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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/com.2021.5.559–570
Peter Hoeres
KATHOLIZISMUS UND NATION – VOR 150 JAHREN UND HEUTE
1. Ein Spannungsverhältnis

Zwischen Katholizismus als Repräsentationsform einer universalen Religion, die jeden Menschen in die Gemeinschaft Christi berufen will und mit Christi Erlösungstat jedem Menschen ein Heilsangebot unterbreitet, und der Bindung an die natio, die Geburtsherkunft, die Sippe, das Volk und die moderne politische Nation besteht ein Spannungsverhältnis. Die Apostel wurden von Jesus plötzlich berufen und ließen ihre Familien zurück, um ihm zu folgen. Das Apostelkonzil sprengte später die Bindung an die jüdische Religion und das jüdische Volk; die Christen wandten sich nun auch direkt an die Heiden. Die Mission sollte die Heilsbotschaft zu allen Völkern bringen. Die Kirche war katholisch und wurde seit dem zweiten Jahrhundert so genannt, weil sie für das Ganze, Allumfassende zuständig war, so die Bedeutung von καθολικός.

Zugleich streiften die Christen ihre Herkunft nicht ab. Paulus blieb stolzer römischer Bürger und Petrus Jude, es kamen Christen aus vielen Völkern hinzu. In der Apostelgeschichte werden die Sprachen genannt, in denen die Apostel durch die Aussendung des Heiligen Geistes an Pfingsten nun verstanden werden konnten. Die nationes wurden damit gerade nicht aufgehoben, sondern zugänglich. Frühchristliche gnostisch gefärbte Tendenzen zu Einheitsvisionen der irdischen Welt wie beim Alexandriner Origenes wurden durch Augustins Unterscheidung der zwei Staaten in realistische Bahnen gelenkt: Gott selbst hat die irdischen Reiche verteilt und die Ordnung der Welt bleibt einstweilen bestehen, ist aber relativ und provisorisch. Die civitas Dei ist keine «irdische[] Theokratie», sondern «eine sakramental-eschatologische Größe, die in dieser Welt als Zeichen des Kommenden lebt».

Neben der einen Universalkirche bildeten sich ihre «Töchter» heraus; mit Stolz nennt sich die gallikanische Kirche die «älteste Tochter der Kirche», aber auch in Polen oder Irland gibt es einen dezidierten Nationalkatholizismus: Die Entwicklung der Nation und zum eigenständigen Nationalstaat war hier eng mit dem Katholizismus verbunden. Ein solcher Nationalkatholizismus hat sich aus einsichtigen Gründen in Deutschland jenseits von kurzfristigen Tendenzen im Febronianismus nicht entfaltet. Allerdings sind derzeit mit dem «Synodalen Weg» und diversen Bestrebungen zu Sonderwegen und Abkopplungen paradoxerweise just zu einer Zeit, in der vermeintlicher oder tatsächlicher Nationalismus heftig von Gremien des deutschen Katholizismus bekämpft wird, durchaus Ansätze dazu zu beobachten. Wir kommen am Schluss darauf zurück.

Zunächst soll hier aber das Verhältnis der beiden Loyalitätsspender Nation und Katholizismus für die Zeit behandelt werden, in welcher der Konflikt besonders deutlich hervortrat, ebenso aber eine Integration in die Nation zu beobachten ist: die Zeit des Deutschen Kaiserreiches, dessen Gründung sich heuer zum 150. Male jährt. Dabei ist zu bedenken, dass der Konflikt zwischen Liberalismus und Katholizismus, Staat und Kirche, Nation und Religion in zahlreichen europäischen und lateinamerikanischen Ländern im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts offen ausbrach, teilweise sogar in Kriege mündete wie den Schweizer Sonderbundskrieg, den italienischen Kampf um Rom, den mexikanischen Reformkrieg oder die spanischen Karlistenkriege.3 Der Kulturkampfbegriff stammt bereits aus dem Jahr 1840. Im Deutschen Reich erhielt der Konflikt durch den Bikonfessionalismus und die Politik Bismarcks eine besondere Ausprägung, die von einer heftigen Eskalation, aber auch einem relativ raschen Abflauen der Auseinandersetzung gekennzeichnet war.

2. Von Reichsfeinden zu Reichspatrioten im Kaiserreich

Die Reichsgründung im Spiegelsaal von Versailles am 18. Januar 1871 war für viele Deutsche der glücklich erlangte Endpunkt des langen, beschwerlichen und umkämpften Weges zum Nationalstaat. Nach den Siegen in den Einigungskriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich fand die deutsche Nation endlich zu einem stabilen Gehäuse; dieser Nationalstaat ging auch in den Katastrophen des 20. Jahrhunderts nicht unter, sondern besteht bis heute fort. Die Bundesrepublik steht in direkter völkerrechtlicher und nationalstaatlicher Kontinuität zum Deutschen Reich von 1871. Bei den Katholiken fiel der Jubel über die Reichsgründung aus mehreren Gründen wesentlich gedämpfter aus als bei den protestantischen Landsleuten. Der neue Nationalstaat war erstens kleindeutsch, die katholischen Österreicher waren aus der deutschen Geschichte nach dem preußischen Sieg von 1866 herausgedrängt worden. Die katholisch-süddeutsche Option für ein Großdeutschland unter österreichischer, damit also habsburgisch-katholischer Vorherrschaft, war damit perdu. Somit befand man sich zweitens in einer Minderheitenposition im neuen Reich wieder, zwei Drittel der Deutschen waren protestantisch, ein Drittel katholisch. Drittens wurde die protestantische Vorherrschaft zum einen durch die preußische Monarchie und die preußische politische, ökonomische und demographische Dominanz verstärkt, zum anderen durch die Übermacht der Protestanten im Militär, in den Universitäten und in der Bürokratie. Dissens gab es viertens auch in den Geschichtsbildern. Während die Protestanten eine Linie von Arminius beziehungsweise «Hermann dem Cherusker » als antirömischem Stifter über die zur Nationalstaatsbildung unfähigen römisch-deutschen Kaiser zum gegen Rom protestierenden Luther und dem aufgeklärten Preußen Friedrichs des Großen zogen, sahen die Katholiken im Missionar Bonifatius als «Apostel der Deutschen» den von Rom geschickten Gründervater Deutschlands und in Luther den großen Spalter der Nation. In der Sybel-Ficker-Kontroverse 1859 bis 1862 verteidigte der katholische Historiker Julius Ficker die Italienzüge der römisch-deutschen Kaiser und eine spezifisch germanische Staatsidee gegen die nationaldeutsch orientierte Kritik Heinrich von Sybels am Ideal einer theokratischen Universalmonarchie, die zu Lasten eines nationalen Königtums die deutsche Entwicklung behindert und das Land unablässig in Weltkriege verwickelt habe.

Zu diesen mentalen Vorbehalten und strukturellen Problemen kamen im neuen Reich konfliktträchtige Verschärfungen hinzu. Der nun staatstragende Nationalliberalismus fremdelte nicht nur mit dem Katholizismus, er hielt ihn gar für einen Fremdkörper im Staat, ja in der Moderne. Der Liberalismus bedeutete eben nicht nur Freiheit und Befreiung, sondern auch die Absolutsetzung der Aufklärung, des wissenschaftlichen und ökonomischen Fortschritts und nicht zuletzt des Primats der Nation. Gegenüber einer Bindung an einen absoluten Herrscher jenseits der Alpen (ultra montes), gegenüber dem Vorrang des Glaubens vor dem Wissen, der Autorität vor der Rationalität, des Gefühls vor dem Verstand legte man wenig bis gar keine Toleranz an den Tag. Zugleich verstärkte sich die Frontstellung des Papstes, der nunmehr Gefangener inmitten eines ihm feindlich gesinnten italienischen Nationalstaats war, und der Kirche gegenüber der modernen Welt und ihren Einrichtungen, den säkularen Nationalstaaten und ihren Verfassungen, gegenüber den wertblinden und tendenziell religionsfeindlichen Wissenschaften, gegenüber den autonomen, ausdifferenzierten Funktionssystemen der modernen Gesellschaft und ihren Lebenswelten.

Nach dem päpstlichen Syllabus errorum von 1864, der Verurteilung der modernen Irrtümer, kulminierte diese Frontstellung in der Verkündigung des Jurisdiktionsprimates des Papstes und des Infallibilitätsdogmas (Pastor aeternus) auf dem Ersten Vatikanischen Konzil, das 1869 begonnen worden war und 1870 wegen des deutsch-französischen Krieges abgebrochen werden musste. Auch die Mehrheit der deutschen Bischöfe, zunächst sogar 19 von 20, hatte die Dogmatisierung abgelehnt, unterwarf sich unter dem Druck Roms aber ebenso wie die Mehrzahl der katholischen Theologen. Die renitenten «Altkatholiken» um den renommierten Theologen Ignaz von Döllinger wurden exkommuniziert und bildeten eine eigene kirchliche Gemeinschaft. [...]


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