «Mutter Natur» bzw. «die Schöpfung» zur Geberin alles Guten stilisieren, helfen da nicht weiter. Die Natur, so wie wir sie kennen, ist hoch ambivalent, weshalb die alte häretische Frage sich auch nicht so einfach erledigen lässt: Könnte es sein, dass der biblische Schöpfungsbericht von Anfang an den Mund zu voll nimmt, wenn er verkündet, die Schöpfung sei «im Anfang» «sehr gut» gewesen? (Gen 1, 1.31) Die frühe Kirche wusste sich gegenüber der stringenten Argumentation eines Häretikers wie Marcion, der im Kosmos das Werk eines zweifelhaften Demiurgen erblickte, nicht anders zu helfen, als auf dem Zeugnis der Schriften des Alten Bundes zu beharren4 – mit der fragwürdigen Konsequenz, alles Böse jetzt dem Handeln des Menschen (dieser anderen Seite der Natur) anzulasten. Ob man «verblendeter Freiheitsdrang» sagt oder «Hochmut» oder «selbstidolisierendes Sein-Wollen-wie-Gott»: alle diese Versionen, die in der ein oder anderen Variante auch in den letzten Monaten wieder zu hören waren, als es darum ging, Gründe für die rasche Ausbreitung des Corona-Virus zu finden, kaschieren nur die alte marcionitische Frage: Wie konnte das Böse aus dem Guten hervorkriechen, wenn es denn wirklich das Gute war?5

Die Sprachlosigkeit der Kirchen angesichts der Corona-Krise hat diese fatalen Probleme einmal mehr offengelegt. Denn wo die Natur in ihrer lebenschaffenden wie -vernichtenden Ambivalenz erkannt ist, taugt sie als Epiphaniestätte eines seine Geschöpfe liebenden Schöpfergottes nur begrenzt. Wie aber soll man je von Gott reden können ohne die Welt als seinem Erscheinungsraum?! Ähnliches gilt für jene Ereignisabfolge, die wir «Geschichte» nennen. Bei Homer, Herodot und Vergil, ähnlich wie bei den biblischen Propheten und den Geschichtstheologen der christlichen Spätantike und des Hochmittelalters, haben Gott oder die Götter in dem, was die Menschen befällt, ihre Hand im Spiel. Geschichte ist für sie deswegen Heils- bzw. Unheilsgeschichte. Moderne Historiographen hingegen denken Geschichte immanent-kausal. Von Gott keine Spur.6

Und so verlagert sich die Erfahrung Gottes seit der frühen Neuzeit immer mehr in die menschliche Innerlichkeit (dieser anderen Seite der Geschichte): sola fide, sola gratia, solo verbo! Diese Entwicklung hält bis heute an – man denke nur an Karl Rahners Versuch einer Rückführung aller Theologie auf transzendentale Anthropologie. So bestechend dieser Ansatz auch ist, so stößt man auch hier alsbald an die Grenzen des Sagbaren. Wer könnte ernsthaft Begegnungen jener lebendigen Art für sich reklamieren, wie die großen Mystiker dies tun?! Wer, wie Rahner, behauptet, er habe «Gott, den Lebendigen» als «liebenden Einheitspunkt aller Wirklichkeit» erfahren, als jenes «Herz der Welt», zu welchem man «Du» sagen könne, «weil mein Gebet bei ihm ‹ankommt›»7?! Im Zuge der Krise abendländischer Metaphysik ist uns mit dem Glauben an Gott als sapiential-ordinativer Weltvernunft ja in weiten Teilen auch die transzendentale Innerlichkeit des Menschen als Residuum einer unsterblichen Seele abhandengekommen.8 Und so steht man erneut da in seinem kurzen Hemd. Wie soll man noch von Gott reden, wenn Natur und Geschichte entzaubert sind und Mystik allenfalls etwas für eine Handvoll Religionsvirtuosen ist?

In dieser Situation überrascht es nicht, dass Bischöfe und Kirchenpräsidentinnen, kaum dass das Virus entdeckt und die Gefahr seiner pandemischen Verbreitung erkannt war, sich allenthalben beeilten, einer nicht sonderlich interessierten Öffentlichkeit zu versichern, dass Covid19 natürlich «keine Strafe Gottes» sei. Das Gebot der Stunde sei vielmehr die Einhaltung der allgemeinen Hygieneregeln sowie Solidarität mit den Risikogruppen, den Infizierten und den sie Pflegenden. – Ist das alles, was wir zu sagen haben? Für solche Trivialitäten, die natürlich vernünftig sind und überhaupt nicht in Frage gestellt werden sollen, braucht es kein Christentum. Wenn die Kirchen nur wiederholen, was sowieso common sense ist, dürfen sie sich nicht wundern, wenn sie als «nicht systemrelevant» eingeschätzt werden. Allen Schwierigkeiten, den Gottesglauben fundamentaltheologisch zu begründen, zum Trotz: Haben wir aus dem Riesenfundus einer zweitausendjährigen Tradition denn nicht mehr zu sagen als das, was «die Welt» oder «die Gesellschaft» sich selber sagen können?

Im Folgenden soll versucht werden, diese Sprachlosigkeit zumindest ein wenig zu unterlaufen, und zwar mit Hilfe einiger biblischer Urgedanken. Jeder von ihnen erinnert uns an unsere Endlichkeit. Erfahrung von Endlichkeit lässt auf unthematische Weise einen Horizont des Unendlichen aufblitzen; gerade deshalb ist uns die Erfahrung unserer Endlichkeit ja so peinlich: Sie erinnert daran, dass wir im Gegensatz zu den Göttern, den immortales, mortales sind, endliche, vergängliche und insofern fragwürdige Wesen:

Eintagswesen! Was ist einer, was einer nicht? Eines Schattens Traum ist der Mensch.

heißt es bei Pindar (5. Jh. v. Chr.), dem größten der griechischen Kultdichter. Doch dieses Schattenhafte weiß sich immer wieder auch erhellt:

Wenn aber gottgeschenkter Glanz kommt, ruht helles Licht und freundliches Dasein auf den Menschen.9

Von ganz ähnlichen Doppelbewegungen berichten die biblischen Erzähler. Wie Pindar erinnern sie daran, dass wir aus der Gnade eines Größeren leben, der/das zuzeiten auf unserem Antlitz erscheinen will (vgl. 2Kor 3, 18). Was heißt das genau? Vor dem Hintergrund von Corona seien fünf Grundgedanken biblischer Gottesrede/Menschenrede angeschaut.

Was zu sagen wäre, wenn einem nichts mehr einfällt: Erinnerungen an das Grundlegende, Triviale10


(1) «Das Leben währet siebzig Jahr, und wenn es hoch kömmt, sind es achtzig…» (Ps 90, 10) – Es erregte Aufsehen, als im vergangenen Frühjahr Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble an folgende Trivialität erinnerte: «Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig.» Wenn es in einer liberalen Demokratie überhaupt einen absoluten Wert gebe, dann den der «Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.»11 Dass ein landesweit bekannter Politiker, der seit dreißig Jahren auf bewundernswerte Weise die Folgen eines Attentats meistert, nicht nur nüchtern über die eigene Endlichkeit spricht12, sondern den Respekt vor der Würde insbesondere alter und gebrechlicher Menschen nicht ausschließlich oder vor allem in der Verhinderung ihres Sterbens sieht, sondern in der Art des Umgangs mit ihrer Sterblichkeit, lässt aufhorchen. Warum ist das so? Anscheinend weil im Ausfall auch noch der letzten religiösen Gewissheiten der Tod für uns zu einer derartigen Zumutung geworden ist, dass wir um jeden Preis verhindern wollen, dass auch nur irgendjemand an Corona stirbt, wenn wir schon das Sterben an sich nicht verhindern können.

Dagegen bestand einmal die Weisheitlichkeit einer religiösen Lebensführung darin, Umgangsformen mit dem Unverfügbaren zu kultivieren. «Denn alles Fleisch ist wie Gras und seine Herrlichkeit wie des Grases Blume. Das Gras verdorrt und die Blume verwelkt, aber des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit» (1Petr 1, 24f.) Man liest diese Worte und hat sofort den zweiten Satz von Brahms’ Deutschem Requiem im Ohr – ein ergreifendes memento mori, das so tröstlich wirkt, weil es vor dem Hintergrund eines Größeren gesungen ist. Hier wird das Leben gründlich relativiert, und zwar in des Wortes doppelter Bedeutung: Indem seine Bezüglichkeit zu einem Größeren betont wird, kommt gerade in seiner ganzen Vergänglichkeit seine einzigartige Bedeutung an den Tag: «Das Leben ist der Güter Höchstes nicht …»13, und zwar weil das höchste Gut (das summum bonum, das agathon) der Gott ist.14 Von ihm her gewinnt alles Endliche seinen Unendlichkeitswert. Das malum metaphysicum (um mit Leibniz zu sprechen), die Tatsache, dass wir nicht Gott sind, entpuppt sich hier mit einem Mal als bonum metaphysicum: «Was nennst du mich gut?», fragt Jesus den reichen Jüngling. «Niemand ist gut als Gott allein.» (Mk 10, 18 parr)

Wo diese Zusammenhänge in Vergessenheit geraten, läuft man Gefahr, das Leben zur «letzten Gelegenheit»15 zu minimieren. «Er hatte noch so viel vor», liest man dann in den Todesanzeigen. Der da noch so viel vorhatte, war ein Mann von 82 Jahren. Dagegen galt einmal als weise, wer wusste, was es heißt, sterben zu lernen. Das «Denken an den Tod» (griech. melétē thanátou, lat. meditatio mortis) als äußerste Sorge um das Leben ist Ausweis abendländischer Lebenskunst seit ihren Anfängen bei Platon16, Aristoteles, den Epikureern und Stoikern bis hin zur christlichen Mystik.17 «Übe dich täglich darin, mit Gleichmut das Leben verlassen zu können»18 ist nicht Übung in fragwürdiger Nekrophilie, sondern Einübung in Gelassenheit und Lebensmut. Denn nur, wer die Angst, zu kurz zu kommen (d.h. die Angst vor dem Tod), hinter sich gelassen hat, weiß zu leben.19 Dass uns diese Haltung in weiten Teilen fremd geworden ist, liegt wohl auch am Verlust der religiösen Perspektive. Und so bleibt nur die Verlängerung des irdischen Lebens um jeden Preis. Jedoch: Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen, auch kein Impfstoff! Wir glaubten, durch Hospiz-Bewegung und Palliative Care sei ein Bewusstseinswandel eingetreten. Das Gegenteil ist der Fall. Man schaue sich nur die Veränderungen der Friedhofskultur in den letzten zwanzig Jahren an: Die Rasanz, mit der selbst in traditionell katholischen Gegenden die Friedhöfe als Orte dörflicher und städtischer Erinnerungskultur verschwinden, verschlägt einem den Atem. Wo auf den Gräbern einmal zu lesen war «Hic iacet N.N. expectans resurrectionem suam», finden sich heute leere Wiesen und kaum sichtbare Urnenfelder, wenn man nicht gleich ganz zur kompostierbaren Aschekapsel im Friedwald oder zur Seebestattung übergeht. Die Toten lösen sich auf. Wir ertragen ihre Gegenwart nicht! Sieht so ein erwachsener Umgang mit der eigenen Endlichkeit aus?

(2) Natürlich nicht. Und so kommen wir zu einer zweiten biblischen Grundeinsicht: «Furchtbar ist es, in die Hand des lebendigen Gottes zu fallen.» (Jes 6, 5; Ex 33, 20; Dt 4, 24; Hebr 12, 29) – Der Satz wird theologisch selten bedacht. Der Grund liegt wohl darin, dass wir das biblische Offenbarungsgeschehen viel zu schnell von seinem glücklichen Ende her bedenken, den schmerzlichen Weg, der bis dahin zurückzulegen ist, aber ausblenden. Dies ist die doketische Versuchung aller Religion: die Härte und Widerständigkeit des Lebens durch spirituelle Surrogatbildung abzufedern. Als Israel aus Ägypten auszog, lagen nicht die fruchtbaren Auen des Gelobten Landes vor ihm, sondern vierzig Jahre Wüstenwanderung. Und als Jesus sich in die Arme seines Gottes warf, war nicht Ostern, sondern Karfreitag. «War Israel glücklich mit seinem Gott? War Jesus glücklich mit seinem Vater?» – so fragt einer, der sich gegen die allenthalben anzutreffende sedative Verzweckung Gottes vehement zur Wehr setzt: Johann Baptist Metz, der Gründervater der Neuen Politischen Theologie; er starb nur wenige Wochen vor Beginn der Pandemie. Was hätte er zu ihr wohl zu sagen gehabt? Vermutlich hätte er Fragen gestellt. Vielleicht diese: «Macht Religion glücklich? Macht sie ‹reif›? Schenkt sie Identität? Heimat, Geborgenheit, Frieden mit uns selbst? Beruhigt sie die Angst? Beantwortet sie die Fragen? Erfüllt sie die Wünsche, wenigstens die glühendsten?» – «Ich zweifle»20, so Metzens Antwort. Was uns die Corona-Pandemie einmal mehr vor Augen führt, ist, wie sehr die Erfüllung der Verheißungen Gottes aussteht. Wir leben in einer Welt, in der bis auf weiteres der Tod das Regiment führt. Ein Ende ist nicht abzusehen. Das ist unsere existentielle Situation. Aus ihr ergibt sich unsere Berufung als Christen: Eingedenk der Auferweckung Jesu aus dem Tod sollen wir der Toten eingedenk sein; wir sollen Gottes Treue für sie einklagen, denn seine Nähe, die sich an Jesus machtvoll erwies, ist uns fern. Wie aber könnten wir um Gottes Ferne wissen, wenn er uns in seiner Ferne nicht immer wieder so merkwürdig nahe wäre?! GODISNOWHERE – dieses karfreitagliche Rätselwort lässt sich doppelt lesen: GOD IS NOWHERE – GOD IS NOW HERE. (Vgl. Mk 15, 39) Die Fähigkeit, dieser Dialektik geistlich Ausdruck zu verleihen in Liturgie, Gebet und Predigt, ist Ausdruck einer reifen, erwachsenen Religiosität. Allein sie ist dem menschgewordenen Gott und damit dem Menschen, dieser anderen Seite Gottes, gemäß.

(3) Mit der letzten Bemerkung geraten wir vor ein weiteres, höchst Wichtiges: «Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und den Propheten, was in der ganzen Schrift über ihn geschrieben steht.» (Lk 24, 27) – Christentum ist von Anfang an eine hermeneutische Religion, das ganze Neue Testament ein einziger vielstimmiger Midrasch zu den Schriften des Bundes Gottes mit seinem Volk. Im Spiegel des Alten Testaments, dieses polyphonen Erinnerungsschatzes Israels, im Klangraum der Psalmen, der Weisheitsliteratur, der vielen dramatischen Um-, Ab- und Aufbrüche in den Propheten- und Geschichtsbüchern wird das Fragwürdige, Gewundene, Zweifelhafte und Zerbrochene, aber auch das Sich-Klärende, -Aufhellende, ins Freundliche sich Wendende menschlichen Lebens erzählt. Man denke nur an den Exodus, die Wüstenwanderung, die politischen Hilf- und Maßlosigkeiten der Könige Judas und Israels, an den Zweifel und Zorn der Propheten (aber auch an das Auftreten der vielen Pseudopropheten und Scharlatane im Buch Jeremia), an Jerusalems Untergang, an die Vertreibungen, die zaghafte Rückkehr aus Babylon und den Neuanfang auf gebrochener Erde. Was wäre da nicht alles in Erinnerung zu rufen, welch unermesslicher Raum an Sprache und Tonfall, um das Bestürzende zu deuten und zu rahmen, das mit der Corona-Pandemie über uns gekommen ist! Und verhält es sich mit Auftrag, Sendung und Geschick Jesu nicht ähnlich? Ist nicht auch seine Lebensgeschichte eine einzige große Parabel, bestehend aus Dutzenden kaleidoskopartigen Gleichnissen, in denen sich das Frag- und Staunenswürdige jenes Gottes, auf den er vertraute, zu erkennen gibt? Was wäre nicht alles aus dem zu lernen – gerade heute und hier!

(4) Eine solche Hermeneutik scheint nun freilich aus einer bestimmten Form des Gebets zu erwachsen. Sie lautet: «Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!» (Phil 4, 6) Diese Aufforderung ist merkwürdig: Da soll man in allem Flehen seine Not dankend vor Gott bringen. Wie das? – Ein kleiner Vers aus den «Sonette an Orpheus» kann uns da weiterhelfen: «Nur im Raum der Rühmung darf die Klage gehen»21, mahnt Rilke. Warum dies so ist, liegt auf der Hand: Das Risiko ist ja groß, dass wir im Bitten das längst Erhaltene aus dem Blick verlieren. Und so wird unser Klagen kläglich, das Hadern bitter und das Bitten jämmerlich. Dies alles gilt es zu vermeiden. Damit soll nicht im mindesten geleugnet werden, dass es menschliche Notsituationen gibt, vor denen man nur erschaudern kann. Und doch ist in aller Bitte und Klage das Wehleidige zu vermeiden. Demut und Starkmut schließen einander nicht aus, im Gegenteil. Nur der wirklich Starkmütige kann demütig im echten Sinn des Wortes sein. Wer hingegen angesichts der Minderungen, die einem jeden im Laufe des Lebens abverlangt werden, und der Herbe, die uns auferlegt ist, immer sofort mit der Theodizeefrage um die Ecke kommt, riskiert, aus dem Blick zu verlieren, dass unserer Seele zwar die Signatur des Unendlichen eingegraben ist und wir deshalb der göttlichen Natur immer schon teilhaftig sind (2Petr 1, 4), wir aber kein Götter sind, sondern sterbliche Menschen und insofern schattenhafte Tagwesen (vgl. Pindar): fragwürdig, misslich, heikel, bedenklich, zweifelhaft, vielschichtig, doppelbödig, prekär. Das Prekäre ist das, was des Bittens / des Betens bedürftig ist (lat. precarius leitet sich her von lat. prex, preci, preces: bittweise erlangt). Ein Mensch, der um seine Gebetsbedürftigkeit weiß, ist einer, der um seinen «kranken Nachbarn» weiß.22 Und das führt uns zu einem letzten Gedanken:

(5) «Ertragt einander in Geduld und Liebe.» «Wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat, vergebt einander.» (Eph 4, 2; Kol 3, 13) – Merkwürdig, wie solche biblischen Worte plötzlich an Aktualität gewinnen, und zwar in einer Öffentlichkeit, deren religiöses Resonanzvermögen in normalen Zeiten nicht sehr entwickelt zu sein scheint: «Wir werden in ein paar Monaten einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen», so Jens Spahn, der Bundesgesundheitsminister, im Frühjahr letzten Jahres im Deutschen Bundestag. Dass ein Politiker so offenherzig seine Ratlosigkeit einbekennt und zugleich daran erinnert, dass endliche Menschen immer wieder der Verzeihung bedürfen, hat Staunen erregt. Aber wird damit nicht eigentlich nur an eine Selbstverständlichkeit erinnert?! In einer Zeit, die bei aller Bedrohung auch eine gesegnete ist (man denke an die Spanische Grippe vor 100 Jahren, die sich so desaströs auswirkte, weil die Mittel, die uns heute ganz selbstverständlich zur Verfügung stehen, nicht existierten) –: in einer solchen Zeit gehen wir nicht selten hart und unerbittlich miteinander um. Wie, wenn wir uns der Einsicht erinnerten, dass wir, da endliche Wesen, nicht alles zugleich haben können: uneingeschränkte Freiheit und ständige Steigerung der Lebensqualität bei ebenso total garantierter Sicherheit, Prävention und Vorsorge. Es scheint, dass die Corona-Pandemie uns einlädt, Abschied zu nehmen von so mancher Lebenslüge. Vielleicht lernen wir dadurch, den schwierigen Segen des Endlichen und Begrenzten neu zu schätzen: Dass unser Leben in seiner Einmaligkeit unersetzlich ist und doch angesichts des Ewigen Gottes auf wohltuende Weise etwas höchst Relatives. Hat man dies einmal verinnerlicht, lichtet sich das Feld. Die uns gestundeten Jahre sind nicht unsere «letzte Gelegenheit», wir haben es deshalb auch nicht nötig, sie bis ins letzte auszupressen. Wir können sie vielmehr in Demut, Aufmerksamkeit und mit einer gehörigen Portion Humor hinnehmen lernen als das, was sie sind: eine uns auf Zeit gewährte Lebensspanne, in der im Kleinen Großes möglich ist. Wir könnten lernen, «das Zeitliche zu segnen», wie man früher einmal sagte. Zur Kultivierung einer solchen im Angesicht der Corona-Pandemie hochgemuten und doch demütigen Haltung dem Leben und seinem Gott gegenüber etwas beizutragen – darin läge nicht nur die eminente Aufgabe, sondern auch die große Chance einer christlichen Lebenskunst in postchristlicher Zeit.

Anmerkungen
1 Damit soll nicht behauptet sein, dass kirchliche Broschüren und theologische Postillen die Corona-Krise ignorieren würden; das Gegenteil ist der Fall. Was hier behauptet werden soll, ist vielmehr folgendes: Es fehlt eine dezidiert theologische Phänomenologie dessen, was uns derzeit auf allen Ebenen von Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft, Medizin, Gesundheitspolitik und Kultur widerfährt. Ob man zum wiederholten Male die unlösbare Theodizee-Frage scharf macht, die klassische Soteriologie bemüht oder der Krise pastoraltheologisch oder kirchenpolitisch zu Leibe rückt –: Man bekommt das Phänomen selbst (und damit sich selbst!) kaum in den Blick. Ausnahme unter den vielen theologischen Publikationen zum Thema ist der Ende letzten Jahres im Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach veröffentlichte Corona-Blog der beiden Gerlever Benediktinermönche Elmar Salmann und Marcel Albert: 77 Tage Ausnahme Leben – oder: Wie uns ein Virus auf andere Gedanken brachte. In Anschluß daran Elmar Salmann, Corona. Vorläufiger Rückblick auf ein epochales Ereignis, einsehbar unter: https://www.guardini.de/projekte/guardini-akut/guardiniakut-kw-48-elmar-salmann.html (zuletzt abgerufen am 20. April 2021).
2 Walter Kardinal Kasper – George Augustin (Hg.), Christsein und die Corona-Krise. Das Leben bezeugen in einer sterblichen Welt, Ostfildern 2021, 6.
3 Joachim Neander [1680], Lied: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren (Strophe 2).
4 Adolph von Harnack, Marcion: Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der Katholischen Kirche, Leipzig 1921.
5 Erinnert sei hier an Fridolin Stier, Reinhold Schneider und Joseph Bernhart. Alle drei haben im 20. Jahrhundert diese Frage in einer Dringlichkeit gestellt, die bis heute nicht eingeholt ist.
6 Walter Benjamins Weigerung, «Geschichte grundsätzlich atheologisch zu begreifen», bleibt im Konzert der Philosophie des 20. Jahrhunderts eine einsame Stimme. In seinen Vorarbeiten zum «Passagenwerk» heißt es: Geschichte im Sinne von Historiographie ist «nicht allein eine Wissenschaft sondern nicht minder eine Form des Eingedenkens […]. Das Eingedenken kann das Unabgeschlossene (das Glück) zu einem Abgeschlossenen und das Abgeschlossene (das Leid) zu einem Unabgeschlossenen machen. Das ist Theologie; aber im Eingedenken machen wir eine Erfahrung, die uns verbietet, die Geschichte grundsätzlich atheologisch zu begreifen, so wenig wir sie in unmittelbar theologischen Begriffen zu schreiben versuchen dürfen.» (GS V/1, 589.) – Den letzten Versuch, den Discours sur l’histoire universelle von Jacques Bénigne Bossuet aus dem Jahr 1681, in welchem als lenkende Kraft aller materiellen und ideellen Ursachen und Wirkungen der Wille Gottes zur Ausbreitung des Christentums und zum ewigen Heil der Menschen zu Darstellung kommt, darf man als grandios gescheitert ansehen. – Zur Thematik insgesamt Karl Löwith, Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Die theologischen Voraussetzungen der Geschichtsphilosophie [1949/1953], in: Sämtliche Schriften, Stuttgart 1983, 7–279.
7 Atheisten und Gläubige. Karl Rahner im Gespräch mit der Redaktion von «Vigilia», Budapest 1984, in: Glaube in winterlicher Zeit. Gespräche mit Karl Rahner aus den letzten Lebensjahren, hg. von Paul Imhof und Hubert Biallowons, Düsseldorf 1986, 159–168, hier 162.
8 Jürgen Habermas, Auch eine Geschichte der Philosophie Bd. 1: Die okzidentale Konstellation von Glaube und Wissen, Berlin 2019, 21–174.
9 Pythische Oden VIII (5), 95–97.
10 Das «Triviale» ist das Grundlegende; in den septem artes liberales der mittelalterlichen Universitäten waren die Trivia Grammatik, Dialektik, Rhetorik die Grundlage allen Studierens; erst wenn man sich in ihnen hinreichende Kenntnisse erworben hatte, durfte man zu den Quadrivia hinüberwechseln: Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik.
11 Interview mit der Zeitung «Der Tagesspiegel» (26. April 2020).
12 «Gegenüber den Jüngeren ist mein natürliches Lebensende ein bißchen näher. Meine Angst ist aber begrenzt. Wir sterben alle.» (Ebd.)
13 Friedrich Schiller, Die Braut von Messina IV, 10. – Das Zitat endlich bekanntlich wie folgt:«… der Übel größtes aber ist die Schuld.»
14 Platon, Resp. 379a – 380c. – Vgl. auch Symp. 202d-e; Phaidr. 246d; Theait. 176b.
15 Marianne Gronemeyer, Das Leben als letzte Gelegenheit. Sicherheitsbedürfnisse und Zeitknappheit, Darmstadt 1993.
16 Platon, Phaid. 81a.
17 Vgl. neben den bis heute höchst lesenswerten Ausführungen von Romano Guardini (Die letzten Dinge [1940]; Der Tod des Sokrates [dritte erweiterte Aufl. 1947]; Die Lebensalter. Ihre ethische und pädagogische Bedeutung [1959]; Die Annahme seiner selbst [1960]; Vom Sinn der Schwermut [1963]) auch das wunderbare Buch von Paul Rabbow, Seelenführung. Methodik der Exerzitien in der Antike, München 1954.
18 Seneca, Brief an Lucilius IV, 5.
19 Vgl. die entsprechenden Ausführungen von Wilhelm Schmid, Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung, Frankfurt a.M. 1998, 333–355.
20 Johann Baptist Metz, Die Rede von Gott angesichts der Leidensgeschichte der Welt, in: Stimmen der Zeit 210 (1992), S. 311–320.
21 Rainer Maria Rilke, Sämtliche Werke, hrsg. vom Rilke-Archiv in Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke, Frankfurt a.M. 1987, Bd. I, 735.
22 Vgl. die Schlußstrophe des Abendliedes von Matthias Claudius: «So legt euch denn ihr Brüder / in Gottes Namen nieder: / Kalt ist der Abendhauch. / Verschon uns Gott mit Strafen / und laß uns ruhig schlafen / und unsern kranken Nachbarn auch.»

Abstract
The Corona Virus and the Good God. The Corona pandemic once again reveals the crisis of faith in God. Neither the classical answers of a theology of creation nor those of a theology of revelation (Christology) satisfy, as the pandemic reveals the profound ambivalence of both nature and history, that other side of nature. This essay therefore proposes an alternative path: Against the background of a theology of the art of living, it strives for a phenomenologically accurate description of the existential situation of the human being as a finite being and asks how, from faith in God, the experience of one‘s own finitude is to be dealt with.

Keywords:

belief – theodicy – death – suffering – God’s action

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