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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/com.2022.2.126–135
Jean-Luc Marion
CHRISTUS, IKONE DES UNSICHTBAREN GOTTES
Der christliche Glaube muss das, was er glaubt, auch denken können – außer wenn er nur zu glauben meint oder wenn er sich einbildet, etwas zu glauben, ohne zu wissen, was er zu glauben behauptet. Und dieser Glaube glaubt erst, kann erst dann überhaupt irgendetwas glauben, wenn er zugibt (und somit auch versteht), dass Jesus den Titel als Christus (Messias) nur deshalb beanspruchen konnte, weil er sich stets als Sohn des Vaters vorstellte und heute noch vorstellt: «Ich bin im Vater und der Vater ist in mir […] Glaubt mir: Ich bin im Vater und der Vater ist in mir.» (Joh 14,10–11). Der Christus-Titel ist nur insofern sinnvoll und berechtigt, als er von dieser offenkundigen Sohnschaft gestützt wird, die selbst jene ansprechen, die daran Anstoß nehmen. Ja, gerade deswegen, wegen seiner Verbundenheit mit dem Vater, wurde Jesus verurteilt:

Sie ließen ihn dem Hohen Rat vorführen und sagten zu ihm: «Wenn du der Messias bist, dann sag es uns!» Er antwortete: «Auch wenn ich es euch sage, ihr glaubt mir ja doch nicht; und wenn ich euch etwas frage, antwortet ihr mir nicht. Von nun an wird der Menschensohn zur Rechten des allmächtigen Gottes sitzen [Psalm 110, 11]». Da sagten alle: «Du bist also der Sohn Gottes.» Er antwortete ihnen. «Ihr sagt es – ich bin es» (Lk 22, 66-69).

Christus definiert seine Identität durch sein Identischsein mit dem Vater. Anders gewendet: Seine eigenstes Beisichselbstsein besteht darin, mit dem Vater völlig eins zu sein: «Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke» (Joh 14, 10). An Christus glauben (das heißt: sich von ihm einen Begriff machen) bedeutet deshalb, sein Eigensein als Sein in einem Andern (dem Vater) zu denken – mit andern Worten, eine Identität zu denken, die grundlegend dem widerspricht, was wir gewöhnlich unter Identität verstehen. Im Gegensatz zum metaphysischen Prinzip, welches festlegt, dass nichts im selben Moment und unter derselben Rücksicht von sich selbst verschieden sein kann, lässt sich die Identität Christi nicht als einfaches Sich-selbst-gleich-Sein fassen; seine Sichselbst-Gleichheit liegt seiner Sohnschaft gegenüber dem Vater weder voraus noch zu Grunde; sie ergibt sich vielmehr erst aus dieser oder, genauer gesagt, sie ist mit ihr identisch. Für uns dagegen scheint gerade das Umgekehrte selbstverständlich zu sein: Wir bestimmen uns, wir denken, dass wir uns zunächst als mit uns selbst identisch bestimmen müssen, als ein Wir-selbst (als autonom, authentisch, uns selber treu usw.), um in der Folge, darauf aufbauend, dann und wann in verschiedene, nicht notwendige Beziehungen einzutreten (Sohnschaft, Zwischenmenschlichkeit, gesellschaftliche und kulturelle Bezüge). Der Gegensatz zwischen der doppelten Meinung von Sichselbstgleichheit, jener des Christus (die de jure trinitarisch ist) und unserer natürlich gegebenen (die de facto als metaphysisch zu bezeichnen ist), lässt sich nicht aufheben, trotz allen großartig misslingenden Anstrengungen der «Analytischen Theologie», die die Sichselbstgleichheit Christi im Sinne des Identitätsprinzips verstehen möchte. Der Gegensatz erweist sich vielmehr als absolut entscheidend, im wörtlichen Sinne «kruzial», weil er zur Hinrichtung Christi am Kreuz geführt hat.

So entscheidend diese Art der Sichselbstgleichheit für ein rechtes Verständnis Christi ist (er ist er selbst als ein Anderer, als grundlegend Sohn des Vaters), so wichtig ist sie, auf einer nächsten Stufe, um zu verstehen, wie Christus uns erlösen kann. Hier gilt ganz grundsätzlich das Prinzip, das die Kirchenväter schon sehr früh und dann immer ausdrücklicher dem Doketismus, der Gnosis und dem Arianismus entgegenhielten: Nichts (Menschliches, kein Mensch) kann von Gott, und in unserm Fall von dem in unserem Fleisch gekommenen Sohn erlöst werden, vielmehr nur das, was Er von diesem Menschsein angenommen hat. Daraus entwickelte sich (worauf wir hier nicht weiter eingehen müssen) die große Lehre der ökumenischen Konzilien: eine einzige Person trägt zwei Naturen in sich, diese eine Person lässt in sich zwei Willen einander gegenübertreten, die sich entweder widersprechen (bei uns, im sündigen Sein) oder zur Übereinstimmung kommen (im einzigen Fall Jesu Christi), und den Willen des Vaters vollkommen erfüllen – «Dein Wille geschehe, auf Erden wie im Himmel» (Mt 6, 10). Die seinsmäßige Sichselbstgleicheit (eine Person, eine Hypostase in zwei Naturen) konkretisiert und bestimmt sich so im Gleichsein zweier Willen – oder genauer, nach Maximus Confessor, zweier Arten von Willen – und vertieft so das Zusammen, die Kommunion zwischen Gott und Mensch im Tun Christi, von der seinsmäßigen Gleichheit zur vollkommenen Einheit in der Liebe. Wir sind nur in dem Maße erlöst, als wir im «Geist, der in unsere Herzen ausgegossen ist» (Röm 5, 5), die gleiche Kommunion der Liebe vollbringen können, die Christus vollbracht hat. Denn so besitzen wir unsere Identität, gleich wie Er, durch den Vater und vom Vater her: «Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, der ruft: Abba, Vater! Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn, bist du aber Sohn, dann auch Erbe, Erbe durch Gott» (Gal 4, 6–7, vgl. Röm 8, 15).

Es gibt aber noch mehr, genauer gesagt – weil es nichts Größeres geben kann – es gibt einen andern Weg, diese Identität durch Kommunion festzustellen. Kurz vor der Stelle, wo Jesus sich bei Johannes seine Sichselbstgleichheit als Gleichheit des Sohnes mit dem Vater zu eigen macht, antwortet er Philippus, der ihn bat: «Zeig uns den Vater und das genügt uns» (14, 8), «Wer mich sieht, sieht den Vater» (14, 9). Damit bekräftigte er eine frühere Aussage: «Wer mich anschaut (theôrei), schaut auch den an, der mich gesandt hat» (12, 45). Diese doppelte Art, die Identität Christi auszusagen, ist tatsächlich nur eine einzige; weil er sich durch seine vollkommene Identität mit dem Vater und durch den Vater kennzeichnet, offenbart der Sohn den Vater, ja, er zeigt ihn sogar – zumindest dem, der das, was sich ihm zeigt, richtig zu sehen bereit ist. Denn man kann sich im Gegenteil weigern, das zu sehen, was man sieht, den Sohn im Vater: «Jetzt haben sie mich gesehen (heôraskasin) und sie haben mich gehasst, mich und meinen Vater» (15, 24). Sehen heißt somit, das sehen wollen, was zu sehen ist; in unserem Fall besagt Sehen des Vaters, dass man bereit ist, sich in den Willen des Vaters einzustimmen oder nicht, und es zeigt dies auch an; folglich ist es die Willenshaltung, die über das Sehen entscheidet, wie schon die Seligpreisung ankündigte: «Selig, die ein reines Herz haben [Psalm 24, 4 und 51, 12]; denn sie werden Gott schauen (opsontai)» (Mt 5, 8). Andere Texte versprechen uns, wir werden Gott einmal ins Gesicht schauen können: «Jetzt schauen wir (blepomen) in einen Spiegel und sehen rätselhafte Umrisse, dann aber wird es von Angesicht zu Angesicht sein» (1 Kor 13, 12 und 2 Kor 3, 16–18). Oder auch: «Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist (opsometha auton kathôs estin)» (1 Joh 3, 2). Ebenso: «Strebt voll Eifer nach Frieden mit allen [Psalm 34, 15] und nach der Heiligung, ohne die keiner Gott sehen wird (opsetai)» (Hebr 12, 14). Schließlich: «Sie werden sein Angesicht schauen [Ps 17, 15 und 42, 3] und sein Name ist auf ihre Stirn geschrieben» (Offb 22, 4). Unsere Möglichkeit, den Vater im Sohn zu schauen, setzt somit die Willensgemeinschaft des Sohnes mit dem Vater voraus und fällt sogar mit ihr zusammen: Christus lässt den Vater sehen, weil er seinen Willen erfüllt, und wir werden den Vater nur sehen können, wenn auch wir in der Kraft des Geistes den einen und einzigen Willen des Vaters und des Sohnes erfüllen. Denn das eine wie das andere Geschehen beruht auf der Liebe, «ohne die ich nur dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke» wäre (1 Kor 13, 1). So ergibt sich folglich die Aussage: «Wer mich sieht, sieht den Vater» für uns, in Bezug auf das Sehen, aus der andern Aussage, die sich auf die Communio, dass Einssein in Liebe bezieht: «Nicht wie ich will, sondern wie Du willst» (Mt 26, 39). Auch für uns gehören die beiden zusammen, vorausgesetzt, dass wir nicht «schlafen». [...]


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