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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/com.2022.6.609–619
Dieter Böhler
MIT GOTT GEGEN GOTT
Das Ringen des Beters von Ps 77 mit Gott
«[M]ulti clamant ad Dominum pro d iuitiis acquirendis damnisque deuitandis, pro suorum salute … . Pro his atque huiusmodi rebus multi clamant ad Dominum; vix quisquam propter ipsum Dominum»1, «viele rufen zum Herrn um Reichtümer, die sie erlangen, wegen Schäden, die sie vermeiden wollen, um Wohlbefinden für ihre Leute …. Für dies und derlei Dinge rufen viele zum Herrn, kaum jemand um des Herrn selbst willen», kommentiert Augustinus anerkennend zu Psalm 77, dessen Beter er bescheinigt, Gott nicht um «irgendetwas» anzurufen, sondern um Gottes selbst willen. Dem Beter dieses Psalms geht es um Gott. Zwar wird auch das drängende Gebet des Psalmisten durch eine konkrete Notlage veranlasst – es ist ein nationales Desaster – aber der Beter bittet an keiner Stelle um Behebung dieser Not, sondern ringt mit Gott um Gott, der ihm zum Problem geworden ist, um einen Gott, mit dem er nicht mehr zurechtkommt, den er einst zu kennen glaubte, der ihm jetzt aber ein Rätsel geworden ist, ein Rätsel, das ihn quält. Er kämpft mit dem Gott der biblischen Überlieferung gegen den von ihm aktuell erfahrenen Gott. Er ringt mit dem Gott, über den er endlos und fruchtlos nachgegrübelt hat, mithilfe des Gottes, den er ratlos anspricht.

Zweifaches «meine Stimme» (V 2) und «meine Hand» (V 3) eröffnen den Psalm. Das betende Ich ruft zu Gott mit lauter Stimme und erhobener Hand. Am Ende entsprechen dem die zweifache «Stimme», die Gottes Gegenwart anzeigt (V 18-19) und die «Hand» von Mose und Aaron (V 21), durch die Gott selber führt. Der Ruf des Beters mit Hand und Stimme bleibt nicht ohne Antwort von Seiten Gottes. Die Inklusion «Stimme – Stimme – Hand» // «Stimme –Stimme – Hand» zeigt, dass der Dichter eine abgeschlossene Einheit vorlegt. Er hat gesagt, was er zu sagen hatte, auch wenn mancher Leser den Eindruck hat, das Gedicht sei offen, unabgeschlossen (was nicht ganz falsch ist), oder gar uneinheitlich und aus disparaten Teilen zusammengesetzt.2

1 Für den Musikmeister: Über Jedutun, von Asaf ein Instrumentallied.
2 Meine Stimme zu Gott hin, dass ich schreie,
meine Stimme zu Gott hin, dass er (ganz) Ohr sei zu mir hin.
3 Am Tag meiner Bedrängnis suchte ich den Herrn,
meine Hand – des Nachts ist sie hingegossen und will nicht nachlassen.
Es weigerte sich, sich trösten zu lassen, meine Kehle/Seele.
4 Will ich gedenken Gottes, dann muss ich stöhnen,
muss ich grübeln, dann will verzagen mein Geist. Sela

5 Du hast festgehalten meine Augenlider,
ich bin aufgewühlt und kann nicht reden.
6 Ich überdachte Tage von früher,
Jahre vor Ewigkeiten.
7 Will ich gedenken meines Saitenspiels in der Nacht,
muss mit meinem Herzen ich grübeln, muss forschen mein Geist:

8 Wird für Ewigkeiten verstoßen der Herr
und nie mehr annehmen?
9 Hat geendigt auf Dauer seine Loyalität,
kam zuende die Zusage auf Generationen hin?
10 Hat vergessen gnädig zu sein Gott,
oder hat er verschlossen im Zorn sein Erbarmen?

11 Da sagte ich: Das ist mein Siechtum,
dass so anders wurde die Rechte des Höchsten.
12 Ich werde gedenken der Taten JHs,
ja ich will gedenken deines Wundertuns von früher,
13 und ich will murmeln über all dein Wirken,
und über deine Werke will ich grübeln:

14 Gott, in Heiligkeit ist dein Weg!
Wer ist eine Gottheit so groß wie unser Gott?
15 Du bist die Gottheit, einer, der Wunder tut3,
du hast bekannt gemacht unter den/an den Völkern deine Macht!
16 Du hast ausgelöst mit dem Arm dein Volk,
die Söhne Jakobs und Josefs! Sela

17 Es sahen dich Wasser, Gott, es sahen dich Wasser, sie mussten zittern,
es mussten gar erbeben die Urfluten.
18 Es regneten Wasser (die) Wolken,
(seine) Stimme gab (von sich das) Gewölk,
derweil auch deine Pfeile (permanent) hin und her gingen.
19 Die Stimme deines Gedröhns mit dem Räderwerk!
Es erhellten Blitze den Erdkreis.
Es bebte und schwankte die Erde!

20 Durch das Meer (ging) dein Weg
und dein Pfad durch viele Wasser.
Aber deine Spuren waren nicht zu erkennen.
21 Du geleitetest wie Schafe dein Volk
durch die Hand von Mose und Aaron.

Inhaltlich und formal hat das Gebet zwei recht unterschiedliche Teile, sie bilden aber eine Einheit und beschreiben einen einzigen fortlaufenden Prozess. Hermann Gunkel meinte:

«Das Gedicht beschreibt die Nachtgedanken 3. 5 eines fast verzweifelnden und sich gewaltsam aufraffenden Denkers. Es zerfällt in zwei Teile 1-10. 11-21; der erste davon ist nach Form und Gehalt ein Klagelied, der zweite endet als Hymnus; das Ganze beschreibt also, wie der Dichter mit den Jubelklängen eines Hymnus die schmerzlichen Klagen seiner Seele übertönt hat.»4



Anmerkungen
1 Augustinus, Enarr. in Ps. LXXVI, CCL 39, Turnhout 1956, 1052f.
2 Frank-Lothar Hossfeld, in Ders. – Erich Zenger, Psalmen 51–100, HThKAT, Freiburg 32000,
410, hält V 17–20 für einen Einschub, ein «kosmologisches Zwischenspiel. Aber die zweifache
«Stimme» in V 18–19 kann als Pendant zu V 2 nicht entbehrt werden; die zweimalige Abfolge
«Stimme – Stimme – Hand» in V 2–3 und 18–19.21 ist dichterische Absicht.
3 «El» («die Gottheit») ist im Hebräischen maskulin, daran schließt (indeterminiert) das maskuline
Partizip «tuend» an, müsste im Deutschen also kongruent «die Gottheit, eine, die Wunder tut»
heißen. Allerdings ist die Formulierung auch Zitat aus Ex 15, 11 («du bist einer, der Wunder tut»).
Damit das deutlich wird, ist hier schon die maskuline Form gewählt.
4 Hermann Gunkel, Die Psalmen, Göttingen 51968, 333. [...]


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