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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/com.2022.1.73–81
Stephan Ch. Kessler
PRIESTER JENSEITS VON "STAND" DENKEN
Professionalisierung der Priester(aus)bildung angesichts von Dysfunktionalität und Deformation durch Veränderung der Seminarerziehung
Priester sind nicht mehr plausibel. Selbst in der katholischen Welt ist ihre Existenz zur Frage geworden. Ungeachtet der Tatsache, dass der ordinierte Amtsträger in der Kirche konstitutiv das essentielle Gegenüber des göttlichen Anspruchs in der Gemeinde präsent hält, wird sein sog. «Dienst» weithin nicht mehr verstanden. Die Frage «Wozu Priester?» steht keineswegs nur beim Synodalen Weg im Raum und bedarf einer neuen Vergewisserung, die einer theologischen und einer zeitgemäßen Verantwortung gerecht wird. Denn die bisher tragenden Antwortstrategien auf das, was der geweihte Priester im Gegensatz zum nicht ordinierten Laien «darf», sind kirchlich und gesellschaftlich immer weniger nachvollziehbar. Die vom Zweiten Vatikanischen Konzil erneuerte Bedeutung des Priesterlichen – für Laien wie für Kleriker – lässt sich zunehmend schwerer in den Alltag einer kirchlichen Praxis übertragen.1

Die katholische Tradition steht nach Jahrzehnten einer ämtertheologisch restaurativen Phase einer Betonung der sazerdotalen Vorrangstellung des priesterlichen Amtes derzeit vor der Aufgabe, in synodalen Prozessen zu lernen, die Strukturen so anzupassen, dass das Gegenüber des Heilshandelns Jesu (triplex munus Christi) im Tun der ordinierten Priester nachvollziehbarer ins Profil gesetzt werden kann. Diese Unterscheidungen und Veränderungen werden nur evaluativ mit einem klaren Schub einer zeitgemäßen und nachprüfbaren Professionalisierung der Berufs- bzw. Ausbildungspraxis der Priester gelingen. Denn bisher gab es für das Handeln der geweihten Amtsträger wenig zeitgemäße Kriterien bzw. Entwicklungsperspektiven für eine professionelle Amtsführung, die einem Vergleich mit den Standards analoger Berufe standhalten. Als Folge einer jahrzehntelangen kirchenamtlichen Diskursverschleppung haben sich für Priester im 21. Jahrhundert ein inhaltlich-theologischer Reformstau und ein praktischer Professionalisierungsrückstand ergeben. Der kann nur mit theologischer Unterscheidung, Entschiedenheit für zeitgenössische Professionalisierung und dem geistlichem Mut zu evangeliumsgemäßer Veränderung bewältigt werden.

1. Die Schwierigkeit, eine sazerdotale Standeslogik zu verlassen


Die Misere des Priesterlichen beginnt in der neueren Geschichte der Kirche vielleicht schon bei der – im Vergleich zu den Bischöfen, Laien und Diakonen – doch nachgeordneten bzw. weniger innovativen Behandlung der Fragen des besonderen Priestertums der ordinierten Amtsträger beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965). Zwar wurden nachtridentinische Engführungen im Amtsverständnis geweitet, aber der mutige Sprung eines Aggiornamento blieb aus. Trotz theologischer Erweiterung blieb man in ständischen Denkkategorien vergangener Epochen. Spätestens seit der römischen Nichtbeachtung der Beschlüsse der Würzburger Synode (1971–1975) zur Beteiligung der Laien am Verkündigungsauftrag bzw. deren kirchenrechtlicher Einschränkung (1983) befinden sich die Argumentationen um die Weihevollmacht der Priester (potestas ordinis) in der Praxis der Seelsorge in Mitteleuropa begründungstheoretisch auf einer abschüssigen Bahn, weil sie ein System verteidigen, das sich im Blick auf die Moderne als nur wenig anschlussfähig erweist. Aus dieser argumentativen Sackgasse haben auch differenzierte Interventionen u.a. der deutschen Bischöfe nicht führen können.2 Dazu kommt die wiederholt vorgetragene päpstliche Position, dass eine Veränderung der in Frage stehenden Verpflichtung zur ehelosen Lebensform der Seelsorgepriester «inopportun» sei (zuletzt indirekt mit «Querida Amazonia» 2020).

Das Beharrungsvermögen hat auch andere bestehende Reformanliegen ausgebremst, allen voran das Bestreben, den Ausschluss der Frauen von der priesterlichen Sendung und der Teilhabe sakramentaler «Gewalt» konstruktiv anzugehen. Die Ausweglosigkeit dieser sklerotischen Situation hat mit dem Bekanntwerden der Perversion des priesterlichen Ideals durch massenhaften und eklatanten systemischen Missbrauch von geistlicher Macht einen niederschmetternden Tiefpunkt erreicht. Wie in einem Brennglas verdichtet sich in deutschen Landen seit 2010 das Elend und die Vulnerabilität priesterlicher Existenz. Die abgründige Dramatik dieser Ausgangslage wird noch verstärkt durch die Unfähigkeit der Kirche, ihre eigene pathogene Struktur anzuerkennen, aufzuarbeiten bzw. die geforderten Konsequenzen umzusetzen. Vertuschung und Verschleppung der Machtfragen des priesterlichen «Dienstes» unterstreichen die Notwendigkeit, mit einem System zu brechen, das die Ideale, für deren Verkündigung es steht, verrät, indem Machtmissbrauch systemisch begünstigt und ermöglicht wird bzw. eine Aufklärung und strafrechtliche Bewertung verhindert werden. Die seit mehr als einem Jahrzehnt erwiesene Unfähigkeit zu einer entschiedenen Aufarbeitung verbunden mit einer Furcht vor Veränderungen in der Ämterfrage führt die Kirche weltweit in einen selbstverschuldeten Vertrauensund Glaubwürdigkeitsverlust ungeahnten Ausmaßes. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass nicht wenige, aber numerisch immer weniger werdende Priester ihren Beruf vor Ort mit innerer Erfüllung, engagiert und dynamisch nachkommen, überzeugend wirken und Großartiges leisten.3

Aufgrund der offenbaren Dysfunktionalität hat sich ein düsterer Schleier auf die Berufsgruppe der Priester gelegt, von dem auch ein demotivierender Schatten auf die nicht-ordinierten Mitarbeitenden und die vielfältig in der Kirche Engagierten fällt. Das unausgesprochen und implizit geltende Berufsethos für Priester schöpft maßgeblich aus Quellen des 19. Jahrhunderts. Nach den revolutionären Umbrüchen gab sich die Kirche in dieser Zeit ein Erscheinungs- und Selbstbild, mit dem sie vor allem versuchte, sich gegen eine freiheitlich-säkulare Moderne abzugrenzen. Von daher ist zu verstehen, dass nicht wenige Aspekte priesterlicher Berufsidentität sich dezidiert aus vorbzw. antimodernen Elementen zusammensetzen: Als Beispiel kann auf das bis heute urgierte Thema einer unterscheidenden zivilen Priesterkleidung verwiesen werden.4 Dieser im Umfeld einer postindustriellen-digitalisierten Welt anachronistisch wirkende Rückgriff auf Kleidervorschriften einer Standesgesellschaft unterstreicht, dass der über die liturgische Kleidung hinaus anders gekleidete Priesterstand gegenüber der Gesellschaft und der Gemeinde der Glaubenden eine unterschiedene, ja abgesonderte Gruppe darstellen soll. Eine derart sichtbare soziale und geistliche Trennung entspricht etwa dem lange richtungsweisenden Priesterbild des Ausbildungsideals von Saint Sulpice. Und wieder lässt sich feststellen, was die diversen nationalen Missbrauchsstudien als Gefährdungspotenzial identifizieren: Ein ontologisch begründeter, in Lebensform und Kleidung unterschiedener Priesterstand entzieht sich – nicht zuletzt auch aufgrund eines kodifizierten Eigenrechts – einer in anderen Berufsgruppen selbstverständlichen Evaluation nach öffentlich kommunizierten Kriterien.

Ferner gibt es keine Selbstverständlichkeit für professionelle Qualitätskontrolle und Rechtskultur dieser pastoralen Arbeit eines «anderen Standes».5 In der westlichen Welt findet sich nur schwer eine Berufsgruppe mit vergleichbar separierenden, monosexuellen Ausbildungssettings, mit exakten Vorgaben und stellenweise unzeitgemäßen bis obsolet wirkenden Einstellungen zur sexuellen Lebensgestaltung, die gleichzeitig verbunden sind mit einer dauerhaften Versorgungszusage für Ordinierte (Sustentation), ohne jedoch ein rechtsrelevantes Arbeitsverhältnis mit definiertem Arbeitsvertrag (Inkardination) zu beinhalten. Diese ahistorischen Relikte einer ständischen Welt haben für das Priesteramt in einer modernen Welt ihre symbolisch-verweisende Werthaltigkeit verloren und sich angesichts verschiedener Deformationen in ihr diabolisches Gegenteil verkehrt. Da zur Idee des Priesterlichen in der biblischen und kirchlichen Tradition substantiell keine Relikte der Ständegesellschaft gehören, könnte und müsste in diesem Sektor mutig entschlackt werden.

2. Aktuelle kirchliche Entwicklungen erzeugen neue Fehldeutungen in der Amtstheologie des Priesters

Die Wucht der Deformation des priesterlichen Amtes durch ein klerikal-kirchliches Systemversagen darf nicht verdecken, dass es in dem vorgeblich untrennbaren Junktim von Priesteramt und Leitung, von Sakramentalität und Macht in jüngster Zeit durch kirchliche Verwaltung selbst zusätzlich zu problematischen Verschiebungen im priesterlichen Amtsverständnis kommt. Die Mitte des Verkündigungsdienstes des Priesters, wie ihn das letzte Konzil herausgestellt hat, wird durch den vom akuten Priestermangel verursachten Pragmatismus vieler Ordinarien bzw. Ordinariate erneut verdunkelt. Durch einen eher betriebswirtschaftlich und kirchenrechtlich als theologisch-pastoral motivierten Einsatz von Priestern als Pfarrer in immer größer werdenden «Räumen» bildet sich insgeheim auch eine veränderte Amtstheologie aus. Das durch Ordination übertragene Priesteramt, das in seinem Ursprung als personale Erinnerung an den sakramentalen Charakter der Gesamtheit der Kirche sich als Beruf herausgebildet hat, wird durch eine kurzatmige, oft seelenlos wirkende Seelsorgeverwaltung in immer größeren Kontexten seines inneren, historisch gewachsenen Fundamentes enthoben. Denn der Dienst der Presbyter entwickelte sich in der spätantiken Tradition des Westens als bevollmächtigter Verkündiger an den Orten, an die der in der Stadt ansässige Bischof nicht mehr kommen konnte. Der priesterliche Dienst hat sich als nichtbischöfliches Amt historisch entfaltet, damit den Menschen vor Ort sakramentale Nähe ermöglicht werden kann.6

Aufgrund des dramatisch zunehmenden Priestermangels bedeutet die derzeitige Personalentwicklung für Priester jedoch eine Episkopalisierung ihres Dienstes anstelle der Entwicklung von Schnittstellen neuer Kontaktmöglichkeiten in einer sich digital verändernden Welt. Das amts- und ordinationstheologische Fundament, Nähe zu den Menschen sicherzustellen, verrutscht zusehends. Ein zentraler Aspekt der Daseinsberechtigung geweihter Amtsträger wird durch die gegenwärtige Pastoralentwicklung in vielen Diözesen konterkariert. Kirche wird in vielen Pastoralplänen vom leitenden und bevollmächtigten Pfarrer her gedacht. Deswegen bleibt das Laien und Klerikern gemeinsame Priestertum in den pastoralen Zukunftsplanungen weitgehend auf der Strecke. Zusätzlich zu den unüberschaubaren und unpersönlichen pastoralen Großräumen, die vorrangig eher eine asymmetrische Amtsführung denn ein diskursives Vorgehen auf Augenhöhe fördert, werden dem Volk Gottes durch den eklatanten Mangel an ordinierten Priestern die Sakramente als verlässliche Heilszeichen im Lebenskontext vor Ort vorenthalten bzw. der Zugang zu diesen erschwert. Das gilt für die in der gemeindlichen Versammlung lokal kirchenstiftende Feier der Eucharistie, aber viel dramatischerer durch den nahezu flächendeckenden Wegfall der Feier der Versöhnung und des so existentiellen Beistands in der Krankensalbung.

All das wird dem Beharren auf einer dysfunktional gewordenen Auslegung eines dem Anschein nach unveränderlichen Priesterideals geopfert, da in der nach kirchlichem Recht geltenden Interpretation nur dem geweihten Priester kirchliche Leitungsvollmacht zukommt. Eine derartige amts- und sakramententheologische Schieflage führt des Weiteren zu einer inadäquaten Diffusion des Leitungsbegriffs. Angeblich aus Gründen der Entlastung der Priester in den pastoralen Großräumen ziehen die Ordinariate immer mehr genuin vor Ort verankerte Gemeindevollzüge an sich. Es entsteht eine Art Überverwaltung bei gleichzeitiger pastoraler Erosion der Kirchengemeinden vor Ort. Für Priester als Gemeindepfarrer führt die kirchenamtliche Überregulierung nicht selten zu einer gefühlten Entmündigung in dem dialektischen Spannungsgefüge von Macht und Ohnmacht. Es bleiben in einer schwerpunktmäßig juristisch und unternehmerisch agierenden Kirche immer weniger pastorale Gestaltungsspielräume auf Gemeindeebene.

Das führt nicht selten zu frustrativen Ohnmachtserfahrungen und zur Überforderungen von Gemeindepfarrern. Eine überverwaltete Kirche beraubt das Priestertum durch eine inkohärente Amtsentwicklung seiner visionären und missionarischen Dimension. Priesterlicher Dienst wird in den Strukturprozessen aktueller Kirchenentwicklung oft ohne einen entschiedenen Richtungswechsel weiter praktiziert. Ohne den benötigten Erneuerungsschub wird der Priester in seiner Rolle und seinem Handeln weiter verunklart und theologisch verunstaltet. Eine geistlich-missionarische Kreativität wird nahezu verunmöglicht, was sich nicht zuletzt und nicht monokausal in der seit Jahrzehnten abnehmenden Attraktivität dieses Berufs manifestiert.

3. Modifikation des Priesterseminars: Skizze für eine zeitgemäße Adaptation des Priesterlichen in der Ausbildung

Die gegenwärtig praktizierten Methoden der Anwerbung und Ausbildung von Priestern erfüllen ihren Zweck der Formatio von überzeugenden Priesterpersönlichkeiten seit geraumer Zeit nur mühsam. Allen voran befindet sich die Institution Priesterseminar/Theologenkonvikt als kirchenrechtlich vorgegebene Ausbildungseinrichtung für die Qualifikation zur Ordination seit längerem in der Krise.7 Unzufriedenheit lässt sich bei Studierenden, akademisch Lehrenden und Ausbildenden konstatieren. Nicht nur die MHG-Studie unterstreicht, dass die dramatische Problemstellung klerikalen Machtmissbrauchs durch ordinierte Amtsträger in einem Zusammenhang mit der Seminarausbildung steht.8 Der Zeitpunkt, Priester(aus)bildung «outside the box» neu zu denken, wird schon seit Jahren mit regelmäßiger und gleichbleibender Dringlichkeit angemahnt, aber ebenso regelmäßig vertagt. Auch die 2017 neu vorgelegte weltkirchliche Ausbildungsrichtlinie für Priester lässt angesichts der bestehenden Krise kein angemessen vertieftes Problembewusstsein oder wirklich mutige Schritte – jenseits der engen kirchenrechtlichen Rahmendaten – in Richtung einer grundlegenden Neuorientierung erkennen.9

Die tridentinisch-nachvatikanische Form des klassischen Priesterseminars steht in der Tradition eines bald 500-jährigen Ausbildungsmodells mit Erfolgen und mit Defiziten. Der anfängliche bildungspolitische und pastorale Modernisierungsschub im 16. Jahrhundert scheint mit der restriktiven Neukonzeption des Seminars im 19. Jahrhundert als engmaschige lokale Diözesaneinrichtung inzwischen völlig aufgebraucht. Im deutschen Sprachraum ist die Institution Priesterseminar, die in den letzten 50 Jahren zwar mit vielen Veränderungen, aber ohne grundlegende, zeitgerechte Anpassungen weitergeführt wurde, ans Ende gekommen. Das offenbart sich nicht nur in einer inhaltlichen Perspektivlosigkeit, sondern in der Tatsache, dass sich seit Jahren nicht mehr genügend Studenten finden, um die kritische Anzahl für eine vitale Ausbildungséquipe sicherzustellen (bei einem vier- bis fünfjährigen Curriculum ca. 40 Seminaristen). Die aufgrund des fehlenden Mangels an Priesterkandidaten unvermeidlichen Kooperationen bzw. die in Aussicht gestellte Konzentration der Priesterausbildung (für die BRD an drei Standorten?) gehorchen mehr der Not denn einem konstruktiven Neuansatz oder einer ausbildungstechnisch-pastoralen Vision. Obgleich mit den nachkonziliaren Anpassungen seit den 1970er Jahren und der seinerzeit mutigen Integration humanwissenschaftlicher bzw. persönlichkeitsrelevanter Ausbildungskriterien – wie die Frage nach der affektiv-emotionalen Reife – durch die Römische Bischofssynode der 1990er Jahre, die Seminarausbildung bewahrt werden konnte, blieb sie im Kern eine separierte Standesinitiation.10

Genau diese teils anachronistischen ständischen Elemente bilden einen Teil der aktuellen Problematik: Priesterkandidaten verbringen ihre akademische Qualifikationszeit größtenteils in exklusiven und von anderen Studierenden getrennten rein männlichen Kleinstgruppen. Die Unterbringung und Versorgung ähnelt im Phänotyp einer Art «betreutem Wohnen» in meist unpassenden Gebäudekomplexen bei gleichzeitiger pädagogischer Überbeaufsichtigung. Nicht selten behindert das besondere Seminarklima aufgrund seiner diversen Möglichkeiten zu Vermeidungsstrategien sozial-kommuniale Reifung der Kandidaten, was einen zentralen Punkt und Zweck für eine Seminarerziehung darstellt. Es besteht die Möglichkeit einer Abschottung vor den Anforderungen eines philosophisch-theologisch anspruchsvollen Studiums und den kulturellen Entwicklungen einer säkularen Zeit. So werden in der nischenartigen Sonderwelt des Seminars rückschrittliche Entwicklungsresistenzen bestärkt, ausdrücklich bei schwächeren Persönlichkeitstypen mit einem starken Bedürfnis nach Rollenbestätigung. Denn die Wahl eines fachlich und kommunikativ derart anspruchsvollen Pastoralberufs mit gleichzeitiger Verpflichtung zu einer ehelosen Existenz, der nicht nur gesellschaftlich, sondern auch kirchlich stark angefragt ist, braucht eine Bestätigung.

Das führt jedoch dazu, dass die Motivationbegründung in der seminarinternen Sonderwelt gesucht und gefunden wird, weil weder die moderne Außenwelt noch die kritische Theologie das billig anbieten. Diese Abgrenzung kann wiederum zur Bildung von klerikalen, nicht selten auch misogynen Seilschaften führen, die das deformierte Gegenbild von priesterlicher Verbundenheit und Kollegialität bzw. Teamfähigkeit darstellen. Angesichts der vielen Ausstellungen zeichnet es sich ab, dass die Seminarausbildung während der akademischen Qualifikationsphase des Studiums zu einer Überforderung und Überfrachtung beider Curricula führt.

Deswegen sollte, um zu bewahren, was das Priesterseminar kann, die Seminarausbildung ad experimentum von der Studienphase getrennt und in der Zeit der postgraduellen Probationsphase angesiedelt werden.11 Priesterkandidaten sollen ohne klosterähnliche Wohnsituationen und Reglements leben wie vergleichbare Studierende anderer Disziplinen. Ihre Eignung für den Priesterberuf mit seinen spezifischen Anforderungen soll nach der akademischen Qualifikation erbracht werden. Keine Richterin, kein Lehrer, keine Ärztin wird bei Ausbildungsbeginn «kaserniert». Ihre berufliche Eignung und die Bestätigung ihrer Wahl wird sich unter den realen Praxisbedingungen einer begleiteten Berufseinführung erweisen. Das bestätigt die im Vergleich zur Halbwertszeit gegenwärtiger Pastoralpläne erstaunlich aktuell bleibende «Regula Pastoralis» Gregors des Großen (540–604). Dort wird für den geistlichen und weltlichen Verantwortungsträger als Qualitätskriterium für seelsorgliche Leitungsverantwortung festgeschrieben, dass der Priester, «indem er nach dem Höchsten strebt, nicht verächtlich auf die Schwachheit des Nächsten herabschauen soll oder umgekehrt in seiner Herablassung zur Schwäche der Nächsten er das Streben nach dem Höchsten nicht aufgeben darf.»12

Priester sind in den Transformationsprozessen der Gegenwart eingeladen, Abenteurer zu werden. Die Verkündigung braucht keine Bewahrer anachronistischer Standesrelikte, sondern Amtsträgerinnen und Amtsträger als Menschen für unvoreingenommene Begegnung, die ohne vorgefertigte Rezepte über die Grenzen des Kirchlichen hinausgehen, schauen und lernen.13 Kirche und Welt warten auf Experten Gottes, die den lebendigen Gott als gegenwärtig in der Gegenwart erfahren haben, nicht auf Katecheten und Katechetinnen, Sozialexperten, Organisationstalente oder Finanzfachleute. Priesterlich zu werden, bedeutet in unseren Tagen vielleicht mehr als früher, die Erfahrung der Gebrochenheit als Gabe annehmen zu lernen und demütig weiterzureichen, immer zeit- und gleichzeitig kultursensibel. Wenn das geschieht, werden Priester und ihr Dienst plausibel. In den komplexen Erschütterungen der Anfragen an das Priestertum kann dann vielleicht die paradoxe Erfahrung gemacht werden, dass «genau da, wo ich belastet werde, ich aufgerichtet werde, weil ich geliebt bin.»14

Anmerkungen

1 Melvin Michalski, The relationship between the universal priesthood of the baptized and the ministerial priesthood of the ordained in Vatican II in subsequent theology. Understanding ‹essentia et non gradu tantum›, Lumen Gentium No. 10, Lewiston 1996; Medard Kehl – Stephan Ch. Kessler, Priesterlich werden. Ein Anspruch für Laien und Kleriker, Würzburg 2010, 15–20.
2 Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.), «Gemeinsam Kirche sein». Wort der deutschen Bischöfe zur Erneuerung der Pastoral (Die Deutschen Bischöfe 100), Bonn 2015 sowie unter gleicher Herausgeberschaft: Gemeinsam Kirche sein: Impulse – Einsprüche – Ideen (Arbeitshilfen 286), Bonn 2016.
3 Vgl. die differenzierten Ergebnisse der empirische Seelsorgestudie: Klaus Baumann – Arndt Büssing – Eckhard Frick – Christoph Jacobs – Wolfgang Weig, Zwischen Spirit und Stress. Die Seelsorgenden in den deutschen Diözesen, Würzburg 2017.
4 Canon 284 Codex Iuris Canonici. Es soll an dieser Stelle nicht über die Vor- und Nachteile der Klerikerkleidung befunden werden, sondern die unvergleichliche Situation einer Standeskleidung in einer postindustriellen-bürgerlichen Gesellschaft hervorgehoben werden: «Der Geistliche muss in der Öffentlichkeit durch seine Kleidung als solcher eindeutig erkennbar sein.» (Partikularnorm Nr. 5 der Deutschen Bischofskonferenz zu c. 284 CIC, rechtskräftig 1.1.1996).
5 Doris Reisinger, Missbrauch mit System. Das Ringen um die Zukunft der katholischen Kirche, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 5/2021, 105–111; hier 107–109.
6 Georg Schöllgen, Die Anfänge der Professionalisierung des Klerus und das kirchliche Amt in der Syrischen Didaskalie, Münster 1998.
7 Stephan Ch. Kessler, Zur Dysfunktionalität gegenwärtiger Priesterausbildung. Das Seminar in Mitteleuropa zwischen Reformstau und neuen Herausforderungen, in: Regina Meyer – Bernward Schmidt (Hg.), Priesterliche Identität? Erwartungen im Widerstreit, Münster 2021, 271–279.
8 MHG-Studie = Harald Dressing und Forschungskonsortium, Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz, 2018 unter: https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/dossiers_2018/MHG-Studie-gesamt.pdf, 13f; 16 (Zugriff am 10.01.2022). Dass nur zwei Stufen des dreigliedrigen Ordo auf missbräuchliches Verhalten untersucht wurden, erscheint symptomatisch und ist nicht verwunderlich, da die Studie von Bischöfen beauftragt wurde.
9 Kongregation für den Klerus, Das Geschenk der Berufung zum Priestertum. Ratio Fundamentalis Institutionis Sacerdotalis, Bonn 2017; die anpassende «Übersetzung» der Richtlinie in die Kontexte des deutschsprachigen Raumes steht noch aus.
10 Deutsche Bischofskonferenz, Rahmenordnung für die Priesterbildung, Bonn 2003; Johannes Paul II. [Karol Wojtila], Nachsynodales Apostolisches Schreiben «Pastores dabo vobis» der VIII. Ordentlichen Generalversammlung zur Welt-Bischofssynode (1990) über die Priesterbildung im Kontext der Gegenwart, Bonn 1992.
11 Kessler, Dysfunktionalität gegenwärtiger Priesterausbildung (Anm. 6), 282–286.
12 Gregor der Grosse, Regula Pastoralis 2,5, in: SC 381 (1992) 196; Stephan Ch. Kessler, Die Kunst der Leitung. Menschenführung nach der ‹Regula Pastoralis› Gregors des Großen, in: Lebendige Seelsorge 59 (2008) 185–188.
13 Guido Schlimbach, Gegenseitige Achtung in respektvoller Distanz. Zwischenruf aus der Kunst-Station Sankt Peter Köln, in: Stefan Kopp – Stephan Wahle (Hg.), Nicht wie Außenstehende und stumme Zuschauer. Liturgie – Identität – Partizipation (Kirche in Zeiten der Veränderung 7), Freiburg 2021, 233–247.
14 «Ubi oneror, ibi etiam sublevor, quia diligor», Augustinus von Hippo, Epistula 101,1, in: CSEL 34/2 (1898), 539.

Abstract:
Re-thinking Priesthood and Seminary. Even after the reforms of the Second Vatican Council, the professional ethos of the priest is still based on elements of a pre-modern society. The disclosure of the abuse of power by priests has shown that the corporate symbols of the priesthood can turn into their diabolical opposite when there is no professional limitation and control. It is necessary to break with an anachronistic and dangerous system that brings even new dangers in respect to the ever larger parishes and pastoral areas. An efficient step in the professionalization of the priestly work could be ad experimentum to postpone the seminar phase to the time of testing after the study phase, as is done in comparable professions.

Keywords:
priesthood – seminarians – seminary – sexual abuse – pastoral planning

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