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THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/com.2021.4.431–443
Walter Kardinal Kasper
JESUS CHRISTUS IN DER WELT VON HEUTE BEZEUGEN
Reflexionen zur Christologie
Es ist mir eine Freude, zur Eröffnung des akademischen Jahres* über ein Thema zu sprechen, das mich seit Anfang meines theologischen Wegs beschäftigt. Als junger Gymnasiast wurde für mich das Buch Der Herr von Romano Guardini prägend. Mein eigenes Buch Jesus der Christus, habe ich in der Nachkonzilszeit vor fast 50 Jahren geschrieben. So ist es für mich eine Freude, heute nochmals über ein Thema nachdenken zu können, das in meiner persönlichen Lebensgeschichte und das für jeden Christen von fundamentaler Bedeutung ist.

Seit meiner ersten Beschäftigung mit der Christologie ist viel Wasser den Tiber hinabgeflossen. Viele biblisch-exegetische, historische sowie systematische Fragen stellen sich neu. Doch die Grundfrage ist die gleiche. Jesus hat sie seinen Jüngern bei Caesarea Philippi auf dem Weg nach Jerusalem gestellt. «Für wen halten mich die Leute?» In dieser ernsten Situation ging es Jesus nicht um neueste Umfrage- und Beliebtheitswerte. Jesus fragt: «Ihr aber, für wen haltet ihr mich?» (Mk 8,27–30 par.). Diese Frage richtet sich an jeden von uns. Wir heißen Christen, weil wir auf Jesus Christus getauft. sind. Das Bekenntnis zu Jesus Christus ist unsere christliche Identität.

Man klagt gegenwärtig viel über den Relevanzverlust der Kirche. Doch relevant kann nur sein, wer Identität und Profil hat. Relevant kann die Kirche nur sein, wenn sie weiß wer sie ist und wenn sie ihre ureigene Botschaft von Jesus dem Christus neu relevant macht. Ohne christologische Erneuerung hängen alle anderen noch so wünschenswerten Erneuerungsbemühungen in der Luft.

Die Theologie ist aufgerufen, Rechenschaft (apologia) zu geben vom Grund unserer Hoffnung, die Jesus Christus ist (1 Petr 3,15). Sie ist fides quaerens intellectum: Glaube, der nach dem Verstehen fragt (Anselm von Canterbury). Sie muss fragen und sie muss auch Fragen zulassen, was es denn heißt, Jesus Christus in der Welt von heute zu bezeugen.

1. Die Grundfrage der Christologie

Die Locus classicus der Christologie ist Joh 1,14: «Das Wort ist Fleisch geworden. » Dieses Wort ist heute vielen schwer verständlich. In der Theologie wird es als relativ späte neutestamentliche Christologie von oben bezeichnet, die man durch eine Christologie von unten ersetzen müsse. Dabei wird übersehen, dass die Christologie von oben ihre Wurzeln in bereits vorpaulinischer Tradition hat. Paulus zitiert sie im Präskript des Römerbriefs: Er spricht vom «Evangelium Gottes», «von seinem Sohn, der dem Fleisch nach geboren ist als Nachkomme Davids» (Röm 1,3). Die Christologie von oben ist das übereinstimmende Zeugnis des Neuen Testaments. Sie entspringt der Einsicht, dass das Elend des Menschen so tief ist, dass er sich nicht selbst aus seinem Elend erlösen kann. Er kann sich nicht gleichsam an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen; er ist auf die Hilfe von oben angewiesen. Karl Barth sagte einmal: Die Christologie von oben ist wie ein Wasserfall aus 3000 Meter Höhe. Damit kann man etwas machen. Die Christologie von unten ist der hoffnungslose Versuch, das Wasser mit einer Handpumpe auf die gleiche Höhe zu treiben.

Die neue Frage nach dem historischen Jesus, so wie ich sie in den 50er Jahren kennen gelernt habe, konnte dann aufzeigen, dass es gute Gründe gibt, dass die nachösterliche Sohn-Gottes-Christologie von oben grundgelegt ist in Jesu Verkündigung und im Verhältnis des irdischen Jesus zu Gott, den er seinen Vater nannte. So ist die Christologie von oben im Licht von Ostern die Explikation der vorösterlichen impliziten Christologie des irdischen Jesus.

Daraus ergibt sich die Grundthese der gesamten Christologie. Sie lautet: Der auferstandene und erhöhte Christus des Glaubens ist der Jesus der Geschichte. Oder umgekehrt formuliert: Der irdische Jesus von Nazareth ist der Sohn Gottes, den wir im Apostolischen Glaubensbekenntnis mit dem Satz bekennen: «Ich glaube an Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, geboren von der Jungfrau Maria.»

Die grundlegende Frage der Christologie ist darum, was die Konjugation «ist» in dem Bekenntnis «Jesus von Nazareth ist der Sohn Gottes» bedeutet. Mit dieser Ist-Aussage macht das christologische Bekenntnis eine ontologische Aussage, d.h. eine Seins-Aussage, die am inkarnatorischen Charakter des Christusbekenntnisses festhält und jedes doketische Verständnis des Christusglaubens zurückweist. Das christologische Bekenntnis kann darum nicht als Chiffre, als Begriffskonstrukt, als Ideologie oder als ein rein existential zu interpretierendes Wortgeschehen verstanden werden. Es hat sein reales Fundament in der Geschichte Jesu von Nazareth, seinem Tod und seiner Auferstehung

Doch damit fängt das christologische Problem erst an. Die Frage ist: Was meint das ist im christologischen Bekenntnis: Jesus ist der Sohn Gottes? Die unterschiedslose Identifikation eines Menschen mit Gott wäre die Mythologie eines auf Erden wandelnden Gottes, für den die menschliche Gestalt nur die äußere Verkleidung und Vermummung, gleichsam eine Livree ist, wie Karl Rahner sagte. Oder noch schlimmer, das christliche Bekenntnis wäre dann eine Idolatrie, die einen Menschen als Gott anbetet, wie es uns von muslimischer Seite vorgehalten wird.

Was also bedeutet das christologische «ist»? Welche Art von Ontologie liegt ihm zu Grunde? Um diese Frage dreht sich die gesamte christologische Lehrentwicklung der alten Kirche; um diese Frage geht es heute erneut. Das möchte ich im Folgenden unter vier Aspekten aufzeigen.

2. Die Logos-Christologie von der Menschwerdung des Sohnes Gottes

Eine erste Antwort gibt uns die altkirchliche Logos-Christologie des Konzils von Chalkedon (451), welche bis heute das christologische Bekenntnis der Kirche ist: Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch, unvermischt und ungetrennt (DS 302). Adolf von Harnack hat diese Formel ebenso wie die des Konzils von Nikäa (325) als eine Hellenisierung der christlichen Botschaft und als bloße Verlegenheitslösung zum Ausgleich zwischen den beiden Schulen von Alexandrien und Antiochien bezeichnet. Die Lehre von den zwei Naturen ist seither für viele geradezu zu einem Reizwort und zu einem roten Tuch geworden.

Die neuere Forschung hat gezeigt, dass diese Kritik am Konzil von Chalkedon vorbeigeht. Dem Konzil ging nicht von der Frage aus, wie die beiden Naturen zusammengesetzt werden können; es geht im Sinn des Kyrill von Alexandrien aus von der einen Hypostase des Logos und sagt: Jesus Christus ist einer und derselbe (heis kai autos) als wahrer Gott und wahrer Mensch, unvermischt und ungetrennt. Erst dann fügt das Konzil dieser Einheitschristologie Einschübe aus dem bekannten Brief Leo d.Gr. an Patriarch Flavian von Konstantinopel hinzu, die sagen, dass jede der beiden Naturen in der ihr eigenen Weise wirkt.


* Vorlesung zur Eröffnung des Akademischen Jahres 2020/21 am Collegium und Athenäum Anselmianum in Rom am 5. Oktober 2020. Ich habe die ursprünglich italienische Vortragsform belassen und auf Anmerkungen verzichtet. Der Text wird in wesentlich erweiterter Form mit den notwendigen Verweisen in «Erneuerung aus dem Ursprung. Theologie – Christologie – Eucharistie» (Ostfildern 2021) veröffentlicht werden. [...]


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