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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/com.2022.2.228–231
Hans Maier
KRIEG IN EUROPA
Am 24. Februar um 05:28 Uhr marschierten russische Bodentruppenan mehreren Stellen in die Ukraine ein. Der Angriff galt, wie sich rasch herausstellte, dem gesamten Land.Auch aus der Luft wurde die Ukraine bombardiert.Zuvor hatte Wladimir Putin in einer Fernsehansprache das Existenzrecht derUkraine als selbständiger Staat in Frage gestellt. UNO-Generalsekretär Guterres sprach von dem schwersten Konflikt in Europa seit Jahrzehnten.

Nach einem Moment der Schockstarre erwachten überraschend schnelldie Gegenkräfte. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verhängtedas Kriegsrecht und verkündete die Generalmobilmachung für Wehrdienstleistende und Reservisten. Die Ukraine schloss ihren Luftraum. Ukrainische Soldaten, obwohl den russischen Streitkräften zahlenmäßig weit unterlegen,wehrten sich erfolgreich gegen die Aggression und verlangsamten den Vormarsch der Angreifer – worauf Putin, unter Druck, am vierten Tag des Kriegesein härteres Vorgehen ankündigte und möglichen Gegenkräften in Europapauschal mit atomaren Waffen drohte.

Im Westen führte der russische Angriffskrieg zu einer politischen Kehrtwende, die nach Umfang und Wirkung historisch genannt werden muss. Vor allem Deutschland nahm Abschied von Positionen, die sich als Illusion erwiesen hatten. Es stärkte die Bundeswehr mit einem 100-Milliarden-Programm, erhöhte den Wehretat sogar über die von der NATO geforderten zwei Prozentdes Bruttoinlandsprodukts hinaus, beteiligte sich an den Sanktionen gegen Russlands Banken (SWIFT) und erklärte sich bereit, Panzer- und Flugzeugabwehrwaffen an die Ukraine zu liefern. Selbst in Russland flammte vereinzeltWiderstand auf: In mehreren Städten gingen Menschen auf die Straße, obwohlsie Gefahr liefen, ins Gefängnis geworfen zu werden, da die Polizei jede nochso kleine Demonstration brutal unterdrückte. Mehr als 640 Wissenschaftler(inzwischen ist die Zahl auf über 7000 gestiegen!) veröffentlichten im Interneteinen offenen Brief, in dem es heißt: «Es fällt uns schwer, einzusehen, dass unser Land, das einen entscheidenden Beitrag zum Sieg über den Nationalsozialismus geleistet hat, jetzt Anstifter eines neuen Krieges auf dem europäischenKontinent geworden ist».

Wie hat sich angesichts des Krieges der westliche Blick auf den russischenPräsidenten verändert? In seinen Anfängen warWladimir Putin noch als verlässlicher Handelspartner, ja sogar als potentieller Friedensstifter wahrgenommen worden. Im Deutschen Bundestag hatten ihn 2001 nach einer Rede, die er aufdeutsch hielt, viele beklatscht. Sein aggressives Vorgehen in Tschetschenien undGeorgien und selbst die Einverleibung der Krim nahm man im Westen miterstaunlicher Gelassenheit hin. Den offenen Ausbruch der Feindseligkeiten in der Ostukraine konnten Angela Merkel und François Hollande 2015 im Minsker Abkommen noch diplomatisch schlichten, obwohl die Kämpfe im Donezbecken in der Folgezeit nicht aufhörten und die OSZE die ihr zugedachteAufsichtsrolle nicht wirklich ausüben konnte. Der Umschwung kam spät und zögerlich, nachdem Putin mit der militärischen Umklammerung der Ukraine 2021 alle früheren Rücksichten beiseitegelegt hatte und 2022 einen Angriffskrieg begann, der nicht nur im Westen als «Putins Krieg» bezeichnet wurde.

Man kann sich diesen Wandel – von einer Zeitenwende sprach der deutsche Bundeskanzler – in einem Bild symbolisch vor Augen führen: Währendsich Merkel, Putin und Hollande 2015 in Moskau noch an einem kleinen runden Tisch auf Ellbogennähe trafen, gelang es Putin 2021, seine europäischenGesprächspartner – vorgeblich aus Rücksicht auf Corona – an einem paranoiden Achtmetertisch buchstäblich vorzuführen: die Gesprächspartner hilflos aufweitem Abstand dem Diktator gegenüber, dieser selbst mit steinernen Zügen,mit einer Maske, «die Härte, Groll und Unzufriedenheit ausstrahlt» (WladimirSorokin).

Wie in modernen Konflikten üblich, ist auch der Ukrainekrieg ein Krieg,in dem Wahrnehmungen, Vorstellungen, historische Visionen miteinanderstreiten – Bilder, die sich gegenseitig ausschließen. Das reicht bis zu zerreißenden Widersprüchen und Selbsttäuschungen. Die allerwenigsten der 150 000russischen Soldaten dürften wirklich gewusst haben, in welchen Kampf mansie schickte; der Krieg – den Medien in Russland war selbst dieses Wort verboten! – wurde ihnen als Schutzaktion für die angeblich von ukrainischenAggressoren bedrohten russischen Landsleute in der Ostukraine ausgegeben. In Kiew seien «Faschisten» und «Militaristen» an die Macht gekommen, vordenen man sich schützen, gegen die man kämpfen müsse, so die staatsrussische Version der Dinge. Das alte Narrativ aus Weltkriegszeiten verfängt noch heute in Russland, vor allem bei der älteren Generation; einzig die Jüngeren, die sichim Internet orientieren, können sich ein wahres Bild der Lage machen. Bewundernswert der ukrainische Staatspräsident Selenskyj, der seine Landsleute,täglich den Ort wechselnd, im Armee-Dress in Video-Botschaften über dieLage unterrichtet und ihnen Mut zuspricht; sein Wort erreicht inzwischen dieganze westliche Welt und findet Beifall bei vielen Menschen.

Selenskyi ist Jude. Schon an dieser Tatsache prallt Putins Faschismus-Vorwurf ab und wird zur Lächerlichkeit. Eine persönliche Erinnerung sei mir erlaubt.Als ich im Herbst 1995 an der Kiewer Universität Vorlesungen hielt, gingich täglich am Denkmal von Sholem Aleichem, dem Dichter des jüdischenSchtetl, der berühmte Stücke auf Jiddisch schrieb («Anatevka»!), vorbei. Zurecht hat Selenskyj die Juden in aller Welt aufgefordert, sich hinter die Ukrainezu stellen und den Aggressor Putin – dessen Truppen inzwischen auch dieHolocaust-Gedenkstätte Babyn Jar nahe Kiew bombardiert haben – eindeutigzu verurteilen.

Der Krieg ist zurück in Europa, nach langen Friedensjahren und einer rentablen Friedensdividende. Was nun weiter? Wird die Ukraine ein Opfer desrussischen Überfalls? Kommen die Wirtschaftssanktionen, die Abwehrwaffen des Westens zu spät? Die USA, die NATO, die EU halten sich aus dem Konflikt heraus, damit der Ukrainekrieg nicht eine Schleuse zum dritten Weltkriegwird. Das kann man nachvollziehen.Aber ohnmächtig beiseite stehen zu müssen, wenn ein Volk vergewaltigt, ein Staat mit dem Untergang bedroht wird, istfür den Westen bitter, und die begrüßenswerte Bereitschaft der Europäer zurAufnahme ukrainischer Flüchtlinge – inzwischen ein Millionenheer! – bietetkaum einen Ausgleich.

Es bleibt die Hoffnung auf eine unerwartete Wendung der Dinge. An solchen Wendungen ist ja die russische Geschichte nicht arm. Doch die Erwartung ist unsicher, vieles bleibt Wunschdenken. «Erst wenn die Entflechtungdes Imperiums auch in den Köpfen der Menschen vollzogen ist, kann es einenFrieden geben, der den nächsten Tag überdauert», schreibt Jörg Baberowski in der FAZ vom 1.3.2022. Das ist wahr – aber zuvor müsste wohl die Angstvieler Russen vor der «ansteckenden Seuche der Freiheit» (John F. Kennedy)überwunden werden. Noch ist der «Euromaidan» in Kiew, auf dem die Ukrainer 2013/14 endgültig die Weichen für die Freiheit und für Europa stellten,für viele Russen ein Schreckenswort. Kann er eines Tages zu einem Leitwortwerden, das Russen wie Ukrainer vereint und in die Zukunft führt?

In dieser Lage wünschte man sich sehnlich ein klares Wort der Kirchen. Die Orthodoxie ist gespalten; sie war es schon lange vor dem jetzigen Krieg; derMoskauer Patriarch Kyrill I. ist längst vor dem sich fromm gebärdenden, in derÖffentlichkeit betenden Putin in die Knie gegangen. Ich habe bei Aufenthalten in Kiew vor der Sophienkathedrale mehrfach körperliche Auseinandersetzungen, ja regelrechte Kämpfe zwischen den verschiedenen Orthodoxien, derrussischen und den beiden ukrainischen, erlebt. Deutlicher äußern sich weltweit die reformatorischen Kirchen. Der Protestantismus nimmt ganz überwiegend Partei für die Angegriffenen. Den katholischen Stellungnahmen dagegen mangelt es nach meiner Meinung an Klarheit und Entschiedenheit; sie sehen den Krieg eher als ein Naturschicksal, das man als Christ in Geduld zu erleidenhat (eine Ausnahme bilden französische und deutschsprachige Erklärungen, dieRoss und Reiter nennen).Auch Papst Franziskus hat sich bisher nur verhaltenzum Krieg um die Ukraine geäußert; er mahnte zwar zum Frieden, sicherte auch Präsident Selenskyj am Telefon sein Mitgefühl zu, erwähnte aber mitkeinem Wort die Invasion, den russischen Angriff und den Verursacher Putin.War die Rücksicht auf jüngere ökumenische Annährungen zwischen den Katholiken und der russischen Orthodoxie im Spiel? Wollte Franziskus möglicheReisepläne nach Moskau, von denen man seit Jahren spricht, nicht gefährden?

So fällt das letzte Wort in dieser Sache mit innerer Notwendigkeit der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche, den Unierten, zu. Diese Kirche,mit mehr als fünf Millionen die größte unter den katholischen Ostkirchen, wirkt mit ihrem komplizierten Namen wie ein verkleinertes Abbild des gegenwärtigen Konflikts: Seit 1593 mit Rom, mit dem Papst vereint, aber bisheute an den byzantinischen Ritus gebunden; mit stundenlangen Messen (weil sie ganze Traktate der Christenlehre einschließen); mit verheirateten Priesternund zölibatär lebenden Mönchen und Nonnen, mit geistlichen Amtstitelnähnlich denen der Orthodoxie.

Man kann nur hoffen, dass die Unierten in dem gegenwärtigen Krieg nichtuntergehen, sondern sich behaupten, ja stärker und sicherer werden. Mit derOrthodoxie zwangsfusioniert – und dadurch in den Untergrund gedrängt – wurden sie ja schon einmal, nämlich in Stalins Reich. Die Unierten musstenviele Opfer bringen, sie blieben in der späten Sowjetunion lange Zeit bedrohtund angefochten. Aber sie haben sich auf Dauer durchgesetzt und behauptet.Dadurch wurden sie zu einem Vor-Bild, einer Vorwegnahme der KatholischenKirche der Zukunft. Das stimmt, trotz allem, hoffnungsvoll.

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