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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/com.2023.2.131–139
Hans Joachim Höhn
KEINE PANIK?
Kaleidoskop einer Gesellschaft in Angst
Die Angst ist Bestandteil eines für den Menschen existenziell wichtigen Frühwarnsystems. Ohne Angst fehlt ein Seismograph für reale Risiken und Grenzen, deren Überschreitung das Leben beeinträchtigen oder sogar kosten kann. Dass man keine Angst hat, ist kein Vorteil, sondern ein Mangel. Denn die Angst signalisiert eine akute Gefahrensituation und löst umgehend eine reflexartige Notfallreaktion aus. Auf die plötzliche Gefährdung von Leib und Leben mit umständlichen Überlegungen zu lebensrettenden Maßnahmen zu reagieren, wäre lebensgefährlich. Dafür reicht die Zeit nicht. Erst wenn das Schlimmste bereits überstanden ist, beginnt man zu realisieren, was gerade passiert ist. Man ist noch einmal davon gekommen. Der Schreck lässt nach. Der Alarmmodus kann wieder abgeschaltet werden. Geschieht dies nicht, bleibt der physische und psychische Energieverbrauch auf einem zu hohen Level. Angst kann darum für keinen Organismus ein tragbarer Dauerzustand werden. Herzrasen, Schweißausbrüche, Muskelzittern müssen bald ein Ende haben. Werden sie chronisch, entwickeln sich diese Signale einer Bedrohung selbst zu einer bedrohlichen Angelegenheit. Sie bereiten dann mehr Probleme, als sie ursprünglich zu bewältigen halfen.1

Dass die Angst chronisch werden kann und einen prekären Dauerzustand anstatt eine Ausnahmesituation definiert, ist nicht nur ein Thema psychologischer Angsttheorien und therapeutischer Versuche, einem von Phobien geplagten Menschen beizustehen.2 Immer wieder machen auch soziologische Zeitdiagnosen und kultursoziologische Längsschnitte darauf aufmerksam, dass und in welchem Ausmaß kollektive Mentalitäten und soziale Befindlichkeiten sowie gesellschaftliche Muster der Weltdeutung und Lebensplanung angstbesetzt sind.3 Angst begegnet hier als eine Größe, die zum einen latent und kontinuierlich am Werk ist. Sie kann sogar den Sozialcharakter einer Nation («German Angst») prägen4 sowie über Jahre hinweg Stimmung und Tonlage politischer Debatten und Agenden beeinflussen. Zum anderen vermag sie für disruptive Veränderungen den Ausschlag zu geben. Angst lässt globale Märkte in kürzester Zeit zusammenbrechen und Börsenkurse ins Bodenlose stürzen. Sie beeinflusst Devisenströme und Investitionsentscheidungen. Sie führt Regie, wenn über Krieg und Frieden entschieden wird. Angst ist eine ökonomische und politische Weltmacht.

Auf der Ebene des Sozialen bestätigt sich, was für die Erörterung des Angstphänomens im individuellen Erleben gilt: Angst ist ambivalent. Sie setzt spontan ungeahnte Kräfte frei und lässt sie ebenso rasch erlahmen. Sie lässt Menschen eng zusammenrücken und treibt sie auseinander. Sie solidarisiert und befördert die Vereinzelung. Sie löst Hektik und Hysterie aus, aber führt auch zu Schockstarre und Defätismus. Angst kann lebensfeindlich und lebensdienlich sein. In dieser Ambivalenz konfrontiert die Angst nicht nur mit dem Abgründigen der Welt, in der wir leben. Sie sagt auch etwas aus über die Dialektik aller Versuche, diese Angst zu schüren und zu bändigen.

I

In welchen Konstellationen sich Angst sozio-kulturell einnistet und einflussreich wird, ist die Leitfrage der folgenden Sondierungen, die den Symptomen einer «Angstgesellschaft» ebenso nachgehen wie der Aussagekraft darauf bezogener Diagnosen.5 Die meisten Studien stimmen darin überein, dass die Verlagerung des soziologischen Fokus auf den Komplex «Angst» mit einem in den letzten 40 Jahren eingetretenen gesellschaftlichen Stimmungswandel zusammenhängt: Der zuvor waltende Zukunftsoptimismus ist Negativerwartungen gewichen. Moderne Gesellschaften können kollektive Aufstiegs-, Wohlstands- und Sicherheitsversprechen nicht mehr einlösen. Abstiegs- und Verlustszenarios beschäftigen zunehmend die bürgerliche Mittelschicht. Angst avanciert zur emotionalen Grundlage und Antriebskraft politischer Kontroversen und sozialer Bewegungen. Die Bandbreite reicht von rechtspopulistisch geschürten «Überfremdungsängsten» bis zu apokalyptisch getönten Befürchtungen eines kollabierenden Weltklimas. Angst ist auch der Treibstoff von Verschwörungsideologien und Desinformationskampagnen. Ängste sind ansteckend geworden, ohne dass es dafür einen Direktkontakt mit der Infektionsquelle braucht. Über die Kanäle der social media haben sie neue Verbreitungswege gefunden. Und prompt lösen diese Medien der Angstübertragung neue Übertragungsängste aus.

Allerdings verführen diese Beobachtungen auch zu Vereinseitigungen und voreiligen Verallgemeinerungen. Verliert die Angst tatsächlich den Charakter eines Ausnahmephänomens? Ist sie derart gesellschaftsprägend, dass sie generell zum Befindlichkeitsmarker der späten Moderne geworden ist? Oder sind dies Übertreibungen soziologischer Zeitdiagnosen mit schmaler Faktenbasis? Skepsis ist durchaus angebracht. Denn vielfach ähneln die soziologischen Impressionen einem Kaleidoskop, in dem sich Objekte aus farbigen Glas befinden. Beim Drehen des Kaleidoskops sorgen Spiegelungseffekte für stets neue farbige Muster und optische Eindrücke. Ähnlich verhält es sich mit den Impressionen sozialer Ängste. Hinter ihnen steht das Drehmoment sozialen Wandels. Von ihm lassen sich nur Momentaufnahmen gewinnen. Ob sich daraus etwas Mustergültiges ableiten lässt, ist ebenfalls ein zeitdiagnostisches Thema.6




Anmerkungen

1 Zu diesen Symptomen vgl. u.a. Thomas Fuchs – Stefano Micali, Die Enge des Lebens. Zur Phänomenologie und Typologie der Angst, in: Dies. (Hg.), Angst. Philosophische, psychopathologische und psychoanalytische Zugänge, Freiburg – München 2017, 98–118.
2 Siehe dazu Margarete Isermann – Christa Diegelmann, Angst. Emotionsarbeit in der Psychotherapie, Weinheim – Basel 2022.
3 Max Dehne, Soziologie der Angst. Konzeptuelle Grundlagen, soziale Bedingungen und empirische Analysen, Wiesbaden 2017; Christiane Lübke – Jan Delhey (Hg.), Diagnose Angstgesellschaft? Was wir wirklich über die Gefühlslage der Menschen wissen, Bielefeld 2019; Susanne Martin – Thomas Linpinsel (Hg.), Angst in Kultur und Politik der Gegenwart. Beiträge zu einer Gesellschaftswissenschaft der Angst, Wiesbaden 2020.
4 Vgl. Frank Biess, Republik der Angst. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik, Reinbek 2019.
5 Vgl. hierzu Judith Eckert, Gesellschaft in Angst? Zur theoretisch-empirischen Kritik einer populären Zeitdiagnose, Bielefeld 2019.
6 «Trotz ihrer off ensichtlichen Diff usität sagen die Ängste, die im Augenblick in der Öff entlichkeit Thema sind, etwas über eine bestimmte sozialhistorische Situation aus. Die Gesellschaftsmitglieder verständigen sich in Begriff en der Angst über den Zustand ihres Zusammenlebens: Wer weiterkommt und wer zurückbleibt; wo es bricht und wo sich schwarze Löcher auftun; was unweigerlich vergeht und was vielleicht doch noch bleibt. In Begriff en der Angst fühlt sich die Gesellschaft selbst den Puls», Heinz Bude, Gesellschaft der Angst, Hamburg 2014, 12. [...]


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