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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/com.2021.6.601–609
Johann Hinrich Claussen
WENN DISTANZIERTE SCHWESTERN ZUSAMMENRÜCKEN
Über die Lebensrelevanz von Kult und Kultur, Glaube und Kunst
I

Es klingt dramatisch, ist aber die blanke Wahrheit. Während des langen Corona-Lockdowns herrschten Verhältnisse wie zuletzt im Mittelalter oder wie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Kirchen waren die einzigen offenen, öffentlichen Orte, in denen ein kulturelles Leben möglich war – Kult und Kultur. In Gottesdiensten und Andachten kamen Menschen zum Gebet zusammen, aber nicht nur. An so einigen Orten erhielten Künstlerinnen und Künstler rare Auftrittsmöglichkeiten. Dies waren seltsame Lichtblicke unter einem eingedunkelten Himmel. Auch wenn nicht nur das gesamte Kulturleben, sondern auch weite Teile der kirchlichen Kultur brach lagen, bot sich hier eine Chance für beide Seiten – nicht für großsprecherische Events, wohl aber für kleine, lebensnotwendige Hoffnungszeichen. Sie zeigten an: sinnhaftes Leben ist möglich trotz Corona; Glaube und Künste sind Geschwister; zusammen setzen sie der Einsamkeit eine symbolische Grenze; gemeinsam beharren sie darauf, dass es Kräfte gibt, die vielleicht nicht system-, aber doch lebensrelevant sind.

Es waren eigene gute Erfahrungen, die meinen Kollegen Hannes Langbein, Pfarrer an der Berliner Kunstkirche St. Matthäus und Kunstbeauftragter der Berlin-Brandenburger Landeskirche, und mich dazu bewegten im Juni 2020 diesen Aufruf zu veröffentlichen:

Die Corona/COVID19-Pandemie hat vor allem die Künstlerinnen und Künstler schwer getroffen: Insbesondere freiberufliche Musikerinnen, Schauspieler, Schriftsteller, Tänzerinnen, Performer, die von öffentlichen Auftritten leben, haben in der Krise binnen weniger Tage so gut wie alle Einnahmemöglichkeiten verloren. Sie haben aber auch kaum noch Chancen, ihre Kunst anderen zu zeigen. Seither warten sie auf die Wiedereröffnung von Theatern, Konzerthäusern. Dass die Kirchen mit ihren Gottesdiensten jetzt ein wunderbarer Ort für künstlerische Darbietung jeder Art wären, ist vielen noch nicht bewusst. Dabei könnte die Religionsfreiheit nun der Kunstfreiheit aufhelfen, indem Künstler die Chance erhalten, in Gottesdiensten «aufzutreten». Man müsste ihnen dafür nur einen Freiraum im Gottesdienst geben. Als Gastgeberin kann die Kirche die großen Probleme vor allem freiberuflicher Künstler natürlich nicht lösen, zumal viele Kirchengemeinden nur ein kleines Budget zur Verfügung haben. Aber ein Zeichen dafür, wie wichtig gerade jetzt die Künste sind, können sie setzen. Eine solche Kooperation könnte beiden Seiten aufhelfen: Den Künstlerinnen und Künstlern, die mehr denn je auf Auftrittsmöglichkeiten angewiesen sind. Und den Kirchen, die ohne Gesang mehr denn je auf eine ansprechende ästhetische Gestaltung von Gottesdiensten angewiesen sind. Idealerweise entstehen auf diese Weise bleibende Verbindungen und neue Vertrautheiten, die auch nach der Krise fruchtbar sein könnten.

Dieser Aufruf stieß auf eine überraschend gute Resonanz. Zum Glück aber hatten viele ihn gar nicht gebraucht, sondern waren von selbst aktiv geworden. In der Berliner Matthäus-Kirche wurden die wochentäglichen Andachten vom Berliner Ensemble gestaltet, zudem waren hier die einzigen Ausstellungen der Stadt zu sehen (so fiel das Beuys-Jubiläum nicht völlig aus). In Erfurt gab es literarische Lesungen in Gottesdiensten. Solidaritätskonzerte wurden in Kassel, Nürnberg oder Hameln veranstaltet. Auf eine feine Idee kam in Bayern das landeskirchliche Kunstreferat: Zu Mariä Lichtmess wurden siebzehn Kirchengemeinden aus allen Regionen der Landeskirche in Kunsträume verwandelt. Künstlerinnen und Künstler, mit denen das Kunstreferat seit langem in gutem Kontakt steht, wurden eingeladen, aus ihren Ateliers ein Werk oder zwei in diese Kirchen zu bringen, es im Gottesdienst vorzustellen, mit der Gemeinde darüber zu sprechen und es eine Weile stehen zu lassen, damit Menschen es in den Stunden der «offenen Kirche» betrachten und eine Ahnung von «Hoffnung. Leben.Licht», so der Titel der Aktion, bekommen konnten. Andernorts reichten ganz einfache Handgriffe, wie bei der Aktion «Kirche raus» in Essen-Frohnhausen: Jeden Samstag zur Marktzeit wurden ein Klavier und die Skulptur eines afrikanischen Künstlers vor die Kirchentür gestellt. Der Pfarrer nahm Liederwünsche der Passanten entgegen und spielte geistliche Lieder wie «Lass mich dein sein und bleiben», Volkslieder, Lokalhymnen wie «Glück auf, der Steiger kommt», Songs von den Beatles oder Bob Dylan. Das rührte an, schuf Momente der Begegnung, erfreute, tröstete.

II

Solche Glücksfälle mitten im allgemeinen Unglück geben Anlass zu einer kleinen Grundsatzmeditation über die Verbindung von Glaube und Kunst, die Notwendigkeit eines bildlichen Glaubens, wobei das Bild des Glaubens ganz unterschiedliche Gestalten besitzen kann: als Gemälde, als Skulptur, als sprachliche Metapher oder literarische Erzählung, als Musik und Tanz. Man könnte sagen:

Der christliche Glaube ist eine Einbildung. Denn «glauben» heißt, ein Bild von Gott, Jesus, einem unbedingten Sinn in sich zu tragen. Wer Gott vertraut, Jesus nachfolgt, den Geschmack fürs Unendliche kennt, hat auch ein inneres Bild von ihnen. Dieses verdankt sich immer auch äußeren Anregungen und spiegelt sich in materialen Bildern. Entscheidend ist, dass diese angeeignet, also ein-gebildet werden. Darin liegen die Kreativität und die Freiheit des Glaubens. Entsprechend ist jeder Gottesdienst eine Bildbetrachtung. Was für den einzelnen Gläubigen gilt, trifft auch für die Gemeinschaft der Glaubenden zu. Sie ist ohne ein Bild von Gott, Jesus Christus, unbedingtem Sinn nicht zu denken. In der gemeinsamen Feier werden sie nicht durch ein Gesetz oder eine Macht verbunden, sondern durch ein Bild, das gleichwohl jeder anders betrachten kann. Darin liegen die Verbindlichkeit wie auch die Freiheitlichkeit ihrer Gemeinschaft. Darum ist die Kirchengeschichte eine Kunstgeschichte. Sie entfaltet sich in der Gestaltung, Variation und Vermittlung von Gottes-, Jesus-, Sinnbildern – in Erzählungen, Versen, Gesängen, auf Leinwänden, in Holz und Stein, Architekturen, tanzenden Körpern. Die Theologie ist gut beraten, sich als Kunstfreundin zu verstehen, die sich an dieser unendlichen Produktion erfreut, sie unterstützt, deutend begleitet, aber nicht zu normieren versucht. Denn der christliche Monotheismus ist nicht monoikonisch. Er richtet sich auf den einen Gott aus, erschöpft sich aber nicht in einem Bild von ihm. Er braucht viele davon, fast unendlich viele, um all die unterschiedlichen Aspekte des Glaubens, die verschiedensten Erfahrungen der Gläubigen abzubilden und widerzuspiegeln, anzuregen und zu erbauen. Doch gibt es ein Maß und eine Grenze: das Bild des Kreuzes als das Ende aller Bilder. Der christliche Glaube ist ja nicht nur vielfältig, sondern auch spannungsgeladen. Er verdankt sich einem Bruch, der selbst ein Bild ist: das Kreuz. Es steht für das Zerbrechen aller Menschen- und Gottesbilder, der glatten, glänzenden, glitzernden. Das Kreuz ist das Bild eines Gottes, das alle Gottesbilder durchkreuzt und den Riss sichtbar macht, der die Schöpfung von oben bis unten auseinanderreißt: den Schmerz. So ist die Kirchengeschichte als Kunstgeschichte immer auch eine Konfliktgeschichte. Das rückt sie in die Nähe der Geschichte der modernen Kunst, die ebenfalls eine unabgeschlossene Bewegung aus Kreation und Kritik ist. Doch hat sich die Kunst in der Moderne vom Glauben emanzipiert und weit entfernt. Dabei könnte die Begegnung für beide auch heute noch beglückend sein. Dem Glauben mag dann aufgehen, welche Bildkritik er nötig und welche Bildkreationen er vor sich hat. Der Kunst mag bewusst werden, dass sie einen unbedingten, unendlichen Sinn entfalten kann.

III

Diese Gedanken haben einen Ort in der evangelischen Kirche. Um diesen genauer zu markieren, sei nun ein Rückblick auf ein kirchliches Papier geworfen: die Denkschrift «Räume der Begegnung» (2002). Denkschriften der Evangelischen Kirche in Deutschland haben bekanntlich nicht das Gewicht päpstlicher Enzykliken. Sie sollen das gemeinsame Nachdenken anregen und in dessen Verlauf fortgeschrieben und überwunden werden. Deshalb soll diese Kultur-Denkschrift hier dem beliebten Damals-Heute-Abgleich unterzogen werden. Das lohnt deshalb, weil dieses Papier repräsentativ für das steht, was viele in der evangelischen Kirche über Kultur dachten und denken.

Damals war es eine große Leistung der Denkschrift, den in der evangelischen Theologie und Kirche lange verfemten Begriff «Kultur» programmatisch und konstruktiv zur Diskussion zu stellen. Und dies, ohne sich dabei einem der herkömmlichen theologischen Lager zuzuordnen. Heute hat dieser Impuls weiter an Bedeutung gewonnen. Denn angesichts einer auch kulturellen Verunsicherung wird die Frage nach einem christlichen Beitrag zu dem, was als humane Kultur gelten kann, noch dringlicher.

Damals hat sich die Denkschrift den Herausforderungen gestellt, die sich aus einer vielfältigen «Dynamik des Wandels und zunehmenden Fremdheitserfahrungen» ergeben. Ihre Argumentationslogik zielte nicht auf Bestätigung und Stabilisierung, sie sollte darauf einstimmen, sich offen und angstfrei mit epochalen Transformationen auseinanderzusetzen. Heute gilt dies noch viel mehr. Es entspricht ihrer gedanklichen Linie, wenn bei einer erneuten Lektüre vor allem die dort noch nicht aufgeführten Veränderungen und Innovationen auffallen: weiter fortschreitende Säkularisierung, zunehmender religiöser und kultureller Pluralismus, eine explodierende Digitalisierung.

Damals hatte die Denkschrift versucht, das Zugehen auf die Kultur der Gegenwart mit einer selbstbewussten Vorstellung christlicher Glaubensinhalte zu verbinden. Heute fragt sich, ob dabei die Wandlungen der gelebten Religion und Nicht-Religion sowie dem, was dazwischen ist, angemessen wahrgenommen und reflektiert wurden. Viele Formulierungen scheinen noch einer statuarisch behauptenden und vergeblich normierenden Theologie entnommen zu sein. Es genügt nicht, nur die tiefgreifenden Transformationen des Kulturellen zu beschreiben und zu beurteilen, wenn man nicht zugleich die massiven Umwandlungen im Christlichen selbst zum Thema macht.

Damals lag eine schöne und überraschende Pointe der Denkschrift darin, den Wert des Pop anerkannt und einer bildungselitären Verengung des Kulturbegriffs widersprochen zu haben. Heute fragt sich angesichts der kommerziellen Aufrüstung und Durchformatierung der Pop-Kultur allerdings, ob es nicht wieder an der Zeit wäre, die besondere Qualität von Kunstwerken vorzustellen, die einen inhaltlichen und formalen Anspruch erheben, Konzentration, Irritationsbereitschaft und Auseinandersetzungsfreude einfordern.

Damals war die Denkschrift von dem sympathischen Impuls bestimmt, sich neugierig und ohne Vorbehalte in ein konstruktives Verhältnis zur säkularen Kunst der Gegenwart zu setzen. Heute wäre, ohne dies in Frage zu stellen, zu bedenken, ob nicht auch das Traditionelle und Ererbte auf neue Weise zum Thema gemacht werden sollte. Denn mit der fortschreitenden Modernisierung wächst die Bedeutung dessen, was davor war, – und gewinnt dabei neue Funktionen. So ist zurzeit ein starker Anstieg des Kirchbesuchs zu beobachten: Kirchen werden aufgesucht, nicht als Orte des Gottesdienstes und der Gemeindeversammlung, sondern als «Hybridräume der Transzendenz» (Thomas Erne). Es wäre also darüber nachdenken, das «Konservative» als gegenwärtigen Faktor kirchlicher Kultur mehr hervorzuheben.

Damals widmete sich die Denkschrift trotz aller Kulturfreundlichkeit besonders dem Konflikthaften an der Kultur. Denn Kultur bindet Menschen nicht nur zusammen, sondern stellt sie auch einander gegenüber oder grenzt sie voneinander ab. Der kulturpolitische Impuls der Denkschrift bestand deshalb in der Suche nach Verständigung und Ausgleich. Heute ist auch dieser Impuls noch wichtiger geworden, weil sich gegenwärtige Kulturkonflikte mit einer Infragestellung der politischen Kultur insgesamt und wichtiger gesellschaftlicher Institutionen verbinden. Dabei ist es dringlich, dass sich die evangelische Kirche einer tribalistischen Verengung und Vereinnahmung christlicher Kultur entgegenstellt und sowohl das Heimatgebende wie das Universale betont. Wie sich dies konstruktiv entfalten ließe, ist aber noch unklarer geworden.

Damals beschrieb die Denkschrift die Rolle der Kirche im Gegenüber zur Kultur als «Gastgeberin». Damit setzte sie sich von der zuvor beliebten Rollenbeschreibung der Kirche als «Wächterin» ab, die der Kultur kritisch mahnend gegenüber - oder gar moralisch über ihr stehen sollte. Heute sollte die Kirche sich noch konsequenter als Partnerin der Zivilgesellschaft und der allgemeinen Kultur verstehen. Zugleich müsste sie sich ehrlich eingestehen, wie schwer es für sie ist, Zugang zu relevanten Kulturgesprächen zu gewinnen. Sie ist es doch, die auf Gastgeberschaft angewiesen ist.

IV

Auch wenn hier bisher vielfach von «Kunst» und «Kultur» die Rede war, sei jetzt daran erinnert, dass es sie als Abstrakta gar nicht gibt (wie auch den «Glauben» oder die «Religion» nicht). Kunst ist da in einem einzelnen Kunstwerk, Kultur ist wirklich nur als diese oder jene Tätigkeit. Deshalb muss alles Nachdenken über sie und ihr Verhältnis zu Glaube und Kirche sofort konkretisiert und danach gefragt werden, wer denn hier was und zwar wo und wie macht. Zum Glück gibt es in der evangelischen Kirche schon lange eine kirchliche Kulturarbeit. Mancherorts läuft sie unter dem Etikett «Kulturkirche». Aber daran hängt es nicht. Es gibt Kirchengemeinden, kirchliche Einrichtungen und Akteure, die beide Sphären in ein Wechselspiel zu bringen versuchen. Das geschieht auf ganz unterschiedliche Weisen, je nach individueller Lust, Begabung, Verortung, Ausstattung. Aber ein paar gemeinsame Momente lassen sich benennen. (Vgl. www.ekd-kultur.de und www.kulturkirche.org ).

Kultur-Kirchen sind ursprünglich häufig aus einer Not geboren. Ganz elementar: Ein Sakralgebäude steht leer, eine herkömmliche Nutzung ist nicht in Sicht, also lässt man Kunst und Kultur herein, um die Leerstelle zu füllen. Hinter dem Problem kirchlicher Immobilienbewirtschaftung verbirgt sich aber noch eine andere, tiefere Not: eine Sprachlosigkeit, die Einsicht, mit den traditionellen Formeln nicht mehr auf Gehör zu stoßen; ein Darstellungsproblem, die Einsicht, dass die klassischen Bildwelten des Christlichen keine Augen mehr öffnen.

So entstanden Notlösungen, aus denen vielerorts eine neue und eigene Art kirchlicher Arbeit wurde. Es geht dabei nicht mehr bloß darum, einen kirchlichen Ort halbwegs sinnvoll zu bespielen oder ein eigenes theologisches Defizit zu kaschieren. Ebenso wenig wie die Zusammenarbeit mit der Kultur eine Lückenbüßerin ist, ist sie auch kein feuilletonistisches Sahnehäubchen, das man sich gönnt, wenn man es sich leisten kann, das man aber bei der nächstbesten Sparrunde als erstes wieder weglässt. Vielmehr ist die Kulturarbeit ein elementarer Bestandteil kirchlicher und auch gemeindlicher Arbeit geworden – wenn man ein weites Verständnis von Gemeinde zugrunde legt.

Diese Arbeit zielt in zwei Richtungen. Nach innen, indem sie das Bewusstsein in der evangelischen Kirche fördert, auch eine Kulturkraft zu sein und eine kulturelle Aufgabe zu haben. Viele in der Kirche wissen das natürlich und arbeiten in diesem Sinne. Aber es braucht Orte, Einrichtungen und Protagonisten, die diesen Aspekt explizit machen und damit für alle vertreten. Dazu gehört, dass Kultur-Kirchen exemplarisch das «Darstellungsproblem des Christentums in der Moderne» (Thomas Erne) angehen, indem sie zum einen die ästhetischen Kräfte der eigenen Traditionen neu aufschließen und zum anderen in der Kultur der Gegenwart nach zeitgemäßen Darstellungsmöglichkeiten Ausschau halten. Kirchliche Kulturarbeit zielt deshalb auch nach außen. Das ist dringend notwendig, um die eigenen Milieuverstrickungen aufzulösen. Das ist aber ebenfalls sinnvoll, um die Religionsdistanz, manchmal auch die Religionsignoranz heutiger Kulturweltbewohner zu bearbeiten. Als Ausgangsthese kann dabei dienen: Viele Themen der Gegenwartskultur haben einen religiösen Aspekt – sie können jedenfalls so gedeutet, so entziffert werden –, für den Kultur-Kirchen als Übersetzerinnen und Gesprächspartnerinnen bereitstehen. Zugleich ist die Begegnung mit der Kultur der Gegenwart für die Kirche eine Chance, das Eigene über den kreativen Umweg, über kulturelle Inspirationen und Irritationen neu zu entdecken und anders zu vollziehen.

Die Voraussetzungen für eine solche Arbeit, für einen echten Dialog zwischen Kirche und Kultur sind: ein interesseloses Interesse an der säkularen Kultur, also wirkliche Neugier; die Bereitschaft, sich irritieren zu lassen und verletzlich zu sein; aber auch die Souveränität, ein Gegenüber darzustellen, also ein angenehmes und inhaltlich gedecktes Selbstbewusstsein zu zeigen; die Bereitschaft zu offener Kooperation unter gleichberechtigten, wenn auch sehr unterschiedlichen Partnern. Dazu gehört, dass man als kirchlicher Akteur nicht zu dominieren und zu normieren versucht, dass man sich aber auch nicht versteckt oder ängstlich das Seine verschweigt. Wie sollte sonst ein erwachsenes Gespräch möglich sein? Zur Verbindlichkeit und Professionalität einer Zusammenarbeit von Kirchen und Kultur gehört übrigens noch etwas, das gern mal vergessen wird, nämlich eine faire Entlohnung. Es kommt immer noch vor, dass festangestellte und sicher entlohnte Kirchenbeamte meinen, von Künstlern eine ehrenamtliche Mitarbeit erwarten zu dürfen. Das kann nur eine begründete Ausnahme sein.

Für das Selbstverständnis einer Kultur-Kirchen-Arbeit entscheidend ist, dass es sich hierbei nicht um ein bloßes kirchliches Event-Management handelt, sondern immer auch um pastorale Arbeit, Gemeindearbeit. Diese lebt von Beziehungsgeschichten, längeren oder kürzeren, aber stets verbindlichen Begegnungen im jeweils eigenen Umfeld. Kultur-Kirchen leisten zwar keine parochiale, wohl aber Gemeinwesenarbeit. Nicht wenigen gelingt es dabei, neue Formen von Gemeinde auszubilden. Deshalb sind kleinere, regional verankerte Aktivitäten meist die mit der nachhaltigsten Wirkung.

Aus einer Notlösung ist ein weites, fruchtbares Lern- und Erfahrungsfeld geworden, das reichlich Anregungen auch für andere Aspekte kirchlicher Arbeit bietet. Denn was die Methode des Arbeitens angeht, könnte die Kirche insgesamt viel von den Kultur-Kirchen lernen. Diese arbeiten weniger monolithisch als kooperativ, weniger amtlich als dialogisch-engagiert, weniger gremien-strukturiert als unternehmerisch, weniger routiniert als spontan-enthusiastisch und darin mit einer anderen Professionalität und Schnelligkeit (was man nicht zuletzt am Umgang mit Verabredungen, Terminen und Finanzen sehen kann).

Die eigentliche Preisfrage aber für kirchliche Kulturarbeit lautet: Wie kommen wir überhaupt in Kontakt mit für uns interessanten Kulturakteuren? Wie bekommen wir einen Faden in die Hand, der zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit führt? Dies ist gar nicht leicht zu beantworten, denn die kirchliche Kulturarbeit ist nicht selten mit – schmerzlichen, aber notwendigen – narzisstischen Kränkungen verbunden. Wer sich als Kirchenmensch auf den Weg in die Kulturwelt macht, wird erfahren, wie fremd und abständig er auf viele dort wirkt, wie wenig man auf ihn gewartet hat. Da hilft nur inhaltliches Interesse, Freundlichkeit, uneitle Geduld und die Lust, auf fremde Menschen zuzugehen – so wie auch sonst im pastoralen Dienst. Ob dann irgendwann etwas überzeugt, anspricht, anzieht und Wirkung zeitigt, lässt sich ebenso wenig wie bei der Gemeindearbeit allein an äußeren Kennzahlen ablesen. Auch wenn sie sich natürlich um gute Besucherzahlen und attraktive Veranstaltungen bemühen muss, bemisst sich ihr Gelingen nicht bloß nach der konsumkapitalistischen Logik von Angebot und Nachfrage, sondern an ihrer Qualität. Diese ist sicherlich von Ort zu Ort jeweils anders zu definieren, aber zu beschreiben, darzulegen, zu prüfen und zu diskutieren ist sie in jedem Fall. Dabei – und dies sollte den oberen Kirchenstrategien deutlich sein – sind all die aktuellen Versuche, Kirche und Kultur auf neue Weise miteinander ins Spiel zu bringen, keine allgemeingültige Methode, um kirchliche Probleme zu lösen, sie bieten kein Erfolgsrezept, aber es sind dringend notwendige Weg ins Offene. Zum Schluss: Kirchliche Kulturarbeit kann nur gelingen, wenn ihre Orte, Einrichtungen und Personen erkennbar kirchlich bleiben, wenn bei ihnen Gebete, Gesänge und eine Gemeinde – welcher Art auch immer – zu finden ist.

V

Zum Schluss noch eine eigene kirchen-künstlerische Erfahrung aus dem zweiten Corona-Frühjahr. In der Passionszeit 2021 besuchte ich – nicht nur, weil alle anderen Kultureinrichtungen Berlins geschlossen waren – die St. Matthäus-Kirche am Kulturforum, gleich neben Gemäldegalerie und Neuer Nationalgalerie. Ich hatte einen besonderen Kreuzweg vor mir. Denn ich trat durch das Portal und stand plötzlich vor einem schwarzen Loch. Mutig und neugierig ging ich die erste Schritte hinein. Anfangs lächelte ich noch kurz, ein bisschen Licht von hinten milderte das Bedrohliche. Doch einige Schritte weiter war es finster. Ich tastete mich voran. Die Augen mochten sich an das Schwarze nicht gewöhnen. Die Hände suchten den Weg. Es ging nach links, nach rechts. Jetzt kam tatsächlich Angst auf. Geradeaus, ein paar Schritte noch, dann war ich hindurch, stand auf einmal vor dem Altar. Das war die Installation «Kreuzweg» von Gregor Schneider, die ganze Passionszeit bis einschließlich zum Karfreitag zu sehen und zu begehen. Wenn man sie durchschritten hatte, sollte man sie umwandern, dann die Treppe hinaufnehmen, das Kreuz von oben betrachten, wie es da unten die Mitte des Kirchenschiffs ausfüllte, raumgreifend schwarz.

Gregor Schneider ist ein Ur-Künstler. Er schafft Räume und Skulpturen, die archaisch wirken und Ur-Empfindungen, bei mir vor allem Ur-Ängste, wachrufen. Sie laden zu religiösen Assoziationen ein und wollen doch eigenständige, offene Kunstwerke sein. Doch wer vor, neben und mit diesem KREUZWEG Gottesdienst feierte, machte in ihm christliche Bedeutungen aus, stellte sich die Frage, was einem selbst das Ur-Symbol des eigenen Glaubens bedeutet.

Meine kleine Angsterfahrung beim Durchschreiten hat mich daran erinnert, wie skandalös das Kreuz für Christen von Anfang an war. Ich hatte mich gerade ein wenig mit der Archäologie des frühen Christentums beschäftigt. Erstaunt hatte mich, wie wenige Kreuzesdarstellungen es aus den ersten Jahrhunderten nach Christus gibt. Es dürfte kein Zufall sein, dass die früheste Darstellung des Kreuzes ein Spottbild war. Auf einem römischen Graffito – um das Jahr 300 datiert – sieht man, wie ein Strichmännchen mit erhobenen Armen eine Gestalt anbetet, die am Kreuz hängt und einen Eselskopf trägt. Darunter steht geschrieben: «Alexamenos verehrt seinen Gott». Da wollte sich jemand augenscheinlich über einen christlichen Bekannten lustig machen. Man kann es nachvollziehen, denn einen schändlich Hingerichteten als Messias zu verehren, war in der Antike selbst eine blasphemische Idee. So wundert es nicht, dass erst spät vermehrt Kreuzesdarstellungen aufkamen. Das Kreuz als Ur-Bild des Glaubens war also für die Christen selbst ein, Paulus sagt, skandalon. Und ist es geblieben. Deshalb war ich so – ja, dankbar und glücklich, diese eindrucksvoll-erschreckende Skulptur in dieser Kirche zu sehen, zu durchschreiten und später vor ihr eine Predigt zu halten. Denn sie führte mich und die Gemeinde auf den eigenen Kreuzweg, so dass man ihm nicht ausweichen, man in seiner Schwärze eine Tiefe aber sehen konnte, man sich fragte: Wohin führt dieser Kreuzweg mich?

Abstract
When Distant Sisters Move Closer Together: On the Relevance of Cult and Culture, Faith and Art. This essay attempts to look over the wide field of art, culture, faith and church from a Protestant perspective. In doing so, it combines fundamental considerations with current observations (about art and church during the Corona-crisis) and practical reflections on a contemporary cultural work by the church.

Keywords:

culture – art – faith – church – modernity

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