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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/com.2021.6.667–675
Martin Mosebach
ZUR KUNST IN UNSEREN KIRCHEN
Es gehört gewiss zu den eigentümlichsten und folgenreichsten Prozessen der Weltgeschichte, wie aus einer streng bilderlosen Religion eine Religion der Bilder wurde. Der Schöpfergott der Juden befand sich außerhalb seiner Schöpfung, die zwar ganz und gar Sein Werk war, aber eben mit Ihm nicht identisch; das war es, was die Religion der Juden von jener der Heiden vor allem unterschied, mehr noch als der dem Polytheismus entgegengesetzte Monotheismus. Die Spuren Gottes sind in der ganzen Schöpfung zu entdecken, aber er ist nicht in ihr aufgefangen und ist anders als sie und der Gläubige tut gut daran, mit diesem Anderssein zu rechnen. Kein Wunder, dass die jüdische Gemeinde von Amsterdam einen Mann ausschließen musste, der von «Deus sive natura» sprach. Wer sich von Gott ein Bild macht – auch ein Wort, erst recht ein Name, ist ein Bild –, der wird notwendig dabei auf etwas in der Schöpfung Vorhandenes Bezug nehmen müssen und wird selbst mit dem Gottesnamen Vorstellungen beschwören, die Gott eben gerade nicht erfassen: so ist ein Bild des außerhalb seiner Schöpfung wohnenden Gottes eine Täuschung, welche in der Herstellung eines Idols besteht und gerade dadurch zur Lästerung wird. Zwar hatte die Genesis von der Schaffung des Menschen als Gottes Ebenbild gesprochen, aber dies war nicht als Ermächtigung zu verstehen, sich Gott jedenfalls annäherungsweise antropomorph vorzustellen, viel eher war danach der Mensch als theomorph anzusehen. Der pantheistischen Versuchung durfte nicht nachgegeben werden, hier war die Grenze, die den Glauben Israels von Baal und Moloch, Isis und Osiris, Zeus und Apollon trennte, die sämtlich gewaltige Wesenheiten, aber dabei stets innerweltliche Kräfte und deswegen, strenggenommen, auch nicht mit dem unerreichbar in einer eigenen Sphäre verborgenen Schöpfergott konkurrierten.

Und nun trat Jesus von Nazareth auf, der Sohn des Zimmermanns, und sagte von sich: «Bevor Abraham war, bin ich» – den verrätselten Gottesnamen aus der Erscheinung des Moses aufgreifend. Und der im Evangelium des Johannes sagte: «Wer mich sieht, sieht den Vater.» Paulus greift dieses Wort auf, wenn er Jesus Christus «das Bild des Vaters» nennt. Das Heraustreten des Logos aus Gott, womit die Materialisation des Geistes begann, ist in der Gestalt Jesu zu seinem von Anbeginn vorbereiteten Höhepunkt gelangt: die Inkarnation, der Eintritt Gottes in Seine Schöpfung. Dies aber auf eine grundsätzlich vom Pantheismus verschiedene Weise – kein Aufgehen Gottes in der Schöpfung, sondern die schmerzhafte Teilnahme an ihrer vom Menschen verschuldeten Unvollkommenheit – in die gefallene Welt einzutreten, bedeute leiden zu müssen: «Einer aus der Dreifaltigkeit hat gelitten», wie das Bekenntnis der Orthodoxie es festhält. Da verwundert es nicht, wenn die ersten Bilder von Jesus mit Seinem Leiden auf das engste verbunden sind. Es muss unter den Juden, die Christen wurden, denen das Bilderverbot des Alten Bundes aber in höchstem Maße präsent war, feste Überzeugung gewesen sein, dass eine Wiedergabe des Gesichtes Jesu, der das Bild des Vaters war, in Durchbrechung des Gebotes vom Berge Sinai nicht von Menschenhand geschaffen werden durfte – dass vielmehr Gott selbst die ersten Bildzeugnisse Seines Erdenwandels herstellen musste.

Es sollen im Folgenden nicht die neueren kunsthistorischen und archäologischen Thesen zur Bilder-Geschichte der Kirche diskutiert werden. In unserem Zusammenhang ist es von geringer Bedeutung, ob die Wissenschaft die Erzählungen über die ersten Bilder Jesu, später dann auch der Muttergottes approbiert und welche Haltung sie zu den frühesten Bilddokumenten einnimmt, etwa was deren «Echtheit» angeht. Wobei es schön wäre, wenn die Wissenschaft mit ihren Urteilen in dieser Beziehung bescheiden bliebe, handelt es sich doch um Geschehnisse und Objekte einer Zeit, in welcher das Christentum eine an den Rändern der spätantiken Gesellschaft angesiedelte, halb verborgene Gemeinschaft war, die naturgemäß wenige sichere Spuren hinterlassen konnte. Es erstaunt eher, dass überhaupt Schriftliches aus dieser frühen Periode an die Nachwelt gelangt ist. Der Wissenschaft scheint es schwer zu fallen: «Wir wissen es nicht» zu sagen; viel lieber schmückt man sich mit Gewissheiten, und so gilt das, was nicht positiv bewiesen werden kann, selbst dann als fragwürdig und unwahrscheinlich, wenn ebenso wenige Gegenbeweise zur Hand sind.

Eher als über archäologische Befunde lässt sich auch in der Bilderfrage wohl über die geistige Entwicklung reden, wie sie sich in den frühen Legenden über die Bildwerdung abzeichnet. Die beiden wichtigsten Bilddokumente sind ohne Zweifel jene vom Evangelisten Johannes eigens erwähnten Tücher, die im leeren Grab zusammengefaltet gefunden wurden. Das größere, das eigentliche Leichentuch ist von den Aposteln der Tradition zufolge dem erkrankten König Abgar von Edessa übergeben worden – von Edessa ist das Sindone ins christlich gewordene Konstantinopel gelangt und ist dort in der kaiserlichen Reliquienkapelle aufbewahrt worden. Es trägt das schattenhafte Bild eines vielfach verwundeten Mannes, der offenbar eine Dornenhaube getragen hatte und dessen Handgelenke und Füße durchbohrt waren; auch eine Seitenwunde ist sichtbar. Was alles zu diesem vielfach untersuchten Tuch zu sagen wäre – das Zustandekommen des Bildes ist bis heute ungeklärt –, muss hier nicht weiter dargestellt werden. Es soll in unserm Zusammenhang vor allem um das Bild selber gehen. Es wirkt nicht wie ein Gemälde, sondern wie eine Photographie, die sehr verschwommen ist, aber genug zeigt, um individuelle Züge erkennen zu lassen. Ein weiteres heute in dem Abruzzendorf Manoppello aufbewahrtes, erheblich kleineres Tuch aus durchscheinendem Gewebe zeigt ein Gesicht mit geöffneten Augen, leicht geöffneten Lippen, welche die Zähne sehen lassen; es soll der Tradition nach auf dem Gesicht Jesu gelegen haben, wurde seit dem frühen Mittelalter im Petersdom aber auch als das Schweißtuch der Veronika am Passionsonntag gezeigt – erst nach dem Sacco di Roma im 16. Jahrhundert ist es nach Manoppello gebracht worden. Mit Veronica, der griechischen Berenike, verbindet die Tradition die von Jesus geheilte Blutflüssige. Und diese Berenike dürfte die erste sein, die im Zusammenhang mit einem von Menschenhand geschaffenen Jesus-Bild genannt wird: Sie habe nach dem Vorbild des Tuches eine Statue oder Büste von Jesus Christus herstellen lassen, die vor ihrem Haus in Paneas, dem palästinensischen Cäsarea Philippi aufgestellt gewesen sei; vom Verbleib dieser Skulptur ist nichts bekannt. Ganz früh, aus dem zweiten Jahrhundert zur Zeit des Papstes Aniketos berichtet eine gewisse Marzellina aus Alexandria, der Gnostiker Karpokrates habe ein Portrait Jesu besessen, gemalt von Pontius Pilatus – unabhängig von der Wahrscheinlichkeit dieses Berichts weckt er die Erinnerung an den hohen Standard der Portraitkunst im hellenistischen Ägypten mit ihren zahlreichen stupend lebensechten Portraits, wie sie im Wüstensand der Nekropolen des Fayum konserviert worden sind. In diesem Zusammenhang seien auch die Muttergottes-Ikonen erwähnt, die der Evangelist Lukas gemalt haben soll – als Grieche war er nicht ans Bilderverbot gebunden – die erhaltenen Beispiele werden zwar sämtlich bedeutend später datiert, aber es mag für sie ein Urbild gegeben haben.

Was diese Bilddokumente eint, ist ihr Anspruch auf Naturnähe und auf historische Autorität. Die Bilder auf den Tüchern sind nicht menschengemacht, so war man im ersten Jahrtausend überzeugt – beim Turiner Sindone scheint das evident, beim Tuch von Manoppello ist das bei unbefangener Betrachtung weniger eindeutig. Auch für die Statue der Berenike und das Portrait des Karpokrates ist vor allem wichtig, dass sie in der unmittelbaren Anlehnung an die körperliche Erscheinung Jesu entstanden sein sollen. Wenn die junge Christenheit ein Bild von Jesus besitzen wollte, dann durfte dies ganz offensichtlich nicht wie ein hellenistisches Götterbild auf idealisierter Erfindung beruhen. Man forderte kein Kunstwerk, sondern Authentizität. Dem lag eine theologische Entscheidung von größter Tragweite zugrunde. Jesus, der Sohn des Zimmermanns, sollte auch als Christus kein Mythos werden. Er sollte als jenes Bild in Erinnerung bleiben, welches der Vater selbst gemacht hatte, als er Ihn zur Erlösung der Menschen in die Geschichte eintreten und zur historischen Gestalt werden ließ. [...]


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