zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 3/2021 » Leseprobe 3
Titelcover der archivierte Ausgabe 3/2021 - klicken Sie für eine größere Ansicht
Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

Lesen Sie hier
 
Ausgaben-Index 1972 bis heute
Chronologisch- thematische Liste aller Hefte von 1972-heute
Autoren-Index 1972 bis heute
Alphabetische Liste aller Autoren und Ihrer Artikel
Unsere Autoren
Hier erhalten Sie einen Überblick unserer Autoren.
Die internationalen Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio finden Sie hier.
<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Leseprobe 3 DOI: 10.14623/com.2021.3.281–290
Käte Meyer-Drawe
AUGEN–BLICKE
Überlegungen zum Antlitz und seinen Verhüllungen
«Ein erstaunliches Faktum:
Das Auge ist der einzige Körperteil des Menschen, der spiegelt.» (Friedrich Kittler)

1. Masken und Gesichter

In der digitalen Kommunikation nehmen Gesichtsausdrücke einen immer größeren Raum ein. Grimassen und artifizielle Mienenspiele werden geübt, an Emojis delegiert und zurückgespiegelt, um ganz bestimmte Gefühle auszudrücken und hervorzurufen. Selfies werden bearbeitet und verschickt. Währenddessen wird in Zeiten von Corona das mit einem Mund-Nasen-Schutz teilmaskierte Gesicht, wenn auch nicht ausnahmslos, normalisiert. Manch einen überkommt jedoch der Verdacht, dass damit unsere mimische Konversation erheblich gestört werde. Während die Manipulation des Gesichtsausdrucks in der Welt der Bilder kaum noch Grenzen kennt, scheint die lebendige Mimik zu verarmen. Es kann aber auch sein, dass sich diese Verlustbilanz an Gesichtsfiktionen orientiert, an Vis-à-Vis-Begegnungen, die uns zeitgenössische Gesichtsbilder wie etwa bei Facebook oder Instagram zwar vorgaukeln, die unsere Alltagserfahrungen allerdings nicht bestätigen. Überdies suggerieren virtuelle Selbstbilder eine unmittelbare Begegnung mit dem eigenen Gesicht, die uns deshalb versagt ist, weil wir mit uns selbst keine Blicke wechseln können.

Rätselhaftigkeit belebt das Begehren. Das gilt auch für das menschliche Gesicht, selbst wenn das nicht zu allen Zeiten und in allen Kulturen gleichermaßen gilt. Gefühlsausdrücke unseres eigenen Gesichts bleiben uns fremd, weil jeder Spiegel und jedes Bild für sie zu spät kommen. Bevor wir sehen, werden wir gesehen. Es ist bemerkenswert, dass sich unser Sehvermögen in der Genese sehr viel später ausbildet als unsere anderen Sinneswahrnehmungen. Dabei spielt das Gesicht der anderen eine wichtige Rolle. Mit wenigen Monaten lächelt der Säugling unter bestimmten Umständen den Erwachsenen an. «Das Gesicht muß ihm von vorn dargeboten werden, so daß der Säugling beide Augen sehen kann, und das Gesicht muß sich bewegen.» Deshalb können auch Masken ein Lächeln hervorrufen. Säuglinge lassen ihre Bezugspersonen nicht aus den Augen. Das Gesicht der anderen wird zur Selbstverständlichkeit, aber auch zur Ursache leidvoller Erfahrungen. Experimente, die unter dem Stichwort «Still-face» eine fragwürdige Berühmtheit erlangten, konnten darstellen, welche Qual ein unbewegtes Muttergesicht ohne jede Resonanz auf den Säugling in der Face-to-Face-Situation bedeutet. Zunächst versucht das Kleinkind, durch intensives Grimassieren und Gestikulieren Resonanzen der Mutter hervorzurufen. Die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen endet in verzweifeltem Weinen, was wiederum in den meisten Fällen die Regungslosigkeit des mütterlichen Gesichts unmöglich macht. Für die emotionale Entwicklung von Säuglingen sind die Resonanz im Angesicht des anderen und der Blickwechsel kaum zu überschätzen. Wenn sich die Mutter statt dem Gesicht des Kindes anhaltend dem Interface zuwendet, fallen wichtige Anregungen weg.

Uns Heutigen ist es mitunter schwer verständlich, dass es Gesellschaften gegeben hat, in denen menschliche Gesichter kaum beachtet wurden. In der jüngeren Altsteinzeit etwa spielt das Gesicht von Menschen keine wichtige Rolle. Reichliches Beweismaterial für diesen Befund liefern die Höhlenbilder aus dem Paläolithikum und die zahlreichen gesichtslosen Venusstatuetten. Da wir heute in einer – wie Thomas Macho sagt – «facialen Gesellschaft» leben, ist es für uns befremdlich, dass die Face-to-Face-Kommunikation einstmals nicht das vorherrschende, wenn auch irreführende Emblem sozialen Miteinanders war. Höhlenbilder zeugen von dem, was man sich merken wollte. Es fehlt das Vertraute, das zum Alltag gehört: das Gesicht. Erst nach der Sesshaftwerdung ändert sich dies. Es entsteht ein neolithischer Totenkult, der dem Zusammenhalt des Stammes und der Aufrechterhaltung kohärenter Lebensräume dient. Ein «Gedächtnis für die gründungsrelevanten Personen» muss erschaffen werden. Diese erhalten über ihren Tod hinaus Gesichter, damit ihre Macht und ihr Schutz weiterhin wirksam sind. Die Herstellung solcher Masken weckt die Aufmerksamkeit für menschliche Gesichter, die zuvor im Vertrauten untergingen. So gesehen sind Masken früher als Gesichter, die in unserer Zeit als echt oder authentisch der Verstellung gegenüberstehen.

Kultische Schädelmasken manifestieren die Idee des Gesichts wie Leichen das Wissen von einem nicht fragmentierten Körper. Nicht nur in früheren Kulturen erfährt der Mensch an sich selbst weder sein Gesicht noch die Einheit seiner Glieder. Spiegel und Leichen liefern einen Ersatz. Ideale unserer leiblichen Existenz wachsen uns daher nicht nur von außen zu, sondern entspringen einer gelebten Utopie, einem Begehren, das in versagten Anblicken wurzelt. Unsere eigenleibliche Erfahrung ist deshalb bestimmt durch Bilder, damals durch die gefertigten Masken oder die toten Körper der anderen. Es folgen stehende Gewässer oder Spiegel, dann Porträts, Fotografien oder Filme. Heute brauchen digitale Medien keine Rücksicht auf das Original zu nehmen. Sie bringen es gleichsam selbst hervor.

In der Zivilisationsgeschichte unserer westlichen Tradition wird das Gesicht immer wichtiger. Während etwa die Griechen der Klassik noch keine Notwendigkeit sehen, zwischen Maske und Gesicht zu unterscheiden und beides prosopon nannten, unterscheiden die Römer bereits zwei Bedeutungen: facies und vultus, «die beide auf die Maske nicht anwendbar waren, nämlich facies für das natürliche Gesicht, das seinen Träger identifiziert, und vultus für das bewegte Gesicht mit dem Ausdruck des Mienenspiels.» Im Griechischen liegt der Schwerpunkt darauf, dass das Gesicht eine Ansicht bietet. Prosopon vermittelt keine innere Gefühlsbewegung. Die römische Bestimmung des Gesichts ist sehr durch den Mund geprägt und vom Sprechen beeinflusst. Facies gilt im Unterschied zu vultus weitgehend als unveränderlich. Eine facies kann man nicht vortäuschen, einen vultus schon. Man kann eine gute Miene zum bösen Spiel machen. Eine facies kann man anschauen, einen vultus durchschauen. Die Fassade und die Expression können sich allerdings wechselseitig im Wege stehen wie bei missglückten schönheitschirurgischen Eingriffen oder übertriebenen Botoxbehandlungen. Man kann versuchen, sein Gesicht zu wahren, man kann es aber auch verlieren. Beides ist unserer Sichtbarkeit geschuldet, die wir nicht wählen können. Als Menschen ist es uns unmöglich, uns nicht blicken zu lassen. Unser Gesicht bezeugt, dass wir niemals mit uns selbst anfangen können, oder, um es mit Edmund Husserl zu sagen, dass «der fremde Mensch konstitutiv der an sich erste Mensch ist». [...]


Lesen Sie den kompletten Artikel in der Printausgabe.

Zurück zur Startseite

Komfortabler Online-Bereich mit Archiv-, Download- und Suchfunktion sowie komplettem Autorenregister.

Online-Ausgabe einsehen

Online-Ausgabe bestellen
Jahresverzeichnis 2019

Hier erhalten Sie das Jahresverzeichnis 2020
Newsletter
Unser Newsletter informiert Sie über die Inhalte der neuesten Ausgabe.
Verein der Freunde und Förderer Communio e.V.
Allgemeines zu unserem Verein
Sie wollen unserem Verein beitreten?
Vereinssatzung

Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Communio
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | Sitemap | AGB | Widerruf | Datenschutz | Impressum