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Professorin für Katholische Theologie und Religions-pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe
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Editorial DOI: 10.14623/com.2022.1.1–3
Julia Knop / Thomas Söding
PRIESTER
Welche Bedeutung haben Priester in der katholischen Kirche? Worin besteht ihre Aufgabe, was ist ihr Dienst, worauf zielt ihre Sendung? Wie gehören persönliche Lebensführung und kirchliche Stellung zusammen? Wie sind sie mit den Gläubigen verbunden, für die sie Priester sind?

Antworten auf diese brennenden Fragen müssen neu gesucht werden. Auch wenn die Zahl der Weihen weltweit gestiegen ist: Die tiefe Krise des Priestertums in der katholischen Kirche ist nicht zu verkennen. Sie lässt sich in vielen Ländern an dramatischen Rückgängen der Berufungen ablesen, zuletzt auch in Polen. Zahlreiche wissenschaftliche Studien und journalistische Recherchen dokumentieren in immer mehr Ländern der Welt eine teils monströse sexualisierte Gewalt an Kindern, Jugendlichen und Frauen auch in der katholischen Kirche, die keineswegs nur, aber doch zu einem erschreckenden Teil durch Kleriker ausgeübt wird, nicht selten unter Ausnutzung von Privilegien ihres geistlichen Amtes. Dass von den Kirchenleitungen eher die Institution geschützt als die Verbrechen geahndet worden sind, ist eine traurige Wahrheit, die vielfach dokumentiert ist. Zwar ist es fatal, Priester einem Generalverdacht auszusetzen, wie es oft geschieht; sie müssen im Gegenteil vor ihm geschützt werden. Es darf nicht in Zweifel gezogen werden, dass die allermeisten Priester besten Wissens und Gewissens ihren Dienst ausüben. Es ist wichtig, dass auch Priester hoch aktiv an der Aufarbeitung und der Prävention mitarbeiten. Aber die Alarmsignale sind nicht zu überhören: Sie weisen auf tiefe Risse im Priesterbild hin.

Die Krise des Priestertums darf allerdings nicht isoliert werden. Sie ist Teil einer tiefen Krise, in der sich die römisch-katholische Kirche als Ganze befindet. Diese Krise lässt sich in Deutschland an Austrittszahlen auf Rekordniveau, an zurückgehenden Taufen, an starken Einbrüchen im Kirchenbesuch und am Nachwuchsmangel in sehr vielen pastoralen Berufen festmachen. Sie hat viele Ursachen. Religiöse, soziale und kulturelle Umbrüche in der Gesellschaft haben einen sehr starken Einfluss, vor allem die Auflösung volkskirchlicher Milieus und die wachsende Säkularisierung. Aber es gibt auch hausgemachte Faktoren: Finanzskandale und Korruption, die Vertuschung schwerer Straftaten, die Distanz zum Lebensgefühl und zur Spiritualität ganzer Generationen, ein Machtgefüge, das sich mehr von der Monarchie als von der Demokratie beeindruckt zeigt und zu wenig Energie entwickelt, die gegenwärtigen Möglichkeiten zu nutzen, um auf neue Art Kirche zu sein.

Das Priestertum ist das Sturmzentrum der Kirchenkrise. Das Verständnis, das Renommee und die konkreten Herausforderungen des Berufs ändern sich dramatisch. Institutionalisierte Rollen und religiöse Identitäten werden fluide; überkommene Konzepte werden dysfunktional; neue Erzählungen, neue Berufungen, neue Priester werden dringend gesucht.

Die Verunsicherung, was das Priesteramt in der Kirche heute bedeutet und bedeuten kann, ist allerdings groß – unter den Gläubigen ebenso wie unter denjenigen, die kraft ihrer sakramentalen Ordination ihren Dienst als Priester tun, oder überlegen, ob sie zum Priestertum berufen sind. Eine theologische Vergewisserung tut not. Es gilt neu, das Priestertum theologisch zu fassen, biographisch auszubuchstabieren und kirchlich zu verorten.

Das Priesterbild war nie starr, sondern hat sich zu jeder Zeit verändert. Es war nie monochrom, sondern immer polychrom. Aber es hat sich auch nicht beliebig entwickelt, sondern in Ost und West, in Süd und Nord, in der Antike, im Mittelalter und in der Neuzeit bei Welt- und bei Ordenspriestern charakteristische Formen ausgebildet, die von der Liturgie bestimmt sind, besonders vom Vorsitz der Eucharistie, von der Verkündigung des Wortes Gottes, und von der Diakonie, die aus der Einheit von Gottes- und Nächstenliebe folgt.

Deutlich ist, wo keine Lösungen zu finden sind: in einer Vergangenheit, die nostalgisch verklärt wird, und in einem religiösen Feld, das Tabuzonen des Sakralen aufbaut. Krisenbewältigungsversuche, die auf Restauration setzen, sind Teil des Problems, nicht der Lösung, weil sie verkennen, dass immer «heute» das Wort Gottes gehört sein will. Der Blick in die bunte Welt des Esoterischen, wo, bürgerlich zurechtgestutzt, Schamanen, Magier, Medizinmänner, Gurus Rituale anbieten, die Leib, Geist und Seele heilen sollen, zeigt die Mythisierung des Heiligen, die im Widerspruch zur Christologie steht, weil Jesus, der eine Hohepriester des ewigen Heiles, «aus den Menschen ausgewählt» und «für die Menschen eingesetzt» worden ist (Hebr 5,1).

Beiträge zur Vergewisserung und Neuorientierung des Priesterseins haben biblische, historische, systematische und praktische Aspekte. Notwendig ist eine theologisch reflektierte Erfahrung, die mit einer realitätsgesättigten Theorie einhergeht. Im Zentrum steht eine Spiritualität des Priesterlichen, die systemisch verankert ist; die Perspektive ist ein Priestertum, das die sakramentale Vollmacht so wahrnimmt, dass die Teilhabe aller Gläubigen am Leben der Kirche gefördert und gefordert wird.

Thomas Söding zeichnet von der Abendmahlsüberlieferung des Neuen Testaments aus die Priesterrolle Jesu nach, die auch seine Nachfolge prägen muss. Klaus Unterburger beschreibt, wie sich aus den Reformimpulsen des 19. Jahrhunderts die Spannung zwischen Ganzhingabe und Überforderung aufgebaut hat, mit deren Folgen Priester auch heute noch sich auseinanderzusetzen haben. Julia Knop untersucht das Verhältnis von Ordination und Ordo, um die Beziehungen in der Kirche so zu bestimmen, dass sich ein erneuertes Verhältnis von Amtsträgern und Gläubigen jenseits der Dichotomie von Klerikern und Laien ergibt. Matthias Sellmann öffnet einen neuen Blick auf die priesterliche Sakramentenspendung, indem er sie als Zuspruch von Freiheit deutet. Bischof Felix Genn arbeitet heraus, was es heißen kann, Priester in einer synodalen Kirche zu sein, zentriert in der Eucharistie und geprägt durch die Evangelischen Räte. Herbert Schlögel OP rekonstruiert Überlegungen von Klaus Demmer SJ zur priesterlichen Existenz, mit besonderem Fokus auf dem Zölibat. Christian Hermes analysiert, unter welchen Bedingungen der Pfarrdienst, den Priester regelmäßig zu übernehmen haben, heute ausgeübt werden muss und die Priesterrolle neu herausfordert. Stephan Kessler SJ nimmt vormoderne Relikte einer ständischen Welt kritisch in den Blick, die das kirchliche Priesterbild und Ausbildungskontexte weiterhin prägen, aber in der Gegenwart geradezu zur Verkehrung der Idee des Priesterlichen führen. Yauheniya Danilovich reflektiert die Bilder orthodoxer Priester mit Blick auf die Berufswege, die Lebensform als Verheiratete, die Einbindung in die Hierarchie und die Beziehungen zu den Gemeindegliedern.

Der Schweizer Buchautor, Kolumnist und Aphoristiker, der Kapuziner Walter Ludin schrieb: «Der Priester soll mitten im Kirchenvolk stehen, aber nicht seine Mitte sein.» In dieser Mitte steht Jesus Christus selbst. Ihm den Platz freizuhalten – nicht die schlechteste Beschreibung des priesterlichen Dienstes.

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